Tiere

Wundheilende Maden, leichenfressende Käfer und andere Insekten mit schaurigen Jobs

Ob Nahrungsmittel, Forensik oder Medizin – in vielen Bereichen ziehen wir großen Nutzen aus den kleinen Tierchen. Freitag, 3 November

Von Liz Langley

Manche Insekten verbringen den Sommer damit, uns beim Picknick zu stören. Auf andere wartet hingegen deutlich wichtigere – und mitunter etwas unheimliche – Arbeit.

Da gibt es natürlich die Insekten, die Blüten bestäuben und denen wir daher viele unserer Nahrungsmittel zu verdanken haben. Aber was ist mit denen, die sang- und klanglos ihre durchaus bedeutsame Tätigkeit verrichten?

BILDUNG

Skelette, die in Museen ausgestellt werden, verdeutlichen unter anderem, wie sich Tiere im Laufe der Evolution entwickeln oder wie sie sich bewegen und schützen. In seinem Buch „The Skeleton Revealed“ (dt. Die Offenbarung des Skeletts) offenbart der Biologe Steve Husky von der Western Kentucky Universität Knochen mit Hilfe von winzigen  Speckkäferlarven.

Nachdem Huskey ein Exemplar zerlegt und getrocknet hat, gelangen diese fleischfressenden Käfer „in jeden Winkel“, ohne einen einzigen Knochen zu beschädigen.

„Das ist die unschädlichste Methode“, um ein Ausstellungsskelett zu präparieren, sagt Huskey. Seine Käferkolonie ist schon 20 Jahre alt, insofern passiert die Säuberung von Knochen da offensichtlich im Familienbetrieb.

FORENSIK

Andere Insekten sind wählerischer. Sie mögen nur frische Leichen.

Ausgewachsene Insekten treiben sich über einen längeren Zeitraum auf Leichnamen herum, aber die Maden der Goldfliege „können nicht kauen“ und sind daher oft zuerst da. Sie brauchen „feuchtes Gewebe“ aus den frühen Stadien der Verwesung, sagt Jason Byrd, ein forensischer Entomologe von der Universität von Florida. „Käferlarven haben starke Mandibeln“ und übernehmen dann, wenn das Gewebe austrocknet.

Diese gestaffelte Präsenz von Insektenlarven auf Leichnamen in Kombination mit anderen Faktoren wie Temperatur und Ort erlaubt es forensischen Entomologen, „die minimale Zeit“ zu bestimmen, die seit dem Versterben vergangen ist. Das sei eine hilfreiche Information für Kriminologen, sagt Byrd.

Als nächstes tummeln sich Goldfliegen auf der Leiche und legen innerhalb einer Stunde „beträchtliche Mengen an Eiern“, sagt Neal Haskell. Er ist ein forensischer Entomologe an der Universität von Nebraska, Lincoln, und der Universität von Wisconsin, Madison, und ein privater Berater für Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt. Im Anschluss kommen dann die größeren Glanzfliegen (Phormia regina), gefolgt von den winzigen Buckelfliegen Megaselia scalaris. Aaskäfer wie der Amerikanische Aaskäfer schließen sich an, und letztendlich geben sich auch die Speckkäfer die Ehre.

Ihr Verhalten ist ebenso nuanciert wie die Wissenschaft darum. Beides könnte aber den Unterschied zwischen „Leben und Tod oder Gefängnis“ für jemanden bedeuten, „also muss man seine Arbeit gut machen“, sagt Haskell.

MEDIZIN

Die kleinen, leichenfressenden Maden der Goldfliege helfen mitunter auch bei der menschlichen Heilung.

Medizinische Maden können genutzt werden, um abgestorbenes Gewebe an Wunden wie  diabetischen Geschwüren zu entfernen, wenn sie „über einen Zeitraum von vier oder mehr Wochen keine Anzeichen der Heilung zeigen“, sagt Ronald Sherman. Der Arzt ist der Gründer der Monarch Labs. Das Unternehmen verkauft auf Rezept sterile Maden für diese Behandlungsform.

Maden haben „mehrere Mechanismen“, um Wunden zu heilen, sagt Max Scott, ein Entomologe von der North Carolina State Universität. Sie fressen totes Gewebe, aber rühren die gesunden Stellen nicht an. Außerdem sondern sie aktiv Peptide und möglicherweise auch andere biochemische Stoffe ab, „die das Bakterienwachstum hemmen.“

Letztes Jahr schrieb Scott als Co-Autor an einer Studie mit, die zeigte, dass Maden genetisch verändert werden können, damit sie ein Protein produzieren, das Wundheilung und menschliches Zellwachstum fördert.

Die Aufzeichnungen über die Verwendung von Maden bei der Wundbehandlung reichen über ein Jahrhundert zurück. Trotz Antibiotika und anderen Fortschritten der modernen Medizin haben sich die kleinen Insekten als erfolgreiche Heiler erwiesen.

Auch, wenn sie vielleicht noch ein kleines Imageproblem haben, könnten sie in Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen schon bald von unschätzbarem Wert sein.

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