Affenstudie: Babys üben schon im Bauch das Schreien

Ultraschalluntersuchungen schwangerer Marmosetten-Affen haben gezeigt, dass die ersten Sprachversuche ihrer Babys wohl schon viel früher anfangen, als bisher gedacht: im Bauch der Mutter.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 2. Sept. 2022, 15:54 MESZ
Ein Weißbüschelaffe mit Baby auf dem Rücken vor einem schwarzen Hintergrund.

Ein Weißbüschelaffe mit Baby aus dem Tribus der Marmosetten.


 

Foto von National Geographic Photo Ark / Joel Sartore

Das erste Lebenszeichen, das die meisten Eltern von ihrem Kind nach der Geburt bekommen, ist ein Schrei – ein Moment zwischen Gänsehaut und Erleichterung. Denn dieser erste Laut ist ein Zeichen dafür, dass die Lungen des Kindes funktionieren und das Baby gesund ist. Es ist auch der erste Versuch des Neugeborenen, Laute auszustoßen, die sich im Laufe seines Lebens zur Sprache entwickeln.

Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift eLife veröffentlicht wurde, zeigt nun allerdings: Dieser erste Schrei könnte nicht das erste Mal sein, dass sich das Baby mit der Produktion von Lauten beschäftigt hat – je nachdem, wie weit seine Ähnlichkeit zu den Primaten im Versuch reicht. Denn die von Forschenden des Princeton Neuroscience Institute durchgeführte Studie zeigt anhand von Marmosetten-Affen, dass Föten bereits im Mutterleib das Schreien üben. Ausgewählt wurde die Gattung aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Menschen, auch in Bezug auf die neonatale – das Neugeborene betreffende – Lautentwicklung.

„Die frühen Lautproduktionen von Marmosetten durchlaufen einen sehr ähnlichen Entwicklungsverlauf wie die Lautproduktionen von Menschenkindern“, so die Forschenden. Und zumindest bei den Affen weiß man nun auch über die pränatale Lautentwicklung mehr: Sie machen bereits etwa zwei Monate vor ihrer Geburt immer wieder dieselbe Mundbewegung, die sie nach der Geburt auch beim Schreien machen.

Die Affen öffneten bereits im Mutterleib immer wieder den Mund in einer Bewegung, die der Schreibewegung geborener Affen gleicht. 

Foto von Screenshot / Video von Darshana Narayanan

Marmosetten und Menschen

Bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren gab es in einigen Ultraschallstudien Hinweise darauf, dass Menschenbabys ihr Gesicht im Mutterleib wohl so bewegen, dass es dem Schreien ähnelt. Laut den Forschenden hat es aber keine konkreten Ergebnisse oder weitere Studien gegeben, die finale Schlüsse zuließen – auch, weil solche Untersuchungen wegen der dichten Frequenz an Untersuchungen an schwangeren Frauen schwierig umzusetzen sind.

Laut Daniel Takahashi, Tierverhaltensforscher und Co-Autor der Studie, kamen so die Affen ins Spiel. „Marmosetten-Affen sind ein gutes Modell für das Stimmverhalten menschlicher Säuglinge“, sagt er. Außerdem sei die Ultraschalluntersuchung für die Affen nicht-invasiv und geschehe bei vollem Bewusstsein.

Die Untersuchungen führten die Forschenden dann bei insgesamt vier schwangeren Affenweibchen durch – von dem Tag an, an dem das Gesicht der Föten erkennbar war, bis einen Tag vor ihrer Geburt. Bei jedem Affen wurden in dieser Zeit 64 Ultraschallaufnahmen gemacht, die die Entwicklungsabläufe der Mund- und Gesichtsbewegungen nachverfolgten.

Pränatales Schreien

Für die Auswertung der Studie war zunächst wichtig, die einzelnen Mundbewegungen der Affenföten voneinander zu unterscheiden – also Bewegungen, die tatsächlich einen Übungsschrei darstellten, von anderen, ähnlichen Bewegungen abzugrenzen. Dazu verglich das Team die Bewegungsabläufe im Gesicht der ungeborenen Tiere mit denen, die sie nach der Geburt beim Schreien zeigten. Gemeinsam mit der hohen Konsistenz und der Dauer, mit der diese Abläufe im Bauch stattfanden, waren die Forschenden sich letztendlich sicher, dass es sich bei bestimmten Bewegungen um das vorgeburtliche Üben von Schreibewegungen handeln musste.

Und den Forschenden fiel noch etwas auf: Die Art der Bewegung, die sie als Schreisimulation identifizierten, veränderte sich im Laufe der Zeit. So fand die Mundbewegung zunächst nur in Verbindung mit einer Kopfbewegung statt, bis sie schließlich auch unabhängig von anderen Bewegungen zu erkennen war. „Die Veränderung war dadurch erkennbar, dass Gesichts- und Kopfbewegungen bei jüngeren Föten im Vergleich zu älteren Föten häufiger zusammenliefen“, so die Forschenden. Das zeige, dass selbst bei den Marmosetten eine Entwicklung in der Kommunikationsfähigkeit stattfände – sogar noch im Mutterleib. 

Um diese Erkenntnisse zur Lautentwicklung bei Affen auf die Sprachentwicklung bei Menschen übertragen zu können, sind laut Takahashi dennoch weitere Studien notwendig. Nur so kann klar bewiesen werden, ob auch der Mensch bereits im Bauch das Schreien übt – und wann seine Sprachentwicklung tatsächlich beginnt.

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