Erstes 3D-Modell zeigt: Megalodon verspeiste riesige Meeresräuber am Stück

Megalodon gilt als größte Haiart, die jemals die Gewässer unserer Erde bewohnte. Dass der Spitzenräuber auch einen gepflegten Appetit hatte, konnten Forschende nun anhand eines einzigartigen 3D-Scans feststellen – mit überraschenden Ergebnissen.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 26. Aug. 2022, 15:25 MESZ
3D-Illustration eines Megalodon, der mit aufgerissenem Maul einem Beutetier folgt.

Der bis zu 20 Meter lange Megalodon verspeiste vermutlich bis zu acht Meter lange Wale, um seinen enormen Kalorienbedarf zu decken.

Foto von J.J.Giraldo

Bis zu 20 Meter Körperlänge, riesige, dreieckige Zähne, in allen Weltmeeren anzutreffen – und seit langer Zeit ausgestorben: Die Fossilfunde von Otodus megalodon, der wohl bekanntesten ausgestorbenen Haiart der Welt, erstrecken sich über einen Zeitraum vom oberen Miozän bis zur Pliozän-Pleistozän-Grenze vor etwa drei Millionen Jahren. Der gefürchtete Spitzenräuber der Meere war nicht nur der vermutlich größte Hai, der jemals auf der Erde existiert hat – er stand damals wohl auch an oberster Stelle der Nahrungskette. 

Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams unter der Leitung von Paläobiologe Jack Cooper, die in der Zeitschrift Science Advances veröffentlicht wurde, unterstreicht diese Tatsache nun eindringlich anhand eines 3D-Computermodells. Bislang existieren kaum fossile Funde für den gesamten Körperbau des riesigen Meerestieres, was die Rekonstruktion erschwerte. Das neue 3D-Modell der Forschenden zeigt den Megalodon nun erstmals vollständig digital rekonstruiert – und ermöglicht neue Einblicke in die Lebensweise des Raubtiers.

Megalodon: Riesenhai mit großem Appetit

Die Ergebnisse aus den Berechnungen und Modellierungen des Forschungsteams offenbarten Erstaunliches: Der Megalodon hatte offensichtlich einen extrem hohen Energiebedarf von 98.000 Kilokalorien pro Tag und ein Magenvolumen von fast 10.000 Litern – womit auch große Tiere auf seinem Speiseplan gestanden haben dürften. Cooper und sein Team vermuten, dass der Megalodon bis zu acht Meter lange Beutetiere vollständig verschlingen konnte. Das entspricht in etwa der Größe eines Orcas, dem heutigen Spitzenräuber im Meer. Es würde beweisen, dass Megalodon die Nahrungskette einst vor Millionen von Jahren angeführt haben muss. 

Die Analysen, die zu ihren Erkenntnissen und dem bahnbrechenden 3D-Modell führten, erstellte das internationale Team in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich basierend auf einem einzelnen Exemplar der ausgestorbenen Haiart. In den 1860er-Jahren wurde das auf etwa 18 Millionen Jahre geschätzte Fossil im heutigen Belgien entdeckt. Das Exemplar des Megalodons war 16 Meter lang, wog 61,5 Tonnen und wurde 46 Jahre alt. Seine Besonderheit: Ein großer Teil seiner Wirbelsäule ist erhalten geblieben, wodurch eine 3D-Modellierung des Skeletts erst möglich wurde. 

Laut den Forschenden werden Zähne des Haifischs relativ häufig entdeckt, da sie aufgrund ihres Materials gut konservieren, Teile der Skelette kommen jedoch selten vor. „Die Skelette bestehen aus Knorpel und versteinern nur selten. Die Wirbelsäule des Megalodons aus dem Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften ist daher einzigartig“, erklärt Cooper. 

Zusammensetzung eines 3D-Scan-Puzzles

Die Zusammensetzung des endgültigen Megalodon-Modells bestand aus mehreren Schritten: Das Team vermaß und scannte zunächst die Wirbel des vorliegenden Fossils aus Belgien und rekonstruierte so die gesamte Wirbelsäule. Daraufhin wurde das Modell um den 3D-Scan eines Megalodon-Gebisses aus den USA ergänzt. Mithilfe von weiteren 3D-Scans heutiger Weißer Haie aus Südafrika konnten die Forschenden sogar das „Fleisch“ um das Skelett rekonstruieren.

“Der Megalodon war ein transozeanischer Super-Apex-Räuber. ”

von Catalina Pimiento
Universität Zürich

Das Forschungsteam zog auch weitere Fossilien hinzu, um die Beute des Tieres genauer bestimmen zu können. So folgerten Cooper und sein Team anhand von Bissspuren in anderen Fossilien, dass sich der Megalodon wahrscheinlich von kalorienreichem Walspeck ernährte. Hätte der Meeresräuber tatsächlich einen acht Meter langen Wal verspeist, hätte er zwei Monate lang Tausende von Kilometern hinter sich bringen können, ohne ein weiteres Mal Nahrung zu sich zu nehmen, so das Team. 

„Dies bedeutet, dass der Megalodon ein transozeanischer Super-Apex-Räuber war“, sagt Catalina Pimiento, Biologin an der Universität Zürich und Co-Autorin der Studie. Als der Riesenhai ausstarb, hätte das drastische Auswirkungen auf die globale Nahrungskette gehabt. So hätten große Wale danach die Chance gehabt, sich ungestörter in verschiedenen Gewässern auszubreiten. 

Das neuartige 3D-Modell des internationalen Forschungsteams ist ein Meilenstein und wird zukünftig als Grundlage weiterer Rekonstruktionen und Untersuchungen dienen. Welche Funktion der Hai im Ökosystem des Miozäns hatte und welche weiteren Folgen sein Aussterben nach sich zog, wird in den kommenden Jahren Gegenstand anschließender Forschung sein.

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