Naturphänomen: Forscherin filmt Schildkröten, soweit das Auge reicht

Jedes Jahr zieht es Hunderttausende Oliv-Bastardschildkröten nach Ostional in Costa Rica. Aber Tourismus und Bauprojekte könnte ihre Zukunft gefährden.Mittwoch, 27. November 2019

Jedes Jahr ereignet sich im Ostional National Wildlife Refuge in Costa Rica etwas Außergewöhnliches: Hunderttausende weibliche Schildkröten strömen an die Küste, um am Strand ihre Eier abzulegen.

Die Biologin und National Geographic Explorer Vanessa Bézy hat das Phänomen dieser Massenankünfte jahrelang erforscht, die im Spanischen als arribada bezeichnet werden. Im Rahmen ihrer Studien filmte sie die Reptilien – größtenteils Oliv-Bastardschildkröten –, die im Meer große Gruppen bilden, bevor sie den Strand erreichen. An einem Tag hatte sie besonderes Glück: Ihre Drohnenaufnahmen zeigen eine außergewöhnlich große Ansammlung der Tiere mit der womöglich größten Dichte von Meeresschildkröten, die je gefilmt wurde.

„Ich wusste sofort, dass da etwas Besonderes passierte“, sagt Bézy über den Schildkrötenschwarm, den sie im November 2016 gefilmt hatte. „Das Video verschlägt mir heute noch die Sprache. Das sah wie Autoscooter aus.“

 

Ostional ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen es zu solchen arribadas kommt. Vermutlich tummeln sich nur am Escobilla Beach im mexikanischen Oaxaca noch mehr wiederkehrende Schildkrötenbesucher.

Bézy hat ihre Aufnahmen nun veröffentlicht, weil die Schildkröten durch die steigenden Touristenzahlen gefährdet sind, wie sie erzählt. Die Besucher können die Strände zu kritischen Zeitpunkten verstopfen. Das Video soll verdeutlich, wie einzigartig dieser Ort ist – und dass er geschützt werden muss.

„Das ist das einzige Mal, dass ich eine Videoaufnahme dieses Phänomens im Wasser gesehen habe“, sagt Roldán Valverde, der wissenschaftliche Direktor der Sea Turtle Conservancy mit Sitz in Florida. Valverde arbeitet zudem als Biologe an der Southeastern Louisiana University. „Die meisten Aufzeichnungen, die das dokumentieren, werden an Stränden gemacht.“

Die Drohnenaufnahmen zeigen die dicht an dicht gedrängten Tiere, wobei auf einen Quadratmeter ungefähr eine Schildkröte kommt – eine Dichte, die sonst nirgendwo anders beobachtet wurde. Im Verlauf der Regenzeit wurden zudem im Schnitt 250 Schildkröten pro Quadratkilometer gezählt – ebenfalls ein überdurchschnittlicher Wert. Außerdem erkennt man im Video, dass regelmäßig Schildkröten auftauchen. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich unter der Wasseroberfläche noch viel mehr der Tiere befinden.

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Bézy hofft, dass ihre Forschungen bei der Beantwortung der Frage helfen können, warum sich dort zwischen August und Oktober so viele Schildkröten versammeln. Womöglich hängt das mit den Meeresströmungen, der Ausrichtung des Strandes, dem Sand und ähnlichen Faktoren zusammen. Solche arribadas könnten außerdem ein zusätzlicher Schutz für die Weibchen und ihre Eier sein, da die Überlebenschancen in Gruppen steigen, fügt Bézy hinzu.

Oliv-Bastardschildkröten sind eine der sechs Arten von Meeresschildkröten, die von der Weltnaturschutzunion als bedroht eingestuft werden. Solche Massenansammlungen seien ein lebenswichtiger Teil ihres Lebenszyklus, betont Bézy.

„Es ist ein ziemlich rätselhaftes Naturphänomen“, sagt sie. „Wir wissen nicht, wie und warum die Schildkröten das überhaupt koordinieren.“

Pläne für den Artenschutz

Die Siedlungen in und um Ostional wachsen rapide, weshalb Richtlinien aufgestellt werden müssen, um sicherzustellen, dass das auf verantwortungsvolle Weise geschieht, findet Bézy.

Eine der Gemeinden am Rand von Ostional, Nicoya, arbeitet an einem Regelwerk für die Entwicklung einer „Pufferzone“ rund um einen Teil des Schutzgebietes. Etwa 80 Prozent der Kommentare aus den Reihen der Gemeindemitglieder unterstützen das Vorhaben, sagt Francisco Jimenez von der Nosara Civic Association. Die Organisation arbeitet eng mit Stadtvertretern von Nicoya zusammen, um diese Richtlinien auszuarbeiten.

Einige Bauunternehmer sind allerdings nicht begeistert. Jeffrey Grosshandler, der Geschäftsführer von The Gilded Iguana Hotel und Miteigentümer eines Immobilien-Franchise in der Region, befürchtet, dass der Regulierungsprozess zu „juristischen Verunsicherungen“ bei den Bauunternehmern führen könnte. Er behauptet, die vorgeschlagenen Richtlinien seien von der Regierung nicht geprüft worden.

Bézy zufolge beschränken die Richtlinien die Gebäudehöhe, Ausleuchtung und andere Faktoren, die sich auf die Umwelt und die Schildkröten auswirken können. Sie empfindet die Einschränkungen als relativ milde, sagt aber auch, sie seien besser als gar nichts, da die bauliche Erschließung der Region so schnell voranschreitet.

Legale und illegale Eientnahme

Die Bebauung der ersten 200 Meter des Strandes ist ohnehin bereits verboten, wie auch in anderen Schutzgebieten des Landes.

Während der ersten zwei Tage der arribadas dürfen einige der Eier legal gesammelt werden, da sie ohnehin von den Schildkröten zertrampelt würden, die später ankommen. Die Einheimischen verkaufen die Eier und der Erlös fließt teilweise in Gemeindeprojekte für die Infrastruktur, Sicherheitspersonal und Strandreinigungen.

Valverdes Forschungen deuten darauf hin, dass die Eientnahme nachhaltig ist. Ihm zufolge liegt das auch an den festen Regeln, die beschränken, wann und wo die Eier entnommen werden dürfen. Die Population der Oliv-Bastardschildkröten in Ostional scheint außerdem stabil zu sein, auch wenn sie in den letzten Jahren ein wenig geschrumpft ist, sagt er.

Steigende Temperaturen sorgen für Männchenmangel bei Schildkröten
Die steigenden Temperaturen vor den australischen Küsten haben womöglich verheerende Folgen für den Bestand an Suppenschildkröten: Sie sorgen dafür, dass aus fast all ihren Eiern Weibchen schlüpfen.

Allerdings werden Eier auch illegal entnommen, sagt Bézy. Sie hat eine Nichtregierungsorganisation namens TortuGuiones Sea Turtle Conservation Project gegründet. Mit der Hilfe von engagierten Bürgerwissenschaftlern vor Ort sammelt sie Daten darüber, in welchem Umfang Eier entnommen und Gelege gestört wurden. Darüber hinaus hat Bézy eine weitere Gruppe ins Leben gerufen, die Wildlife Conservation Association. Diese setzt sich für den Schutz der Schildkröten ein und schließt beispielsweise Partnerschaften mit Touristengruppen, damit diese die Schildkröten auf verantwortungsvolle Weise beobachten können, ohne sie zu stören.

Bézy hofft, dass das Schicksal der Tiere den Menschen mehr am Herzen liegen wird, wenn sie das Video sehen – und dass sie den Schutz solcher besonderen Orte unterstützen.

„Jeder, dem ich das Video bislang gezeigt habe, war davon emotional berührt“, sagt sie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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