Wissenschaft

War der Weiße Hai schuld am Aussterben von Megalodon?

Neue Untersuchungen des prähistorischen Giganten deuten darauf hin, dass sie schon eine Million Jahre früher als bislang gedacht ausstarben. Nun stellt sich die Frage, was – oder wer – dafür verantwortlich war. Dienstag, 19 Februar

Von Maya Wei-Haas

Am 23. Dezember 2007 waren die Strände um Santa Cruz in Kalifornien menschenleer. Für kalifornische Maßstäbe war es ziemlich kalt und der Wind fegte unangenehm über die Sandflächen.

Aber das hielt den Paläontologen Robert Boessenecker nicht davon ab, am Ufer entlangzuspazieren. Zu dieser Zeit studierte er im vierten Jahr an der Montana State University und war hier auf der Jagd nach Fossilien. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Boessenecker fand einen dunkel blau-grün gefärbten Zahn von der Größe seiner Hand, der aus dem Gestein einer Klippe herauslugte. „Er war unfassbar groß“, erzählt Boessenecker.

Dieser seltene Fund stammt vom prähistorischen Otodus megalodon, der größten Haiart, die je durch die Meere der Erde geschwommen ist. Kinofilme befeuern zwar die Theorie, dass diese beinahe 20 Meter langen Riesen immer noch in der Tiefsee lauern, doch der Megalodon ist zweifellos ausgestorben. Boesseneckers Fund an diesem Tag markierte den Auftakt seiner Suche, nach dem Grund des Aussterbens der riesigen Raubtiere, die über ein Jahrzehnt andauerte.

Nun hat er nun seine Antwort bekommen: Der Megalodon verschwand vor etwa 3,6 Millionen Jahren, etwa eine Million Jahre früher, als ursprünglich angenommen. Das neue Zeitfenster wurde am 12. Februar 2019 im Wissenschaftsmagazin PeerJ veröffentlicht. Interessanterweise fällt es mit dem Aufkommen des Weißen Hais zusammen, der auch heute noch in unseren Meeren zu finden ist. Das liefert Hinweise darauf, dass dieser Wechsel im marinen Machtgefüge den allmächtigen Megalodon ins Verderben führte.

Auf der Jagd nach dem Megalodon

Um diesen bislang ungeklärten Fall zu lösen, begannen Boessenecker – der inzwischen wissenschaftlicher Assistent am College vo Charleston ist – und seine Kollegen, nach weiteren Spuren des Megalodon in Kalifornien zu suchen. Sie stellten eine Sammlung von entsprechenden Funden von der Westküste zusammen. Kurze Zeit später weiterten sie ihre Suche auch auf andere Regionen aus, um sich ein besseres Bild von der Phase des Aussterbens machen zu können.

Die Fundstücke ihrer immer länger werdenden Liste wurden nicht nur von den Forschern selbst gefunden, die Fossilien stammten auch aus Publikationen und neuen Entdeckungen in Museumssammlungen. Während dieser Zeit versuchte das Team mehrere Male, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv, doch Boessenecker berichtet, dass es immer einen Grund für die Ablehnung zu geben schien. Dazu zählte einmal auch die Länge des Papers (die finale Version ist 47 Serien lang, ohne Anhänge).

Sie waren jedoch nicht die einzigen auf der Suche nach Hinweisen. Im Jahr 2014 publizierten Catalina Pimiento von der University of Florida und Christopher Clements von der Universität Zürich ihre Analyse des Aussterbens von Megalodon, bei der sie auf bereits vorhandene Forschung aufbauten. Dieses Team kam zu dem Schluss, dass die Tiere sich noch bis vor 2,6 Millionen Jahren in den Weltmeeren herumgetrieben haben könnten. Das wäre nur etwa eine halbe Million Jahre bevor unser Urahn, der Homo erectus, seine ersten wackeligen Schritte gemacht hat.

Tödliche Detektivarbeit

Für die neueste Studie führten Boessenecker und seine Kollegen ihre Detektivarbeit mit den Daten der Studie von 2014 zu einer riesigen Datenbank zusammen. Einige der neueren Zähne und Wirbel, die hier beschrieben wurde, kamen ihnen jedoch komisch vor. Einige Exemplare waren zerbrochen oder chemisch durch das Element Phosphor verändert – ein Indiz dafür, dass sie nicht Jahrtausende lang im Stein verborgen gelegen haben und möglicherweise vorgaben, jüngeren Datums zu sein. Andere schienen aus zweifelhaften Quellen zu stammen, was es unmöglich machte, sie zeitlich präzise einzuordnen. Wieder andere mussten durch den Bezug auf jüngere Forschungen neu datiert werden.

Boessenecker schätzt, dass sie etwa 10 bis 15 Prozenz der Fundstücke ausschließen mussten, bei denen Ort und Zeit nicht genau bestimmt werden konnten. Als sie sich schließlich schrittweise durch die verbleibenden Aufzeichnungen arbeiteten, entdeckten sie nach und nach ein Muster.

„Wir waren nicht Woodward und Bernstein, die bei ‚Die Unbestechlichen‘ in der Library of Congress sitzen“, meint Boessenecker. „Es war einfach eine Menge langweiliger, aber klassischer Detektivarbeit.“ Am Ende fiel das Urteil sehr eindeutig aus: Es ist wahrscheinlich, dass der Megalodon vor 3,6 Millionen Jahren ausgestorben ist. Es gibt jedoch eine gewisse Fehlerquote, die einen Spielraum zwischen 3,2 und 4,1 Millionen Jahren für den genauen Zeitpunkt des Verschwindens einräumt.

„Das ist deutlich glaubwürdiger und durch solide Fakten untermauert“, meint Tom Deméré, Kurator für Paläontologie am San Diego Natural History Museum, der zuvor schon mit Boessenecker gearbeitet hat. Er war ein Kritiker der Studie von Pimiento und Clement von 2014.

„Ich find es großartig, dass mehr Forschung über diese Spezies betrieben wurde“, sagt Pimiento dazu. Sie stimmt dem Ausschluss einiger Fundstücke zu, insbesondere bei denen sich die physische Position über die Zeit verändert hat oder die aus ungeklärtem Ursprung stammen. Sie geht jedoch nicht unbedingt damit konform, die Stücke nicht einzubeziehen, die einen größeren Zeitrahmen vermuten lassen.

„Es wird vielleicht schwieriger, den wahrscheinlichsten Zeitpunkt des Aussterbens exakt zu bestimmen, aber dafür ignoriert man auch nicht wichtige Informationen“, gibt sie in einer Email an.

Viele Verdächtige

Wenn man die genauen Umstände des Ablebens von Megalodon ergründet, kann man auch besser nachvollziehen, was für das Aussterben der Kolosse verantwortlich war. Frühere Theorien schoben es oft auf ein Massenaussterben in den Meeren, das zum Ende des Pliozäns vor etwa 2,6 Millionen Jahren stattfand.

Vor dieser Umwälzung waren die Meere voller recht seltsamer Gestalten: zahnlose Walrosse, im Meer lebende Faultiere, zwergenhafte Bartwale und vieles mehr. Pimiento und ihre Kollegen gingen in einer Studie aus dem Jahr 2017 davon aus, dass etwa 36 Prozent dieser frühen Meeresbewohner den Übergang in die neue Epoche nicht schafften. Danach betrat eine etwas modernere Menagerie die Bühne.

Einige Astronomen gehen davon aus, dass das Massenaussterben durch eine Supernova verursacht wurde, die den Planeten mit schädlicher Myonen-Strahlung überzog. Pimiento und Boessenecker argumentieren jedoch dagegen, dass das Aussterben sehr viel langsamer vonstattengegangen sein könnte und dass dann wahrscheinlich viele verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt hätten. Außerdem befand sich die Erde gerade in dieser Zeit im Wandel, meint Pimiento. Die Welt kühlte sich ab, damit breiteten sich die Gletscher aus und der Meeresspiegel sank, was den verfügbaren Platz im Meer vollkommen veränderte.

„Bei einigen Spezies war vermutlich hauptsächlich das Klima schuld“, erklärt sie. „Bei anderen war es das Aussterben der Arten vor ihrer. Wieder andere wurden durch die Evolution neuer Spezies verdrängt, die zuvor durch den Wettbewerb ausgestorbene ersetzten. Und für manche war es alles zusammen.“

Hai gegen Hai?

Basierend auf der neuen Studie geht Boessenecker davon aus, dass etwas anderes den Megalodon ausgerottet haben könnte. Interessanterweise fällt der neue Zeitrahmen mit der weltweiten Ausbreitung des kleineren, aber nicht weniger durchsetzungsfähigen Verwanden des Megalodons zusammen: Der Weiße Hai, Carcharodon carcharias, der seinen ersten Auftritt etwa vier Millionen Jahre zuvor feierte. Währenddessen gab es auch noch andere Verädnerungen, die den Megalodon beeinträchtigt haben könnten, doch das waren eher lokal begrenzte Phänomene.

„Nichts anderes war so global“, sagt Boessenecker.

Bretton Kent von der University of Maryland, der sich im Rahmen seiner Forschung intensiv mit prähistorischen Haien beschäftigt, lobt die Gründlichkeit der Studie. Er verweist jedoch auf einen weiteren mögliche Übeltäter: Der moderne Tigerhai, Galeocerdo cuvier, der einst die gleichen Gewässer bevölkerte wie die heranwachsenden Megalodons. Kent drückt jedoch auch gewisse Zweifel an der Theorie aus, dass ein Wettbewerb zwischen zwei Tierarten einen solchen Niedergang nach sich zieht.

Schwer zu sagen, was wirklich in den prähistorischen Meeren geschah, erklärt Boessenecker. Es wird noch mehr Forschung erforderlich sein, um den Fall endgültig abzuschließen.

„Die Faszination der Paläontologie besteht auch darin, dass wir die Geschichte des Lebens erkunden“, fügt Deméré hinzu. „Je mehr Leute sich damit beschäftigen und je mehr Fundstücke wir aus dem Archiv der Erdgeschichte hinzufügen können, desto mehr lernen wir.“

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