Sonnenwinde könnten Orientierungssinn der Wale stören

Eine Studie liefert Hinweise darauf, dass sich Grauwale mit Hilfe eines Magnetsinns orientieren. Sonnenwinde erhöhen daher die Wahrscheinlichkeit von Strandungen.Dienstag, 25. Februar 2020

Grauwale legen auf ihren Reisen entlang der nordamerikanischen Westküste jedes Jahr mehr als 16.000 Kilometer zurück – mehr als fast jedes andere Säugetier. Im Sommer ziehen sie nordwärts, oft bis zu den Aleuten bei Alaska. Im Winter geht es für sie dann wieder zurück in den warmen Süden, wo sie vor der Küste Mexikos die nächste Generation zur Welt bringen.

Neue Forschungen deuten nun darauf hin, dass geomagnetische Stürme ihre Navigationsfähigkeiten auf diesen langen Reisen beeinträchtigen und sogar zu Walstrandungen führen könnten. Daraus lässt sich schließen, dass Grauwale womöglich mit Hilfe des Erdmagnetfelds navigieren. Bisher war man sich nur sicher, dass sie sich über ihren Sehsinn orientieren.

Galerie: 9 faszinierende Aufnahmen von Walen

Magnetstürme – ausgelöst vom Sonnenwind, einem Strom geladener Teilchen – bombardieren die Erde mit besonders hoher elektromagnetischer Strahlung, die Technologien wie Satelliten und Stromnetze schädigen kann. Die meisten Tiere, darunter auch Menschen, spüren von diesen Magnetstürmen nicht viel, da das Erdmagnetfeld den Planeten vor dieser Strahlung schützt.

Die Erkenntnis, dass Magnetstürme zu Walstrandungen beitragen können, findet sich in einer Studie, die im Fachmagazin „Current Biology“ erschien. Damit hat die Liste an Phänomenen, die einen Bezug zu solchen Strandungen haben, einen weiteren Eintrag erhalten. Aktuell stranden ungewöhnlich viele Grauwale, was womöglich auch an einer Unterernährung durch Beutemangel liegt. Seit Januar 2019 sind mehr als 180 Tiere gestrandet – ein Vielfaches des sonstigen Durchschnitts.

Drohnenaufnahme: Junger Grauwal schwimmt mit Badegästen

Die Ökologin Jesse Granger von der Duke University und ihre Kollegen wollten sich ein besseres Bild davon machen, welche Faktoren mit den Strandungen zusammenhängen. Dafür analysierten sie Aufzeichnungen über Grauwale, die seit 1985 lebendig an der amerikanischen Westküste gestrandet sind. Ihre Auswahl trafen sie, um vorab bereits andere Faktoren auszuschließen: Die betroffenen Tiere schienen weder krank noch verletzt gewesen zu sein. Warum fanden sie also auf diese Weise ihr Ende?

Die Forscher entdeckten, dass es an Tagen mit besonders starkem Radiofrequenzrauschen, das durch Sonnenwinde ausgelöst wird, mit viermal größerer Wahrscheinlichkeit zu Walstrandungen kam.

Störsignale für die Navigation

Bei anderen Tieren wie dem Rotkehlchen wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen, dass Breitbandrauschen im hochfrequenten Bereich den geomagnetischen Orientierungssinn kurzzeitig stört. Dieser Sinn erlaubt es den Tieren, die Unterschiede im Erdmagnetfeld wahrzunehmen, das je nach Ort variiert. So wissen sie, wo sie sich gerade befinden und wohin sie sich bewegen.

Die Forscher vermuten, dass Gleiches auch bei den Walen geschieht, sagt Granger, die aktuell an ihrer Promotion arbeitet.

„Die Studie liefert zwar keine schlüssigen Beweise für eine Magnetorezeption bei Walen, dafür aber Hinweise in diese Richtung, weil einige andere mögliche Ursachen der Strandungen wie Kollisionen mit Schiffen, Beifang oder offensichtliche Krankheiten ausgeschlossen wurden“, sagt Ellen Coombs. Die Forscherin am University College London war an der Studie nicht beteiligt. „Außerdem untersuchen sie sehr detailliert die geophysikalischen Parameter, die von Sonnenwinden beeinträchtigt werden, und wie sich das auf die Navigation der Wale auswirkt.“

Wir wissen bereits, dass andere Meerestiere – wie Meeresschildkröten und Lachse – unter Wasser lange Strecken zurücklegen, indem sie sich an diesen Magnetfeldern orientieren, sagt Kent Lohmann von der University of North Carolina. Dieser Sinn wurde auch bei anderen Tieren festgestellt: Bienen, Vögel, Ameisen, Termiten und wahrscheinlich sogar bei ein paar Amphibien. Ob sich die Sonnenwinde auch auf ihre Navigationsfähigkeiten auswirken, ist größtenteils nicht bekannt.

Bei manchen Tieren konnten Forscher den magnetischen Sinn nachweisen, indem sie sie zwischen große Magnetspulen gesetzt haben. Wale sind für solche Experimente aber bei Weitem zu groß.

Grauwale verbringen einen Großteil ihrer Lebenszeit unter Wasser, wo es kaum visuelle Orientierungshilfen gibt. Daher sei es sinnvoll anzunehmen, dass sie noch andere Sinne außer ihrem Sehsinn verwenden, sagt Coombs.

Mysteriöser Magnetsinn

In ihrer Studie berücksichtigten die Forscher auch andere Faktoren wie die Klimazyklen und jahreszeitliche Veränderungen, die aber keinen Einfluss auf die Strandungen zu haben schienen. Außerdem untersuchten sie die Schwankungen des Erdmagnetfelds, den sogenannten Ap-Index, um herauszufinden, ob dieser Einfluss auf die Strandungen hatte. Tatsächlich hatte er das nicht, was Granger zunächst überraschte. Sie hatte damit gerechnet, dass die lokalen Abweichungen im Magnetfeld den Orientierungssinn der Wale stören würden, weshalb sie dann strandeten.

Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Stattdessen sieht es so aus, als wären die Tiere zeitweise „blind“ und verlören deshalb die Orientierung und strandeten, erklärt sie.

Vögel nutzen vermutlich spezielle Proteine in ihrer Netzhaut, die als Cryptochrome bezeichnet werden, um das Magnetfeld der Erde wahrzunehmen. Es wäre plausibel anzunehmen, dass das Radiofrequenzrauschen diesen Prozess stört, bei dem das Gehirn sehr subtile elektrochemische Unterschiede erkennen muss. Es gibt allerdings auch andere Möglichkeiten, Magnetismus wahrzunehmen. Eine davon sind kleine Partikel des Eisenerzes Magnetit, die im Nervensystem einiger Tiere vorkommen.

Granger betont, dass viele andere Faktoren ebenfalls zu den Strandungen beitragen, darunter Krankheiten, Nahrungsmangel, Zusammenstöße mit Schiffen und menschliche Technologien wie Sonar oder seismische Verfahren bei der Erdölprospektion.

„Es gibt vermutlich keinen singulären Grund für die Strandungen und keine Möglichkeit, sie alle zu verhindern“, sagt Lohmann. „Aber für Naturschützer ist es auf jeden Fall hilfreich, die Faktoren zu kennen, die Strandungen wahrscheinlicher machen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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