Warum viele große Säugetiere bereits ausgestorben sind

Mammut, Riesenfaultier oder Säbelzahnkatze: Vor allem während der letzten Kaltzeit gingen viele Urzeittiere zugrunde. Forschende haben nun herausgefunden, dass der Grund nicht nur in der Körpergröße liegt – sondern auch im Volumen des Gehirns.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 18. Mai 2022, 09:26 MESZ
Das Amerikanische Mastodon ist ein Mammut, das seit etwa 10.000 Jahren ausgestorben ist. Doch warum haben ...

Das Amerikanische Mastodon ist ein Mammut, das seit etwa 10.000 Jahren ausgestorben ist. Doch warum haben andere große Rüsseltiere überlebt?

Foto von slaw1949 / Adobe Stock

Ereignisse des Massenaussterbens scheinen oft vor allem große Tiere zu betreffen. Allein während der letzten 120.000 Jahre verschwand eine drastische Anzahl großer Landwirbeltiere – darunter australische Beutellöwen, Riesenfaultiere oder das Amerikanische Mastodon, ein Rüsseltier der Gattung Mammut, das fast fünf Millionen Jahre durch die heutigen USA streifte, bevor es vor 10.000 Jahren ausstarb. 

Doch warum starb gerade dieses Tier aus, während andere Rüsseltiere wie der Afrikanische und Asiatische Elefant überlebten? Ein Team aus Forschenden der Universität von Tel Aviv und der Universität Neapel Federico II hat darauf nun eine offenbar Antwort gefunden: Entscheidend für das Überleben ist nicht nur die Körpergröße – sondern auch die Größe des Gehirns. 

Für seine Studie untersuchte das Team um Hauptautor Jacob Dembitzer von der Universität in Neapel das Körper- und Gehirnvolumen von 50 ausgestorbenen und 291 erhaltenen großen Spezies. Das Ergebnis, das in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, war eindeutig: je größer das Gehirn, desto wahrscheinlicher die Überlebenschancen – auch bei großen Tieren. 

Galerie: Prähistorische Tiere und ihre modernen Verwandten

Je größer, desto gefährdeter?

Während der letzten 120.000 Jahre hat sich für Landsäugetiere viel verändert: der Beginn der letzten Eiszeit, Klimaveränderungen – vor allem während der letzten maximalen Ausdehnung der Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren – und schließlich die Ausbreitung des modernen Menschen. Gerade die Überjagung durch den Menschen mit seinen neuen, tödlicheren Waffen wird oft mit dem Massenaussterben urzeitlicher Riesen in Verbindung gebracht.

Bekannt war bisher bereits, dass die Körpergröße bei Säugetieren ohnehin schon mit Merkmalen, die das Risiko auszusterben erhöhen, in Verbindung steht. Dazu zählen beispielsweise eine geringere Populationsdichte, lange Schwangerschaften und große Pausen zwischen einzelnen Geburten sowie eine geringe Fruchtbarkeit. Das heißt: Große Säugetiere leben oft so, dass ihnen Einflüsse wie Klimaextreme oder die Jagd durch Menschen schneller zum Verhängnis werden konnten. 

Doch die Forschenden weisen in ihrer Studie nun darauf hin, dass auch die Größe des Gehirns Einfluss auf die Überlebenschancen der Tiere hatte. Innerhalb der großen Säugetiere herrschen diesbezüglich Unterschiede, die scheinbar dafür sorgten, dass eine Art überlebte – während die andere ausstarb. So seien erhaltene Säugetiere mit großen Gehirnen vermutlich viel eher in der Lage gewesen, sich an veränderte Klimabedingungen oder steigenden Jagddruck anzupassen. „Der Besitz eines großen Gehirns war ein wichtiges, aber bisher vernachlässigtes Merkmal der überlebenden Megafauna-Arten“, heißt es in der Studie. 

Überleben mit Grips

Trotz der Merkmale, die große Säugetiere anfällig für das Aussterben machen, scheinen große Gehirne ihnen also zu helfen, dennoch zu überleben: „Die Auslöschungswahrscheinlichkeit der Säugetiere nimmt zwar mit zunehmender Körpergröße zu, aber mit zunehmender Gehirngröße auch wieder ab“, heißt es in der Studie. So sind die in der Studie untersuchten Gehirne der heute lebenden Arten im Durchschnitt 53 Prozent größer als die der ausgestorbenen Arten.

So auch bei den Rüsseltieren: Das ausgestorbene Amerikanische Mastodon hatte – wie andere Mammut-Arten – ein relativ kleines Gehirn. Die meisten anderen Rüsseltiere – darunter der Afrikanische und der Asiatische Elefant – hatten dagegen eher große Gehirne bei relativ ähnlicher Körpergröße.

Bei den Zahnarmen, einer Ordnung der Säugetiere, zu denen auch Ameisenbären und Faultiere gehören, waren die Gehirne bei fast allen Arten relativ klein – und so auch die Überlebenschancen der großen Vertreter der Ordnung. „Bei den Zahnarmen ist der Unterschied zwischen den größten ausgestorbenen und den größten erhaltenen Tieren besonders groß“, so die Forschenden. Während das mittlerweile ausgestorbene Riesenfaultier ungefähr 4,6 Tonnen wog, wiegt der Große Ameisenbär – der größte heute noch lebende Zahnarm-Vertreter – nur etwa 24 Kilogramm. „Die Größe des Gehirns ist ein sehr wahrscheinlicher Grund, warum fast keine großwüchsigen Arten der Zahnarme das Pleistozän überlebt haben“, so die Forschenden.

Klimaveränderungen und der menschengemachte Jagddruck waren also nicht die einzigen Gefahren für die berühmten Urzeitriesen – viele von ihnen hatten wohl zusätzlich ein zu kleines Gehirn.

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