Singende Lemuren: Der Gesang der Indris folgt einem menschlichen Rhythmus

Eine neue Studie hat herausgefunden, dass auch der Indri in Madagaskar mit seinem Gesang einer deutlichen Rhythmusstruktur folgt, die in dieser Form bisher nur bei einigen Vögeln gehört wurde – und beim Menschen.

Veröffentlicht am 8. Nov. 2021, 14:11 MEZ, Aktualisiert am 10. Nov. 2021, 11:04 MEZ
Ein Indri im Andasibe-Mantadia-Nationalpark in Madagaskar. Die größte bekannte Lemurenart der Welt ist vom Aussterben bedroht. ...

Ein Indri im Andasibe-Mantadia-Nationalpark in Madagaskar. Die größte bekannte Lemurenart der Welt ist vom Aussterben bedroht.

Bild JASON EDWARDS, Nat Geo Image Collection

Zwölf Jahre lang marschierten Chiara De Gregorio, Primatologin an der Università degli Studie di Turino in Turin, Italien, und ihre Kollegen regelmäßig vor Sonnenaufgang in den Regenwald Madagaskars, um dort eine vom Aussterben bedrohte Primatenart beobachten: den Indri. Die Forschungsausflüge hatten ihre Tücken: Blutsaugende Egel, sturzbachartige Regenfälle und störrische Indris machten den Wissenschaftlern das Leben schwer. Doch am Ende wurden Sie für ihre Mühen mit einer überraschenden Entdeckung belohnt.

Die Analyse hunderter Aufnahmen der Lieder der singenden Lemuren zeigte, dass der Gesang der Indris einem bestimmten Rhythmus folgte, der zuvor nur bei manchen Vögeln und beim Menschen registriert wurde. Die Forschungsergebnisse liefern den ersten Beleg dafür, dass auch andere Säugetiere Rhythmus im Blut haben.

„Indris sind die einzige Art aus der Teilordnung der Lemuren, die durch Gesänge untereinander kommuniziert“, erklärt Chiara De Gregorio, leitende Autorin der Studie über die Indri-Rhythmen, die im Oktober 2021 in der Zeitschrift Current Biology erschienen ist.

Ihr Gesang hat viele verschiedene Funktionen. Unter anderem singen Indris, um Familienmitglieder zu finden, die sich verlaufen haben oder um ihren Territorialanspruch deutlich zu machen. Sie singen ihre Lieder allein, im Duett oder in Chören und starten manchmal sogar Gesangswettbewerbe mit ihren Nachbarn.

Das Quietschen und Tröten der Lemuren mag für das menschliche Ohr nicht sonderlich harmonisch klingen, doch im Kern folgt die Kakofonie einem berechenbaren Muster: Ihr Rhythmus ähnelt dem menschlicher Musik.

Das ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass zwar sowohl Menschen als auch Indris zu den Primaten zählen, unser letzter gemeinsamer Vorfahr aber zu Zeiten lebte, als die Dinosaurier die Welt beherrschten.

Die Erkenntnis der Studie „ist die Wiedergutmachung für all die Tage, die wir frierend im Regen standen und darauf gewartet haben, dass die Tiere zu singen beginnen“, sagt Chiara De Gregorio.

Primaten mit Rhythmusgefühl

Um besser zu verstehen, was die Indris-Lieder so besonders macht, muss man sich ein bisschen mit den Grundlagen der Musik befassen.

Im Jahr 2015 analysierte ein wissenschaftliches Team über 300 Musikstücke aus verschiedenen Teilen der Welt. Über die Grenzen von Kontinenten und Kulturen hinaus hatten alle Stücke bestimmte Aspekte gemeinsam, zwölf davon – bestimmte Tonhöhen und -wiederholungen – tauchten besonders häufig auf.

Acht dieser zwölf Aspekte betrafen den Rhythmus. Ein Rhythmus entsteht, wenn sich ein Ton oder Geräusch in regelmäßigen Abständen mit Dauern der Stille abwechselt. Oft steht die Länge der Töne dabei entweder in einem 1:1 Verhältnis – wie bei einem Metronom – oder im Verhältnis 1:2. Im zweiten Fall sind einige der Töne doppelt so lang wie andere.

„Ein gutes Beispiel für ein 1:2-Muster ist der Song We Will Rock You von Queen“, erklärt Andrea Ravignani, Co-Autor der Studie und Biomusikologe am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen in den Niederlanden. Der Kurz-kurz-lang-Rhythmus aus Fußstampfen und Klatschen ist ein episches Beispiel für das 1:2-Verhältnis, das ihm zufolge in der menschlichen Musik auffällig häufig eingesetzt wird.

Koko der Gorilla nutzt Gebärdensprache (1981)
Die Gorilladame Koko starb im Juni 2018 im Schlaf. 1981 drehte National Geographic eine Dokumentation über Koko und ihre bemerkenswerten Fähigkeiten.

Ein Singvogel mit dem Namen Sprosser – eine Schwesternart der Nachtigall – kann den Rhythmus seines Gesangs ebenfalls diesem Muster anpassen, obwohl er das 1:1-Verhältnis zu bevorzugen scheint. Die Analysen haben laut Andrea Ravignani gezeigt, dass das 1:2-Verhältnis beim Indris sogar überwiegt und viel öfter zu hören ist als bei Vögeln.  

Eine weitere Besonderheit ist, dass Lemuren ihre Lieder oft beenden, indem sie das Tempo zum Ende hin verlangsamen. Dies nennt man in der klassischen Musik ein Ritardando. „Das ist eine echte Seltenheit“, sagt Andrea Ravignani. Die meisten Tiere „ändern ihr Gesangsmuster entweder nicht oder sie haben erst gar keins.“

Indris und andere Lemurenarten sind durch die Jagd und den Verlust ihrer Lebensräume stark bedroht. Experten schätzen, dass es nur noch zwischen tausend und zehntausend Tiere in freier Wildbahn gibt.

„Die Situation macht uns große Sorgen. Die Lage der Indris ist wirklich äußerst kritisch“, sagt Chiara De Gregorio. „Sie können in Gefangenschaft nicht überleben. Wenn also der Regenwald verschwindet, verschwinden die Indris mit ihm.“

Musik in der Tierwelt

Wenn sowohl in den Gesängen der Indris als auch denen der Sprosser Komponenten menschlicher Musik vorhanden sind, ist es theoretisch möglich, dass auch andere Tiere über diese Art von Rhythmusgefühl verfügen. Ein möglicher Kandidat ist der Wal.

„Soweit ich weiß, hat man den Gesang von Walen bisher nicht in Hinblick auf diese Frage untersucht“, sagt Andrea Ravignani. „Ohnehin steht die Forschung bei der Suche nach den Grundlagen menschlicher Musik in tierischen Gesängen noch ziemlich am Anfang.“

Ofer Tchernichovski, Biologe am Hunter College in New York, erarbeitete und veröffentlichte im Jahr 2020 mit seinem Team die Studie über den Sprosser. Ihm zufolge ist der Gesang von Vögeln zwar kein neues Forschungsfeld, der Rhythmus ihrer Lieder wurde bisher aber größtenteils vernachlässigt.

„Wir haben erst kürzlich herausgefunden, dass manche Vögel beim Singen einem bestimmten Rhythmus folgen. Die Indris-Studie ist die erste, die dasselbe bei Säugetieren festgestellt hat“, sagt er. „Ich denke das ist ein Fall von: Je genauer man hinsieht, desto mehr kann man entdecken.“

Für die meisten Menschen ist Musik ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie kann glücklich machen oder traurig, uns zum Tanzen oder Weinen bringen oder uns entspannen. Zu beschreiben, was genau Musik ist und warum sie so eine Macht über uns hat, ist trotzdem extrem schwierig.

Die Funktion des Gesangs von Tieren sei mit dem Effekt, den Musik auf Menschen hat jedoch vergleichbar, sagt Ofer Tchernichovski. Egal ob sie mit ihren Lauten einen Partner finden, die Beziehung zu ihren Artgenossen vertiefen oder Rivalen vertreiben wollten: Jeder Ton sei ein Versuch, auf ihre Zuhörer Einfluss zu nehmen.

„Musik ist magisch“, sagt Tchernichovski. „Sie hat keine fest definierte Bedeutung. Und doch: Spricht sie uns an, lassen wir uns von ihr mitreißen. Sie gib unserem Leben einen Sinn.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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