Müde Primaten: Wofür Affen ihren Schlaf opfern

Wer kann, gleicht das Schlafdefizit nach einer durchwachten Nacht schnellstmöglich aus. Eine Studie zum Schlafverhalten wildlebender Paviane hat nun gezeigt, dass auch für sie gilt, was wir Menschen schon lange wissen: Andere Dinge sind oft wichtiger.

Nur ein kurzes Nickerchen? Müden Pavianen scheint das Nachholen ihres fehlenden Schlafs gar nicht so wichtig zu sein.

Foto von Andrey Tikhonovskiy / Unsplash
Veröffentlicht am 4. März 2022, 14:43 MEZ

Jeder, der schon einmal wertvolle Stunden Schlaf an eine wilde Feier oder nächtliches Arbeiten verloren hat, kennt das Bedürfnis, das Verpasste – die sogenannte Schlafschuld –nachzuholen. Und tatsächlich ist die nächste Schlafeinheit, die das entstandene Defizit ausgleichen soll, tiefer und dauert länger an, als es normalerweise der Fall wäre. 

Dieses Phänomen, das in der Wissenschaft als Schlafhomöostase bezeichnet wird und als eines der Schlüsselkonzepte unseres Verständnisses von Schlaf gilt, konnte bereits wissenschaftlich nachgewiesen werden – bisher allerdings fast ausschließlich unter Laborbedingungen. 

Forschung in freier Wildbahn

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfszell am Bodensee haben nun in Zusammenarbeit mit dem Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour (CASCB) und der University of California in Davis das kollektive Schlafverhalten einer Gruppe freilebender Paviane untersucht. Dabei gewannen sie mithilfe von nicht-invasiven Technologien neue erstaunliche Erkenntnisse über die Schafhomöostase bei Wildtieren. Ihre in der Zeitschrift eLife veröffentlichte Studie zeigt, dass diese einer Reihe von ökologischen und sozialen Zwängen ausgesetzt sind, die die Schlafhomöostase stören können.

Für seine Untersuchungen stattete das Forschungsteam insgesamt 26 Paviane, die wild im Mpala-Forschungszentrum in Kenia leben, mit Halsbändern aus. In diese waren sowohl ein GPS-Tracker als auch ein Beschleunigungssensor eingebaut. Die GPS-Tracker lieferten Informationen darüber, wo sich die Tiere aufhielten, die Beschleunigungsmesser über die Körperbewegungen der Tiere. Die ermittelten Daten gaben den Wissenschaftlern Aufschluss darüber, wann die Paviane wach waren, wann und wo sie schliefen, wie weit sie während des Tages wanderten und in der Nähe welcher Gruppenmitglieder sich die einzelnen Tiere aufhielten. 

In der Gruppe ist an schlafen nicht zu denken

Es zeigte sich, dass der Schlaf der Paviane kürzer war und häufige Unterbrechungen aufwies, wenn sie die Nacht in der Nähe von mehreren Gruppenmitgliedern verbrachten. Außerdem synchronisierten sie ihre nächtlichen Wachzeiten mit den Artgenossen in ihrer Nähe. 

Nach einer Nacht ohne ausreichenden Schlaf holten die Paviane diesen nicht in der nächsten nach. Stattdessen verbrachten sie die Zeit damit, den Kontakt zu Gruppenmitgliedern zu suchen oder nach Raubtieren Ausschau zu halten. Sie ordneten also ihr Schlafbedürfnis dem Sozialleben in der Gruppe unter – unabhängig davon, wie stark sie sich tagsüber verausgabt hatten und wie groß ihr Schlafdefizit war.

„Wir haben entdeckt, dass Schlaf bei Paviangruppen ein kollektives Verhalten ist“, sagt Meg Crofoot, Hauptautorin der Studie und Direktorin der Abteilung für Ökologie der Tiergesellschaften am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. „Die Gruppenmitglieder waren in ihren nächtlichen Wachphasen hochgradig koordiniert, was wiederum zu einem kürzeren Schlaf mit häufigeren Unterbrechungen führte.“ Dies sei ein Beleg dafür, dass die geselligen Tiere ihr körperliches Schlafbedürfnis gegen den sozialen Druck des Gruppenlebens abwägen.

Das Leben der Affen im äthiopischen Hochland im Zeitraffer

Schlafmangel: ein uraltes Problem

Gemeinhin gilt der Verzicht auf Schlaf zugunsten sozialer und ökologischer Verpflichtungen als etwas, das ausschließlich bei Menschen in der modernen, industrialisierten Gesellschaft zu beobachten ist. „Unsere Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass auch nicht-menschliche Primaten ihren Schlaf opfern, um anderen Aktivitäten nachzugehen, selbst wenn es ungesund sein mag“, sagt Carter Loftus, Autor der Studie und Anthropologe an der University of California. 

Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Frage, wie er mit Schlafmangel umgeht, den Menschen schon immer begleitet hat. „Die Abwägung zwischen Schlaf und anderen dringenden, aber zeitfressenden Aufgaben ist eine, die wir wahrscheinlich während unserer gesamten Evolution treffen mussten“, sagt Carter Loftus.

Meg Crofoot sieht in dem neuen Untersuchungsansatz vor allem eine vielversprechende Möglichkeit, verschiedene Schlafdynamiken in Zukunft besser zu erforschen „Die auf Beschleunigungsmessungen basierende Methode kann einfach und kostengünstig in Studien integriert werden, bei denen die Position von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum nachverfolgt wird“, erklärt sie. „Dadurch könnten wir unser Wissen über das Schlafverhalten einer ganzen Reihe von Tierarten erheblich erweitern.“ Außerdem könne die Technik auf viele Individuen gleichzeitig angewandt werden. „Das wird uns helfen zu verstehen, wie das Schlafen in Gruppen die Strukturen von Tiergesellschaften prägt.“

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