Heuschreckenplage in Ostafrika: Die Insekten mit den zwei Gesichtern

Wüstenheuschrecken sind Einzelgänger, aber unter den richtigen Bedingungen kippt bei ihnen ein biologischer Schalter: Dann mutieren sie zu Schwarmtieren.

Thursday, May 14, 2020,
Von Haley Cohen Gilliland
Bilder Von David Chancellor
Wüstenheuschrecken

Ausgewachsene Wüstenheuschrecken zählen zu den zerstörerischsten Ungeziefern der Welt: Jedes einzelne Tier der großen Schwärme, die teils Milliarden Exemplare umfassen, kann pro Tag sein eigenes Körpergewicht an Vegetation fressen. Seit Januar kämpft Kenia mit der schlimmsten Heuschreckeninvasion seit 70 Jahren. Während sich die Tiere weiter vermehren, schreitet in Ostafrika die Anbausaison voran. Die Feldfrüchte sind dann besonders empfindlich und Experten sind besorgt, dass die Heuschreckenplage für 25 Millionen Ostafrikaner eine Hungersnot bedeuten könnte.

Bild David Chancellor, National Geographic

„Diese … Schwärme … sind furchterregend“, stammelt Albert Lemasulani atemlos, als er im April 2020 ein Video von sich aufnimmt. Darin kämpft er sich durch einen Schwarm Wüstenheuschrecken im Norden Kenias, schlägt sich die Tiere immer wieder aus dem Weg und von seinem Körper. Die teils bis zu neun Zentimeter langen Insekten schwirren in dichten, dunklen Wolken um ihn herum. Ihre Flügel knattern wie 10.000 Kartendecks, die gleichzeitig gemischt werden. Er stöhnt: „Es sind Millionen. Überall … nur am Fressen … es ist ein Albtraum.“

Der 40-jährige Lemasulani lebt mit seiner Familie in Oldonyiro. Dort hält er sich Ziegen, die von den Bäumen und Büschen in der Umgebung leben. Er hatte früher schon Geschichten über Heuschrecken gehört, die in seiner Gemeinschaft erzählt wurden. Anfang 2020 sah er sie dann zum ersten Mal mit eigenen Augen: Die größte Invasion der hungrigen Insekten, die es seit Jahrzehnten gegeben hat, fiel über Ostafrika her. Mit ihrem scheinbar unstillbaren Hunger können Heuschrecken vernichtende landwirtschaftliche Schäden anrichten. Eine ausgewachsene Wüstenheuschrecke kann jeden Tag ihr eigenes Körpergewicht von etwa zwei Gramm an Vegetation fressen. In einem einzigen Schwarm können bis zu 70 Milliarden Insekten leben – genug, um New York City mehr als einmal komplett zu bedecken. Pro Tag können sie um die 136 Millionen Kilogramm an Feldfrüchten zerstören. Selbst kleinere Schwärme von etwa 40 Millionen Wüstenheuschrecken verzehren am Tag so viel wie 35.000 Menschen.

Ein großer Schwarm Heuschrecken fällt im April über Akazienbäume im Norden Kenias her. Die Schwärme können auf bis zu 70 Milliarden Insekten anwachsen – genug, um das Stadtgebiet von New York City anderthalb Mal zu bedecken. Pro Tag können sie 136 Millionen Kilogramm Biomasse vertilgen.

Bild David Chancellor, National Geographic

Aktuell leiden Äthiopien und Somalia unter der schlimmsten Heuschreckeninvasion seit 25 Jahren. Für Kenia ist es sogar die schlimmste der letzten 70 Jahre. In der Region hat gerade die Wachstumssaison begonnen. Aber nicht nur die Pflanzen wachsen, sondern auch die Heuschreckenschwärme. Durch das Coronavirus konnten nur sehr begrenzte Maßnahmen zur Bekämpfung durchgeführt werden, und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass im Laufe des Jahres bis zu 25 Millionen Ostafrikaner Hunger leiden könnten.

In Äthiopien, Kenia, Somalia, Eritrea und Dschibuti ist laut der FAO schon jetzt die Ernährungssicherheit von etwa 13 Millionen Menschen stark gefährdet. Das bedeutet, dass sie mitunter einen ganzen Tag nicht essen oder ihre Nahrungsvorräte aufgebraucht sind.

Kartenansicht: Gesichtete Heuschreckenschwärme in Ostafrika

„Wir haben Angst um unsere Zukunft, weil diese Schwärme bedeuten, dass wir kein Futter für unsere Tiere haben“, sagt Lemasulani. Auch die Bauern sind besorgt um ihre Feldfrüchte. „Wir beten, dass Gott die Heuschrecken für uns verschwinden lässt. Die sind genauso entsetzlich wie COVID-19.“

Am Anfang war die Heuschrecke

Wüstenheuschrecken vermehren sich, wenn in trockenen Gebieten Regen fällt. Dann legen sie ihre Eier in den feuchten, sandigen Boden – immer in der Nähe von Vegetation, die ihr Nachwuchs fressen kann, bis sich die Flügel der Tiere ausbilden. Dann können die Insekten losziehen, um in größeren Gebieten nach Nahrung zu suchen.

Eine tote Heuschrecke auf einem Ast. Wüstenheuschrecken können fast zehn Zentimeter lang werden und leben zwischen drei und fünf Monaten. Ihr Lebenszyklus besteht aus drei Phasen: Ei, Nymphe und Imago. Heuschrecken sind oft Einzelgänger, aber unter den richtigen Bedingungen vermehren sie sich exponentiell und wechseln von einer solitären in die sogenannte gregäre Phase – dann werden sie zu Schwarmtieren. Dabei wechseln sie auch ihre Farbe und Form, weshalb man bis 1921 glaubte, dass es sich um zwei verschiedene Heuschreckenarten handelte.

Bild David Chancellor, National Geographic

Der kenianische Hirte Albert Lemasulani verfolgt die Heuschreckenschwärme seit Januar für die kenianische Regierung und die FAO. Anfang des Jahres erreichten die Insekten seine Heimatstadt Oldonyiro im Norden Kenias. Für gewöhnlich werden sie mit Pestiziden bekämpft, aber da sie bis zu 130 Kilometer pro Tag zurücklegen können, ist es schon eine Herausforderung, sie überhaupt zu finden.

Bild David Chancellor, National Geographic

Wüstenheuschrecken bevorzugen grüne Vegetation und können Pflanzen wie diesen Busch im Norden Kenias vollständig kahlfressen. Die FAO warnt, dass Millionen Menschen von Hunger bedroht sein könnten, wenn die Schwärme noch weiter in landwirtschaftliche Bereiche vordringen.

Bild David Chancellor, National Geographic

Wenn Heuschrecken genügend Platz haben, um sich auszubreiten, meiden sie einander. Unter günstigen Umständen kann der Bestand von Wüstenheuschrecken jedoch alle drei Monate um das Zwanzigfache anwachsen. Wenn es eng wird, stellt sich eine Verhaltensänderung bei den Tieren ein: Sie werden von Einzelgängern zu Schwarmtieren und bilden gewaltige Gruppen.

In letzter Zeit waren die Bedingungen für die Fortpflanzung und Migration der Tiere nicht nur günstig, sondern perfekt. 2018 und 2019 sorgten eine Reihe von Zyklonen, die über dem Indischen Ozean entstanden, dafür, dass die Sandwüsten der Arabischen Halbinsel besonders viel Niederschlag erhielten. Die Heuschrecken vermehrten sich daraufhin explosionsartig.

Das Leben einer Heuschrecke

„Wir stellen uns Wüsten oft als harsche Umgebungen vor, in denen nicht viel wächst – und oft stimmt das auch“, sagt der National Geographic-Stipendiat Dino Martins. Er ist Entomologe, Evolutionsbiologe und der leitende Direktor des Mpala Research Centre im Norden Kenias. Das Zentrum arbeitet daran, das Genom der Wüstenheuschrecken zu sequenzieren. So wollen die Forscher herausfinden, welche ökologischen und genetischen Faktoren die Heuschrecken dazu bringen, von Einzelgängern zu Schwarmtieren zu werden. „Wenn [in Wüsten] die richtigen Bedingungen herrschen, legt sich bei ihnen ein Schalter um. Dann hat man plötzlich eine Situation mit einer Menge biologischer Aktivität. Genau das sehen wir gerade“, sagt er.

Dieses Tal liegt auf dem Weg der Heuschrecken, deren Richtung vorrangig vom Wind vorgegeben wird.

Bild David Chancellor, National Geographic

Bis Juni 2019 hatten sich große Schwärme gebildet, die in der Region umherzogen. Sie flogen über das Rote Meer nach Äthiopien und Somalia. Unterstützt von den ungewöhnlich starken Regenfällen, die von Oktober bis Dezember in Ostafrika niedergingen, breiteten sich die Insekten südwärts bis nach Kenia, Uganda und Tansania aus

Ivy Ngiru ist die Labormanagerin des Forschungszentrums. Hier untersucht sie gerade gefrorene Wüstenheuschrecken. Die Wissenschaftler hoffen, dass eine Sequenzierung des Heuschreckengenoms ihnen dabei helfen wird, zu verstehen, welche genetischen und ökologischen Variablen dazu führen, dass aus den einzelgängerischen Insekten plötzlich Schwarmtiere werden.

Bild David Chancellor, National Geographic

Im Mpala Research Centre werden gefrorene Wüstenheuschrecken für die Forschung aufgehoben. Dort arbeiten Wissenschaftler an der Sequenzierung des Insektengenoms. „Die Wüstenheuschrecke ist ein mysteriöses Tier, das ein Doppelleben führt“, sagt Dino Martins, der leitende Direktor des Forschungszentrums. Einerseits ist sie „ein ziemlich unspektakulärer, normaler Grashüpfer, der ums Überleben kämpft. Wenn es bessere Bedingungen zulassen, […] wird sie zu einer gefräßigen Bestie, die sich sowohl in die Luft als auch über weite Strecken bewegen kann.“ Wüstenheuschrecken haben eines der größten Genome aller bekannten Tiere, sagt er.

Bild David Chancellor, National Geographic

Seit die Heuschrecken Ostafrika erreicht haben, herrschten weiterhin günstige Brutbedingungen, sodass sich die Schwärme vergrößert haben. „Ich kann nicht sagen, ob es jetzt zwanzigmal so viele sind, aber die Population ist deutlich größer“, sagt Cyril Ferrand. Er ist der Leiter des Resilience Team der FAO, welches die Situation rund um die Wüstenheuschrecken global beobachtet.

Als die erste Heuschreckenwelle Ende 2019 in der Region eintraf, war ein Großteil der Feldfrüchte bereits reif oder geerntet worden. Aber das Timing der aktuellen „zweiten Generation“ – eine noch größere Welle – ist besorgniserregend.

Etwa Mitte März beginnt die Hauptwachstumssaison in Ostafrika. Dann sind die jungen Pflanzen besonders anfällig für Schäden durch die Heuschrecken, sagt Anastasia Mbatia, die technische Managerin für Landwirtschaft bei Farm Africa. Die wohltätige Organisation arbeitet mit Farmern, Hirten und Waldgemeinden in Ostafrika zusammen. „Wenn [die Heuschrecken] die Keimblätter fressen, können die Pflanzen nicht gewachsen“, erklärt sie. „Die Bauern müssten dann noch mal aussäen.“ Aber eine zweite Aussaat in den kommenden Wochen wäre wahrscheinlich auch nicht erfolgreich, da das beste Wachstumswetter mittlerweile vorbei ist.

Schwarmjagd mit Pestiziden

Um der Heuschreckenexplosion Herr zu werden, greifen Regierungen oft auf Pestizide zurück, die entweder von der Luft aus oder direkt am Boden gesprüht werden. Laut Ferrand von der FAO sei es während der COVID-19-Pandemie aber besonders schwierig, die entsprechenden Chemikalien zu besorgen. „Es gab Verzögerungen bei der Auslieferung. Das bedeutet auch, dass es aktuell viel schwieriger ist, mit den Pestiziden zu haushalten, da global auch weniger Flugzeuge fliegen“, erzählt er.

Wüstenheuschrecken fliegen für gewöhnlich tagsüber und ruhen sich am Abend aus. Lemasulani erzählt, dass er versucht, die Schwärme am Nachmittag aufzuspüren, damit die Schädlingsbekämpfer sie leichter finden.

Bild David Chancellor, National Geographic

In Ländern wie Kenia, die nur wenig Erfahrung mit so großen Heuschreckenschwärmen haben, lässt sich zudem nur schwer vorhersagen, wo man am besten sprühen sollte. Der Weg der Heuschrecken wird größtenteils von der Windrichtung und -geschwindigkeit vorgegeben. Pro Tag kann ein Schwarm an die 130 Kilometer zurücklegen. (1988 schafften Wüstenheuschrecken die Strecke von Westafrika bis zur Karibik in nur zehn Tagen.)

Um den enorm mobilen Schwärmen auf den Fersen zu bleiben, verlässt sich die FAO zunehmend auf Informationen von Einheimischen wie Lemasulani, die schon im Januar freiwillig begannen, die Position der Schwärme zu verzeichnen.

Galerie: Frühe Makroaufnahmen von Insekten & Spinnen

Lemasulani hat ein großes Netzwerk aus Kontakten, die ihn anrufen, wenn sie die Insekten entdecken. Dann mietet er sich ein Motorradtaxi, das ihn zu dem Schwarm bringt. Sobald er die Heuschrecken findet, gibt er ihre Koordinaten in einer App namens elocust3m ein, die Ende Februar veröffentlicht wurde. Verantwortlich dafür waren David Hughes und seine Kollegen vom Plant Village Program der Pennsylvania State University. Hughes entwickelte die App auf Anfrage der FAO hin, deren Angestellte schon seit 2014 ein ähnliches Trackingprogramm auf speziellen Tablets nutzen. Die Daten werden dann mit der Regierung geteilt, die entscheiden kann, wie sie darauf reagiert.

Erst seit Kurzem deckt Plant Village Lemasulanis Transport- und Telefonkosten für die Heuschreckenjagd. Vorher hat er seine Arbeit aus eigener Tasche finanziert.

Als sich Lemasulani ein rotes Tuch um die Schultern legt, um sich vor dem einsetzenden Regen zu schützen, sagt er über den Videochat: „Ich komme aus einer armen Familie. Meine Schulbildung wurde von der katholischen Kirche in Oldonyiro bezahlt. Ich habe meinen Sponsor nie persönlich getroffen. Es gibt für mich keine Möglichkeit, ihm all das je zurückzuzahlen. Aber ich fühle mich gut dabei, dass ich meiner Gemeinde etwas zurückgeben kann.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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