Rekordjahr für Kegelrobben: Helgoland meldet so viel Nachwuchs wie nie

Den Kegelrobben auf Helgoland geht es prächtig – auch, weil die Insel drastische Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen hat. Zu Besuch in der Kinderstube Deutschlands größter Raubtiere.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 26. Jan. 2024, 09:58 MEZ
Eine junge Kegelrobbe liegt auf dem Rücken im Sand

Die Wurfsaison der Kegelrobben auf Helgoland geht von November bis Januar. Dieses verspielte Jungtier hat seinen Fellwechsel Anfang Januar bereits nahezu abgeschlossen. Reste seines dichten, weißen Wollfelles lassen sich noch gut auf seinem Rücken erkennen.

Foto von Marina Weishaupt

Es ist noch dunkel und der winterliche Hochseewind lässt die Fähre „Witte Kliff“ am Anleger stark schaukeln. Gegen acht Uhr setzt der Kapitän zur ersten Überfahrt des Tages an: Alle halbe Stunde wird das Boot nun zwischen der Hauptinsel Helgolands und der flachen Düne hin und her schippern. Meistens transportiert es Tourist*innen, die die tierische Attraktion der Insel live sehen wollen: Kegelrobben.

Zur frühen Stunde befinden sich jedoch hauptsächlich Menschen an Bord, die zur Arbeit fahren. So auch Maren Becker. Die zierliche junge Frau hat sich an diesem Tag warm eingepackt, trägt Gummistiefel, eine olivfarbene Jacke und Mütze sowie dicke Handschuhe. Seit Mitte 2023 ist sie als Rangerin der Gemeinde Helgoland tätig und kümmert sich um die Wildtiere und Pflanzen der Insel. In der Wintersaison liegt ihr Hauptaugenmerk auf den Jungtieren der Kegelrobben, die hier geboren werden. Zusammen mit dem lokalen Seehundjäger sowie den Mitarbeitenden und Freiwilligen des Verein Jordsand verbringt sie einen Großteil ihres Arbeitsalltages damit, das Wohlergehen der Tiere im Blick zu behalten.

Neuer Rekord: Kegelrobben-Babys so weit das Auge reicht

Rangerin Maren Becker hält Ausschau nach den letzten, im Januar geborenen Nachzüglern. Das tägliche Monitoring der aktuellen Tierbestände an den Stränden der Düne zählt zu ihren Hauptaufgaben.

Foto von Marina Weishaupt, Marina Weishaupt

Und das macht aktuell besonders viel Spaß, denn die Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren zum Schutz der Tiere ergriffen wurden, sind ein sichtbarer Erfolg: An den feinen Sandstränden der 1.000 Meter langen und 700 Meter breiten Düneninsel wimmelt es in diesem Winter von Robbenbabys. Die ersten wurden im November geboren – bis Anfang, Mitte Januar werfen die weiblichen Robben in der Regel. Die Gemeinde Helgoland geht für die Wurfsaison 2023/2024 von über 800 Geburten aus – die höchste Zahl an einem Zähltag betrug 793. Ein erneutes Rekordjahr: Noch in der Saison 2019/2020 erblickten hier „lediglich“ 531 Jungtiere das Licht der Welt. „Jetzt liegen zur Wurfzeit so viele Tiere am Strand, dass wir das Monitoring nicht mehr zu Fuß machen können“, sagt Maren Becker.

Stattdessen greift sie bei ihren täglichen Runden entlang der Strände aus sicherer Entfernung zum Fernglas. Das Monitoring vom Boden aus wird seit der letzten Saison zusätzlich durch Drohnen unterstützt. Mittels KI werden diese Aufnahmen ausgewertet. Das ergibt jedoch nur noch ungefähre Zahlen. Früher kannte man jede Robbe quasi persönlich.

Einzigartige Besucherlenkung: Zaun schützt Menschen und Robben

Tatsächlich konnten die Strände um die Düne herum noch bis vor wenigen Jahren auch während der Wurfsaison begangen werden. Mindestens 30 Meter Abstand sollten beim Beobachten der Kegelrobben eingehalten werden. Doch viele Menschen hielten sich nicht daran – also griff man zu sonst einer eher unüblichen Maßnahme: einer deutschlandweit beispiellosen Besucherlenkung. Seit 2021 hindert ein kilometerlanger Metallzaun davor, sich den Tieren zu sehr zu nähern.

Das passt nicht jedem. „Früher konnten wir bessere Fotos machen“, meckern an diesem Januartag einige, die mit Kameras – oder teils nur mit dem Smartphone – gekommen sind, um die Tiere zu fotografieren. Oder: „Tierschutz ist ja schön und gut, aber dass sie uns gar nicht mehr an den Strand lassen…wer gebissen wird, ist doch wohl selbst Schuld!“. 

Galerie: Helgoländer Düne – zu Besuch beim Nachwuchs der Kegelrobben

Doch der Zaun schützt nicht nur die Robben. Tatsächlich stellen die massigen Tiere für Menschen eine mögliche Gefahr dar. Kegelrobben sind Raubtiere und verteidigen ihre Jungen bis aufs Blut. Ein aufgeregtes Muttertier kann sich an Land bis zu 20 km/h schnell bewegen, trotz eines Gewichts von etwa 150 Kilo. Ein Bulle bringt sogar gut und gerne über 300 Kilo auf die Waage.

Scharfe Zähne und Krallen besitzen bereits die jüngsten Tiere. Übertreten der Zäune oder gar ein Annähern können im Zweifelsfall auch mit Verletzungen einhergehen. Und so soll der Zaun auch Menschen schützen, denen der Schutz der Tiere egal ist.

Die eigene Neugier zügeln – zum Schutz der Jungtiere

Für neugeborene Robbenbabies ist es überlebenswichtig, dass Menschen sich zurücknehmen, Abstand wahren und die Tiere mittels Ferngläsern oder Objektiven mit langer Brennweite beobachten. „Anders als bei Seehundbabys, die direkt mit der Mutter im Meer schwimmen, bleiben die Robbenbabys zwar erstmal an den Stränden, sodass Tiere dort nicht so leicht verloren gehen können“, sagt Maren Becker. Werde der Kontakt von Baby und Mutter jedoch gestört, könne dies dazu führen, dass die Mutter sich dauerhaft vom Jungtier trennt.

Je nach Gesundheitszustand des verlassenen Jungtiers, aufgrund seiner hoffnungslosen Schreie Heuler genannt, wird es ein Fall für die Seehundstation Friedrichskoog – oder muss vom Jäger erlöst werden. „Wir müssen die Tiere im Blick haben und erkennen, wenn Jungtiere nach der Mutter suchen”, sagt Becker. Insgesamt waren es in dieser wie auch in der vergangenen Saison etwas über 20. 

Robben arbeiten zusammen – und verjagen Weißen Hai
Das Zuhause dieser Robben wird von mehr Weißen Haien heimgesucht als jede andere Küstenregion dieser Welt. Gemeinsam finden sie einen Weg zu überleben. Aufnahmen aus der Serie "Feindselige Erde – Anpassen oder sterben".

Der eingerichtete Panoramaweg und die variabel einsetzbaren Zäune seien langfristig von Vorteil für beide Seiten, erklärt Becker. „Dadurch, dass die Jungtiere im Winter weniger mit Menschen vertraut werden, suchen sie auch im Sommer weniger den Kontakt zu ihnen. Die Tiere sind etwas scheuer.“ Somit kommt es auch während der Badesaison zu weniger direkten Begegnungen. Wo sie den ganzen Tag in Ruhe liegen können und wo nicht – das lernen die Meeressäuger meist schnell.

Wiederansiedlung: Schritt für Schritt zum Erfolg

Ruhe hat sich die Art mehr als verdient. Einst war sie entlang der deutschen Küsten durch Menschenhand beinahe vollständig verschwunden. Im Informationshäuschen auf der Düne erinnern, eingerahmt hinter Glas, ein dicker Fellmantel, Pantoffeln und sogar Schlüsselanhänger aus Robbenfell an die Jagd. Das warme, isolierende Fell der Robben war allerdings nicht das Hauptaugenmerk der Jäger. Aufgrund ihres Speiseplans – eine ausgewachsene Robbe frisst am Tag etwa zehn Kilo Fisch – waren sie der Fischerei ein Dorn im Auge. Eine fatale Fehleinschätzung, die Tausenden Kegelrobben das Leben kostete. 

Seit einem Jagdverbot in den Siebziger Jahren erholen sich die Bestände der Nordsee. Laut Statista kann das Wattenmeer bis auf eine kleine Schwankung im Jahr 2022 für die letzten zehn Jahren einen durchweg positiven Trend aufweisen: Zuletzt wurden entlang deutscher Küsten im Jahr 2023 10.544 Individuen gezählt. Auch in der Ostsee verbreitet sich die Unterart der Ostsee-Kegelrobbe seit der Jahrtausendwende stetig.

Dass sich die Populationen deutschlandweit, aber auch international, austauschen, sieht Maren Becker an den Flossen-Markierungen, die an ausgewählten Tieren angebracht werden. „Es sind nicht immer dieselben Tiere, die hier sind“, sagt sie. Anhand der Farben wird ersichtlich, ob die Tiere beispielsweise als Heuler von der Seehundstation Friedrichskoog aufgezogen wurden.

Für die Zukunft wünscht sich Maren Becker im Bezug auf ihre Schützlinge vor allem etwas mehr Eigenverantwortung, was die Distanz zu den Tieren anbelangt. „Jetzt hier im Winter ist es geführt, aber im Sommer muss man selbst darauf achten.” 30 Meter einzuschätzen, sei gar nicht so einfach – „vor allem im Wasser, wo die Robbe das Sagen hat.“ Um die Entfernung besser abschätzen zu können, wurde entlang des Rundweges mit Schildern ausgeholfen. Im Zweifel gelte aber immer: Lieber weiter wegbleiben – und den süßen Anblick aus der Ferne genießen.

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