Sterben Lachs und Forelle bald aus?

Erstmals seit 2009 wurde die Rote Liste für heimische Süßwasserfische aktualisiert. Das Fazit ist ernüchternd: Jede zweite deutsche Fischart ist gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Darunter auch beliebte Speisefische.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 10. Jan. 2024, 08:38 MEZ
Seit Kurzem gefährdet: Die Bachforelle ist eins der neuen Sorgenkinder auf der neuen Roten Liste.

Seit Kurzem gefährdet: Die Bachforelle ist eins der neuen Sorgenkinder auf der neuen Roten Liste. 

Foto von Kletr / Adobe Stock

Unscheinbar und leise verschwindet das Leben aus den deutschen Gewässern: Mehr als die Hälfte der 90 bewerteten heimischen Arten gilt hierzulande als bestandsgefährdet, verschollen oder sogar ausgestorben. 

Zu diesem Ergebnis kommt die erstmals seit 2009 aktualisierte Rote Liste für Süßwasserfische und Neunaugen in Deutschland. Herausgegeben wird diese vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem Rote-Liste-Zentrum (RLZ). Sie zeigt: Das Leben unter Wasser wird seit Jahren in Mitleidenschaft gezogen – und das meist im Verborgenen.

Forelle, Lachs und Co.: Den Beständen geht es schlecht

Galten 2009 noch 22 Arten von Süßwasserfischen und Neunaugen als gefährdet, stieg diese Zahl bis Ende 2023 auf 38. Zu ihnen zählen auch die Bach-, See- und Meerforellen (Salmo trutta). Noch vor rund 15 Jahren galt die Forelle aufgrund ihrer recht stabilen Bestände gemeinhin als ungefährdet. Doch die positive Wachstumskurve brach in den letzten Jahren ein: In Bayern und Baden-Württemberg, einstigen Forellen-Hochburgen, sind die Populationen mittlerweile sogar rückläufig. 

Laut Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) Berlin ist eine derart neue negative Bewertung einer einst stabilen Art „ein erstes deutliches Warnsignal für größere klimabedingte Biodiversitätsveränderungen in Fließgewässern.“ Und damit ist die Forelle nicht allein. Auch andere Populationen von eigentlich häufig anzutreffenden Fischarten, beispielsweise der Brasse, haben in den letzten Jahrzehnten mit Rückgängen zu kämpfen.

Noch schlechter steht es um weitere elf Arten, darunter der Atlantische Lachs (Salmo salar) und das Meerneunauge (Petromyzon marinus): Beide sind in Deutschland direkt vom Aussterben bedroht. Zwar wird der Lachs als Speisefisch genutzt, laut IGB stammen diese Tiere allerdings aus Besatzprogrammen. Dabei werden Jungtiere in menschlicher Obhut aufgezogen und schließlich an den gewünschten Standorten ausgesetzt, etwa im Rhein und in der Elbe. Freuen sollte man sich allerdings nicht zu früh: „Die Durchgängigkeit der Flüsse für Wanderfische wie den Atlantischen Lachs muss weiter verbessert werden, allein schon um die Gefährdung dieser kälteliebenden Art durch den Klimawandel abzumildern“, sagt Wolter.

Laut der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) gilt der Atlantische Lachs mittlerweile weltweit als „gefährdet“. Von 2006 bis 2020 sanken die Bestände des beliebten Speisefischs um 23 Prozent.

Foto von Paul Abrahams / Adobe Stock

Für neun weitere Arten würden derartige Verbesserungen zu spät kommen, sie sind seit 2009 aus den deutschen Gewässern verschwunden. Als ausgestorben oder verschollen gilt beispielsweise der Bodensee-Kilch. Besonders schwer wiegt das Verschwinden endemischer Arten – also von Fischen, die nirgendwo anders auf der Welt, sondern ausschließlich hierzulande vorkommen. Die Autor*innen der neuen Roten Liste betonen deshalb die besondere Verantwortung Deutschlands für 21 solcher Arten – darunter der Ammersee-Kilch, die Fontane-Maräne, die Chiemsee-Renke oder die Schaalsee-Maräne.

Fischsterben: Ursachen sind längst bekannt

Als Hauptursache für den rapiden Rückgang oder Verlust derart vieler Arten bezeichnen die Institutionen vor allem das menschliche Eingreifen in deren Lebensräume. Dazu zählen längst nicht nur Ereignisse der Gewässerverschmutzung, wie es im Jahr 2022 während des Fischsterbens in der Oder besonders deutlich wurde. Flussbegradigungen und -regulierungen zerstören wichtige Lebensräume wie Uferbereiche oder Auenlandschaften und verändern die Dynamik von Fließgewässern. Unüberwindbare Hürden wie Wasserkraftwerke tragen zu hohen Todesraten bei und tragen sogar vielerorts zum Aussterben des Lachses bei. 

“Die neue Rote Liste dokumentiert den Beginn einer tiefgreifenden Veränderung der Fischbestände unserer Gewässer.”

von Jörg Freyhof

Jörg Freyhof, Hauptautor der Roten Liste und Wissenschaftler am Museum für Naturkunde Berlin, betont zudem die Problematik der vermehrt auftretenden Dürre- und Hitzejahre in Folge des Klimawandels. „Stark betroffen sind die zahlreichen hitzeempfindlichen Arten wie unsere einheimische Forelle, welche nun als gefährdet eingestuft werden musste“, so Freyhof. Sie leiden unter steigenden Wassertemperaturen und einem sinkenden Sauerstoffgehalt. 

Invasive Arten weiterhin beständig

Neben den klimatischen Veränderungen stellen auch 21 gebietsfremde Arten eine Gefahr für bedrohte heimische Fische dar, darunter etwa die aus Nordamerika stammende Regenbogenforelle. Vor allem Goldfisch (Carassius auratus), Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva) oder Sonnenbarsch (Lepomis gibbosus) sind mittlerweile weit verbreitet und regional häufig anzutreffen. Die invasiven Arten sind nicht nur Konkurrenz im Kampf um Nahrung und Lebensräume, sondern auch mögliche Krankheitsüberträger. 

Die Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus), die aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer stammt, gilt als die invasive Fischart mit der stärksten Bestandszunahme. „Die Schwarzmundgrundel breitet sich aus, wird aber vermutlich auch von Angler*innen und Aquarianer*innen in die Gewässer eingesetzt“, so Wolter. Besonders stark ausgebreitet habe sich jedoch keine der „neuen“ Fischarten.

Lösungsansätze sind da, aber unzureichend

Laut Christian Wolter sind sowohl die wichtigsten Gefährdungsursachen als auch geeignete Hilfs- und Schutzmaßnahmen seit Langem bekannt. „Aber Gewässer werden noch immer nicht als wichtige Lebensräume wahrgenommen. Ein großes Problem ist, dass uns als Gesellschaft oft andere Funktionen der Fließgewässer wichtiger sind“, so Wolter. Dazu zählen Hochwasserschutz, Schifffahrt, Entwässerung oder Stromerzeugung, die – trotz der Aussicht auf fatale ökologische Folgen – höhere Priorität haben als der Artenschutz.

„Die zwischenzeitliche Erholung von Fischbeständen Ende des 20. Jahrhunderts durch die Verbesserung der Wasserqualität unserer Gewässer hat allerdings gezeigt, dass mit den richtigen Maßnahmen Erfolge für den Artenschutz erreicht werden können“, sagt BfN-Präsidentin Sabine Riewenherm. Dafür seien allerdings weitere gezielte Anstrengungen für den Erhalt der einheimischen Arten und die Renaturierung ihrer Lebensräume notwendig.

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