Vorbildliche Rollenverteilung: Wenn Kaiserpinguine Kinder kriegen

Im Sommer ist das Meereis der Antarktis die Kinderstube der Kaiserpinguine. Weibchen und Männchen arbeiten im Team und sichern so das Überleben der Küken. Doch die Flächen schrumpfen. Ist ihr Überleben in Gefahr?

Friday, June 19, 2020,
Von Helen Scales
Kindergarten der Kaiserpinguine

Gegen Ende Juli schlüpfen die Küken - überwacht von ihren Vätern. Denn Brüten ist Männersache. Nach der Paarung und Eiablage sind die Weibchen für zwei Monate zum Fressen ins Meer zurückgekehrt. Nach ihrer Rückkehr teilen sich die Mütter die Kinderbetreuung mit ihren Partnern.

Bild Stefan Christmann

Zuerst taucht ein schwarzer Punkt in der Ferne auf. Weitere Punkte kommen hinzu und verbinden sich zu Linien, die über die Eislandschaft mäandern. „Dann hört man die ersten Rufe“, sagt der Fotograf Stefan Christmann. In jenem Moment wird ihm klar: „Die Vögel kommen zurück.“ Es ist Ende März in der Atka-Bucht im antarktischen Königin-Maud-Land, 4325 Kilometer südwestlich von Afrika. Über zwei Monate hat Christmann darauf gewartet, dass die Kaiserpinguine von ihrer Nahrungssuche im Meer zurückkehren.

Die etwa einen Meter großen und über 40 Kilogramm schweren Vögel gelten als die größten Vertreter der Pinguine. Christmann wird die rund 10 000 Tiere der Kolonie über den Winter begleiten. Bereits vor fünf Jahren verbrachte er einen Winter bei ihnen in der Atka-Bucht. Nun möchte er seine damaligen Aufzeichnungen über den Brutzyklus der Kaiserpinguine abrunden; ein Vorhaben, das bisher nur wenige Naturfotografen in Angriff genommen haben. Mit Temperaturen von minus 45 Grad und darunter und kreischenden Schneestürmen ist der antarktische Winter nichts für Zartbesaitete, besonders in den kältesten Monaten Juli und August. „Nach einer Weile gewöhnt man sich daran“, bemerkt Christmann trocken.

Schrumpfende Flächen des Meereises gefährden die Zukunft der Tiere

Die Kaiserpinguine hingegen werden sich kaum daran gewöhnen, dass das Meereis abnimmt. Es ist ihre Basis – hier brüten sie, von hier gehen sie auf Nahrungssuche. Was, wenn es ganz verschwindet? Kaiserpinguine sind exzellente Schwimmer. Doch ihre Küken müssen die etwa 256 500 Brutpaare in den 54 Kolonien der Antarktis außerhalb des Wassers auf dem Meereis großziehen, bevor der Frühling kommt und das Eis schmilzt.

Erstauntes Pinguin-Pärchen entdeckt „Das Selfie“
Ein neugieriges Pinguinpärchen fotobombt eine Kamera, die auf dem Eis bei ihrer Kolonie in der Nähe der Mawson-Station in der Antarktis zurückgelassen worden war. Der Kaiserpinguin ist mit durchschnittlich 1,20m die größte Pinguinart der Welt.

Die Meereisfläche rund um die Antarktis ist in ihrer Größe sehr variabel; vor fünf Jahren aber nahm sie laut einer im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichten Studie schlagartig ab; 2017 schrumpfte sie auf ein Rekordminimum. Momentan scheint sich das Meereis zu erholen, aber seine Ausdehnung liegt weiterhin unter dem langjährigen Mittel. Bis zum Ende des Jahrhunderts sagen Klimamodelle weitere Verluste voraus – falls der Mensch nicht handelt.

„In einem Weiter-so-Szenario steuern Kaiserpinguine geradewegs Richtung Aussterben“, erklärt Stéphanie Jenouvrier, Biologin und Seevogelexpertin am Ozeanografischen Institut in Woods Hole, Massachusetts. Ihren Ergebnissen zufolge könnten ungehindert steigende CO2- Emissionen dazu führen, dass bis zum Jahr 2100 80 Prozent der Kolonien verschwunden sind. Bis dahin werden sich die weltweiten Durchschnittstemperaturen voraussichtlich um drei bis fünf Grad Celsius erhöhen. Ließe sich die globale Erwärmung jedoch auf unter 1,5 Grad begrenzen, gingen womöglich nur 20 Prozent der Kolonien verloren, so Jenouvrier, während die Populationen im Ross- und Weddellmeer sogar leichte Zuwächse verzeichnen würden.

Im Herbst beginnen die Pinguine ihre etwa zehn Kilometer lange Wanderung vom offenen Meer zu ihrem Brutplatz in der Atka-Bucht. Wegen der Klimaerwärmung schrumpft die Eisfläche, die sie für Partnersuche, Brut und Aufzucht ihrer Küken benötigen.

Bild Stefan Christmann

Enge Bindung unter Pinguin-Paaren sichert das Überleben des Kükens

Nachdem sich die Pinguine der Atka-Bucht auf dem frisch gebildeten Meereis niedergelassen haben, beginnt Christmann mit seiner Arbeit – und die Tiere mit ihrer. In der Balz umwirbt das Männchen seine diesjährige Partnerin. Es folgt eine kurze, etwas unbeholfene Begattung, bei der das Männchen sein Bestes gibt, nicht vom Weibchen herunterzufallen. Danach bleiben die Partner zusammen. Ihre enge Bindung trägt dazu bei, das Überleben des Kükens zu sichern – ihres einzigen Nachkommens dieser Saison. Einmal beobachtet Christmann, wie ein Pinguinpaar einen Schneeball beäugt, den das Weibchen vorsichtig auf seinen Füßen balanciert. Möglicherweise ist es ein Pärchen, das sich zum ersten Mal fortpflanzt und seine Fertigkeiten im Eibalancieren trainiert. Ende Mai kommen die ersten Eier zum Vorschein, jeweils eines pro Weibchen.

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Brütende Männchen: Sechs Monate Stille

Da die Eiablage körperlich ihren Tribut gefordert hat, gibt das hungrige Weibchen sein Ei vorsichtig an den Partner weiter und macht sich zum Verlassen der Kolonie bereit. Die weiblichen Pinguine kehren zur Nahrungssuche ins Meer zurück. Für die zurückgelassenen Männchen rückt der Winter näher. Bei Windgeschwindigkeiten von 160 Stundenkilometern und rasch sinkenden Temperaturen drängen sich die Vögel dicht aneinander, um ihre Körperwärme zu teilen. Diese Art der Kooperation erhält sie und ihre kostbaren Eier am Leben. Sie müssen ohne Nahrung auskommen und werden bis zur Rückkehr der Weibchen nahezu die Hälfte ihres Gewichts verlieren.

An den kältesten Tagen sind die Pinguine ganz still, um Energie zu sparen. Alles, was Christmann dann noch hört, ist das unheimliche Geräusch ihrer auf dem Eis kratzenden Füße. Während des sechs Monate langen Winters sind Christmann und elf weitere Personen, mit denen er in einer kleinen, auf dem Schelfeis oberhalb der Atka-Bucht gelegenen Forschungsstation Neumayer III des Alfred-Wegener-Instituts lebt, die einzigen Menschen in diesem Teil der Antarktis. Wenn Stürme sie nicht am Verlassen der Station hindern, fahren sie mit Motorschlitten die steile Böschung hinunter auf das Meereis zu den Pinguinen.

Die Küken halten sich auf den Füßen ihrer Eltern warm. Nach ihrer Rückkehr zum Brutplatz teilen sich die Mütter die Kinderbetreuung mit ihren Partnern, sodass die Vögel abwechselnd auf Fischfang gehen können. Die zurückbleibenden Elterntiere stehen oft nahe beieinander und ermöglichen den Küken, Kontakt aufzunehmen.

Bild Stefan Christmann

Rückkehr der Weibchen

Im späten Juli endet die Polarnacht, und bald begrüßt die aufgehende Sonne neue Stimmen in der Pinguinkolonie. Sind die Mütter nicht rechtzeitig mit dem Futter für die Jungen zurück, erhalten diese ihre erste Mahlzeit vom Vater – eine dickflüssige Milch aus seiner Speiseröhre. Doch nicht alle Männchen, die den Winter überstanden haben, waren erfolgreich. Stefan Christmann beobachtet, wie ein Pinguin ein totes, gefrorenes Küken aufnimmt und auf seinen Füßen balanciert. „Er ging in Richtung der Kolonie und tat, als sei alles ganz normal. Das war herzzerreißend.“ Nachdem sie zurückgekehrt sind, sehen die Mütter ihre Küken zum ersten Mal und übernehmen die Fütterung.

In den kommenden Monaten bilden die Eltern ein Team, das sich bei der Nahrungsbeschaffung für die Jungen abwechselt. Ab September müssen beide Pinguine auf Fischfang gehen, um die immer hungrigeren Schnäbel zu füllen, und lassen ihren Nachwuchs in sogenannten Kindergärten zurück. Die jungen Pinguine lernen, sich zusammenzukuscheln – wenn auch nicht immer geordnet. Einige schmiegen sich aneinander, andere kommen angestürmt und werfen sich in die Gruppe. Wird der Haufen größer, versuchen Nachzügler sich hineinzudrängeln, „genau dorthin, wo es am wärmsten ist“, berichtet Christmann. Manchmal bleiben einzelne Väter oder Mütter zurück und bewachen die Kindergärten.

Christmann entdeckte einen ausgewachsenen Pinguin mit zwei Küken. Obwohl nur eines davon ihm gehörte, beugte sich der Aufpasser hinunter und fütterte beide. Ein Versehen? Möglicherweise nicht. Kaiserpinguine vollziehen häufig ein Ritual, bei dem sie die Bruttaschen – einen fedrigen Hautlappen – anheben und anderen ihre Neugeborenen zeigen. Es ist nicht bewiesen, doch Christmann glaubt, dass Pinguineltern auf diese Weise enge Verbindungen zueinander knüpfen, um ihre Küken gemeinsam zu beschützen und sich bei der Pflege auszuhelfen.

Brutplätze in Gefahr

Gegen Ende des Jahres sind die Jungen fast so groß wie ihre Eltern, aber noch nicht außer Gefahr. Vor der Meereisschmelze müssen sie ihre grauen Daunen gegen das wasserabweisende Gefieder der Adulttiere eintauschen, da sie sonst ertrinken. Dies geschah 2016 in der Halley-Kolonie, als ein Sturm das Eis schon vor Oktober aufgebrochen hatte und die jungen Kaiserpinguine noch zu klein waren. Seitdem ist das dortige Meereis nicht stabil genug, um ausgewachsene Pinguine zu tragen, was einen nahezu kompletten Brutausfall zur Folge hatte. Die einst zweitgrößte antarktische Kolonie ist inzwischen fast verlassen. Der Sturm fiel mit dem stärksten El Niño der letzten 60 Jahre zusammen, einer Klimaanomalie im tropischen Pazifik, die voraussichtlich häufiger auftreten wird. Mit Pinguinzählungen anhand von Satellitenbildernversuchen Wissenschaftler abzuschätzen, wie schwer die Vögel von den jüngsten Eisverlusten in der Antarktis betroffen sind.

In der Atka-Bucht beginnt währenddessen das Meereis Ende Dezember früher als erwartet zu schmelzen. Christmann beobachtet, wie Adulttiere in der Mauser sich mit den Küken auf dem höher gelegenen Schelfeis, einem Fortsatz des weitaus dickeren Inlandeises, in Sicherheit zu bringen versuchen. Sie benutzen dazu eine Schneewehe als Rampe. Einen Monat später erlebt der Fotograf, wie die letzten ausgewachsenen Küken vom fünf bis zehn Meter hohen Schelfeis ins Meer springen.

Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin

Helen Scales pendelt zwischen Cambridge, England, und der französischen Atlantikküste. Sie hat fünf Bücher über das Leben im Meer geschrieben. Stefan Christmann gewann für seine Arbeit über die Kaiserpinguine den Preis „Wildlife Photographer Portfolio of the Year“ 2019.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in der Juni 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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