Tiere

Walschnodder für die Wissenschaft

Einatmen, ausatmen, Hormonspiegel messen. Mit einer neuen Technik können Forscher Wale nun besser untersuchen.Friday, July 27

Von Jason Bittel
Mit diesem einzigartigen Gerät können Forscher Walblas sammeln und daraus Informationen über die Gesundheit der Tiere ableiten. Das Bild wurde im Einklang mit dem Species at Risk Act mit Genehmigungen der NOAA und DFO aufgenommen

 

So manchen würde es überraschen, was man aus dem Blasloch eines Wals alles lernen kann.

Seit fast einem Jahrzehnt versuchen Forscher bereits, Daten aus dem sogenannten Blas zu gewinnen – also der Luft und den Sekreten, die ein Wal nach dem Tauchvorgang ausstößt. Diese Gase und Flüssigkeiten enthalten wichtige Informationen über die Geschlechtsreife der Wale, ihren Trächtigkeitsstatus, ihren Stoffwechsel und den Stresspegel.

Um den Blas einzusammeln, fahren die Wissenschaftler mitunter in Booten neben auftauchenden Walen und entnehmen mit Hilfe eines langen Stabs Proben. Dann entfernen sie sich wieder, bevor sie die Tiere stören. Einige Forscher haben sogar schon erfolgreich Drohnen mit Petrischalen ausgestattet, um Proben zu sammeln.

Aber wenn der Blas erst mal eingesammelt wurde, beginnt der komplizierte Teil.

Da Wale an der Wasseroberfläche ausblasen, vermischt sich das ausgestoßene Material mit dem Meerwasser, wodurch die Proben verwässern.

Zum Glück gibt es nun eine neue Möglichkeit, das wichtige Material aus dem Blas zu destillieren, wie in „Scientific Reports“ berichtet wurde. Die Forscher messen die Konzentration des Harnstoffs (in Kosmetika auch als Urea bezeichnet), der ein natürliches Nebenprodukt des Stoffwechsels ist und in Blut, Urin und ausgeblasenen Sekreten vorkommt. Auf diese Weise können sie feststellen, wie verwässert eine Blasprobe ist.

So wirkt der Harnstoff wie ein Decoder, mit dessen Hilfe Wissenschaftler korrekte Werte für Hormone und andere wichtige Biomarker feststellen können.

„Dieses Werkzeug hat wirklich das Potenzial, unsere Perspektive zu erweitern“, sagt Elizabeth Burgess, eine Wissenschaftlerin am Anderson Cabot Center for Ocean Life des New England Aquarium. Sie ist die Hauptautorin der neuen Studie, die das Verfahren beschreibt.

SANFTE WISSENSCHAFT

Burgess zufolge hätten sie und ihre Co-Autoren die Bedeutsamkeit des Harnstoffs ohne die Atlantischen Nordkaper (Eubalena glacialis) nie entdeckt.

Trotz der Tatsache, dass es nicht einmal mehr 450 dieser gefährdeten Giganten gibt, gehören die Atlantischen Nordkaper zu den am besten untersuchten Walen der Welt. Wissenschaftler pflegen ein detailliertes Profil für jeden Wal des Bestandes und listen dabei unter anderem Geschlecht, Alter, genetische Informationen und Partner sowie Nachkommen auf.

Das Team nutzte bereits vorhandene Informationen über die Tiere, um den Hormonspiegel im Blas zu bestimmen. Dann verglichen die Forscher die Ergebnisse mit anderen Proben, zum Beispiel aus dem Stuhl und Blut der Wale.

„Wir haben Daten aus mehr als 40 Jahren genutzt, die vom North Atlantic Right Whale Consortium gesammelt und vom New England Aquarium katalogisiert wurden“, sagt Burgess.

Diane Gendron, eine Meeresbiologin vom National Polytechnic Institute in Mexiko und eine Vorreiterin im Bereich der Blasforschung, bezeichnete die neue Studie als „sehr wichtig für die Langzeitbeobachtung“. Die Entnahme von Blasproben sei ihr zufolge deutlich einfacher, als auf Kotproben zu hoffen.

Schließlich kann man nie ganz vorhersagen, wann der Wal mal muss.

Durch die Analyse des Harnstoffs können die Forscher mehr über die Physiologie der Wale erfahren und beispielsweise herausfinden, wie die Tiere auf Stressfaktoren wie Lärm und das Verheddern in Fischereiausrüstung reagieren. Letztere ist derzeit die häufigste Todesursache für Atlantische Nordkaper.

Für die Tiere selbst kann Hilfe gar nicht früh genug kommen. Es ist mittlerweile fast zwei Jahre her, seit Wissenschaftler das letzte Kalb gesichtet haben. Manche Experten befürchten, dass die Art in 20 Jahren aussterben könnte.

DIE WUNDERVOLLE WELT DES WALSCHNODDERS

Atlantische Nordkaper sind trotz ihres akuten Gefährdungsstatus’ aber bei Weitem nicht die einzigen Tiere mit Blaslöchern, die von der verbesserten Analysemethode profitieren können.

Die Studentin Justine Hudson von der kanadischen University of Manitoba versucht während ihrer Feldforschung, Proben von Belugaschnodder zu sammeln, um den Stresspegel der Population zu messen.

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„Diese Studie wird mir bei meiner Forschung definitiv helfen“, sagt sie. „Unsere Proben enthalten viel Wasser, weil wir sie von freischwimmenden Belugas sammeln. Das erschwert es festzustellen, wie viele ausgeatmete Gase die Probe enthält.“

Genau wie bei Nordkapern ist auch bei den Belugas das Ziel, Untersuchungsmethoden zu finden, die den Tieren nicht schaden.

„Wir arbeiten in Churchill in Manitoba, und die Mitglieder der Gemeinde haben darum gebeten, dass wir die Belugas auf die am wenigsten invasive Weise untersuchen“, sagt Hudson.

„Nicht-invasive Probeentnahmen sind auch für Stressstudien wichtig, weil viele Techniken, die bislang genutzt wurden, um Stress zu untersuchen, eine Stressreaktion auslösen können.“

Burgess zufolge sei es immer spannend, Teil von etwas Neuem zu sein. Aber „es ist ein ganz besonderer Kick“, bei der Verbesserung einer neuen Technik zu helfen, „die von anderen Walbiologen auf ungeahnte Weise genutzt werden könnte.“

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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