Tiere

Pelze: Mörderische Mode

Nicht nur an Kapuzen: Pelze liegen wieder im Trend. Doch noch immer leben und sterben die Tiere unter elenden Bedingungen. Was können wir dagegen tun?

Von Richard Conniff
Bilder Von Paolo Marchetti

Pelze erleben derzeit ein großes Comeback. 2015 wurde auf über 70 Prozent der Modeschauen in New York, Paris, Mailand und London Pelzmode gezeigt. Während Tierschützer für ein Verbot der Pelztierzucht kämpfen, befeuert die steigende Nachfrage in China, Südkorea und Russland den Markt. Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma könnten strengere Regeln für die Pelzzucht und ein bewusstes Konsumverhalten bieten.

Es gibt Momente, in denen man plötzlich mit den ganz großen Fragen konfrontiert wird: Auf welcher Seite stehst du? Was bist du für ein Mensch?

Vor einiger Zeit erbten meine Frau und ich eine wertvolle Ozelot-Jacke. Als wir erfuhren, dass das Kleidungsstück aus 15 einzelnen Fellen von Leopardus pardalis bestand, fanden wir keine Ruhe mehr. Am Ende spendeten wir die Pelzjacke einem staatlichen Naturschutzgebiet, wo sie als Lehrmaterial eingesetzt wird. Haben wir das Richtige getan? Ich bin mir nicht ganz sicher. Denn mein persönliches Verhältnis zum Pelzhandel ist gespalten. Mein Urgroßvater war ein Fallensteller. Und ich bin der Meinung, dass uns der urbane Lebensstil von der Natur entfremdet und dass man durch die Jagd und die Arbeit mit Tieren wichtige Kenntnisse und Einsichten erwerben kann. Mit diesem Widerspruch versuche ich zu leben.

Die Frage, was man von Pelzmode hält, ist drängender denn je. Denn im 21. Jahrhundert feiert der Pelz ein grandioses Comeback. Während Topmodels noch vor wenigen Jahren für die „Lieber nackt als im Pelz“-Kampagne posierten, wurde 2015 auf über 70 Prozent der Modeschauen in New York, Paris, Mailand und London ganz selbstverständlich Pelzmode gezeigt. Im selben Jahr lud der römische Edelschneider Fendi zur „Haute Fourrure“-Show – erstmals zeigte ein großes Modehaus ausschließlich Pelzkreationen. Pelz wird nicht mehr nur von der Fabrikantenwitwe auf der Münchner Maximilianstraße getragen, sondern auch von Hip-Hop-Sängern und Teenagern. Pelz schmückt Kapuzen, Kissen, Geldbörsen, High Heels, Schlüsselanhänger, Pullover, Schals und Lampenschirme. Es gibt neonfarbene Pelzmäntel, Batik-Pelzmäntel und Pelzmäntel, die mit Tarnmuster bedruckt sind. Pelz ist trendy, nicht tabu.

Was sind die Gründe für die modische Renaissance? Zum einen ist da die gestiegene Nachfrage in China, Südkorea und Russland. Zum anderen hat die Pelzbranche auf die Kritik reagiert und die Bedingungen in den Tierfarmen verbessert. Auf einer Reise zu Jägern, Züchtern und Händlern möchte ich nun herausfinden, ob sich wirklich etwas verändert hat.

Im Norden der USA haben die Jagd auf Pelztiere und die Verarbeitung von Fellen eine lange Tradition. An einem eisigen Februartag begleite ich Bill Mackowski, der seit 60 Jahren als Fallensteller arbeitet, meist im US-Bundesstaat Maine. Wir stapfen hinaus in ein Feuchtgebiet. Der Boden ist bis zu 23 Zentimeter tief gefroren. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel auf den frisch gefallenen Schnee. So müssen sich die Menschen gefühlt haben, die mit dem Pelzhandel begonnen haben – irgendwann, irgendwo, vor langer Zeit, an einem fernen Ort.

Mackowski ist auf Biber-Jagd. Nach einer Weile zeigt er auf ein paar Erlenzweige, die aus einem zugefrorenen Bachlauf ragen. Eine Spur! Denn Biber, erklärt Mackowski, beginnen nach dem ersten Kälteeinbruch, Pappeläste anzusammeln (das weiche Holz ist ihre Lieblingsspeise). Anschließend legen sie die weniger schmackhaften Erlenzweige darüber. Friert die Wasseroberfläche zu, wird der Pappelholzvorrat unter Wasser gedrückt – wo sich die Biber den ganzen Winter davon ernähren.

Mit einem Metallstab hackt der Jäger ein Loch ins Eis, fischt nach einer langen Kette und zieht daran, bis eine Metallfalle an die trübe Wasseroberfläche kommt. Er hatte den richtigen Riecher. Die Falle ist um den Hals eines großen Bibers zugeschnappt. „So etwas nennt man ein Riesenfell“, sagt Mackowski, „ein tolles Tier.“ Zwar bringt der Biberpelz seiner Schätzung nach nur 25 Dollar, aber während des gesamten Heimwegs durch den Schnee strahlt Mackowski die archaische Zufriedenheit eines Jägers aus, der erfolgreich und mit Beute bepackt von der Jagd zurückkehrt.

Natürlich werden nur die wenigsten Tiere, deren Pelze gehandelt werden, in freier Wildbahn erlegt – in Deutschland und vielen anderen Ländern ist dies verboten. Die Branche wird von den großen Pelzfarmen beherrscht, die ihre Produktionsmenge seit den 1990er-Jahren verdoppelt haben. Vergangenes Jahr wurden weltweit etwa 100 Millionen Pelze verkauft – vor allem von Nerzen und Füchsen. Aber auch unzählige Rinder, Lämmer, Kaninchen, Strauße und Krokodile werden jedes Jahr getötet, um ihre Haut zu Schuhen, Jacken oder Taschen zu verarbeiten. Auch im Zeitalter der Kunstfaser müssen Millionen von Tieren sterben, damit sich der Mensch schön findet und nicht friert.

Ich reise weiter Richtung Nordosten, in die kanadische Provinz Nova Scotia, ein Zentrum des globalen Pelzhandels. Bei einem Besuch der Nerzzuchtanlage von Dan Mullen will ich mir ansehen, wie die Tiere dort leben – und wie sie sterben. Als Mullen vor Jahren in das Geschäft einstieg, wurden die Tiere meist in engen Käfigen gehalten, die in langen, engen Schuppen übereinandergestapelt wurden. Mullen setzte von Anfang an größere Käfige ein, die auch von Behörden in Europa empfohlen werden. In sechs Reihen stehen die Käfige auf dem Boden einer fußballfeldgroßen Halle. Durch ein durchsichtiges Kunststoffdach fällt Tageslicht. Mehrmals am Tag fährt ein Arbeiter mit einem Futterwagen an den Käfigreihen entlang und legt auf jedem Käfig eine Futterportion ab, die von einem Computer nach wissenschaftlichen Erkenntnissen portioniert wurde. Eine frostsichere Leitung stellt sicher, dass die Tiere rund um die Uhr Trinkwasser bekommen. Die Ausscheidungen und Fressabfälle werden in einer Rinne unter den Käfigen weggespült, zu Dünger weiterverarbeitet oder in einer Biogasanlage zur Stromerzeugung verwendet. Es wirkt wie ein sauberes, durchdachtes System.

Mullen erzählt, dass viele der Reformen nur auf Druck der Tierschutzbewegung umgesetzt wurden – aber auch den Züchtern nutzen. In den Käfigen gibt es beispielsweise ein erhöhtes Brett, auf dem ein stillendes Muttertier ein wenig Abstand zu ihren Jungen gewinnen kann. Wie sich herausstellte, ziehen Weibchen, die weniger bedrängt werden, gesündere Nachkommen auf. Spielzeug im Käfig vermindert den Stress – oft reicht schon ein Stück Kunststoffschlauch – und führt zu Pelzen besserer Qualität. In gewisser Art und Weise haben die Tierschützer zur Optimierung der Pelztierzucht beigetragen. Der Pelzhändler Frank Zilberkweit aus London sagt ganz offen: „Die Tierschützer haben uns bewusst gemacht, was wir eigentlich tun. Dafür sollten wir ihnen danken.“

Mullens Nerze sehen auffällig groß und gesund aus – sie wiegen doppelt so viel wie ihre wild lebenden Artgenossen und haben breite, neugierige Gesichter. Es fällt mir deshalb nicht leicht, nach der Fütterung auch beim Schlachten zuzusehen. Arbeiter gehen von Käfig zu Käfig und heben die Tiere am Schwanzansatz heraus. Manche Nerze schreien empört auf, die meisten aber wehren sich selbst dann nicht, als sie durch eine Schwingtür in die Kohlenmonoxid-Tötungskammer geworfen werden. In der Regel verlieren die Tiere dort innerhalb einer Minute das Bewusstsein. Wenige Minuten später sind sie tot. „Andere Nutztiere werden mit Lastwagen Hunderte von Kilometern zum Schlachthof gefahren und auf blutige und entsetzliche Art und Weise geschlachtet“, sagt Mullen und behauptet: „Es gibt keine humanere Methode, Nutztiere zu töten, als unsere.“

Blutig geht es aber doch zur Sache. Am nächsten Tag besuche ich die Verarbeitungsfabrik, in der Maschinen das Fell vom Körper der toten Nerze schneiden und es in einem Stück abziehen. Die Kadaver landen im Müll.

Verdient die Pelzindustrie Applaus, weil sie Fortschritte beim Tierschutz gemacht hat? Oder führen solche Maßnahmen nur dazu, „dass wir bei der Ausbeutung der Tiere ein besseres Gewissen haben“, wie Gary Francione es formuliert, ein Juraprofessor der Rutgers Universität in New Jersey. Francione kämpft nicht dafür, dass Nutztiere unter sogenannten „humanen“ oder „artgerechten“ Bedingungen gehalten werden – für ihn ist der „Gebrauch“ von Tieren an sich falsch: „Veganismus ist die moralische Minimalforderung.“

So gesehen unterscheidet sich Nerzzucht nicht von der Schweine-, Rinder- oder Hühnerhaltung. Die Tiere verbringen ihr ganzes Leben lang in Gefangenschaft und werden dann getötet. Die Frage ist, ob man absolut argumentiert wie Francione und die Nutztierhaltung insgesamt abschaffen will. Oder ob man sich pragmatisch für Verbesserungen in der Tierhaltung einsetzt, die das Problem nicht final lösen, aber das Leiden der Tiere zumindest ein wenig vermindern.

Kopenhagen ist der zentrale Handelsplatz der Branche. Dort sitzt Kopenhagen Fur, das größte Auktionshaus für Pelze. Vor einer Auktion laufen 6,8 Millionen Pelze über ein Fließband, Strichcodes geben an, von welcher Farm sie stammen. Dann werden die Pelze durch Roboter, Röntgengeräte, Scanner und Mitarbeiter geprüft und in 52 verschiedene Felltypen und Tausende Auktionslose eingeteilt.

Kopenhagen Fur ist nicht nur ein Handelsdrehkreuz, sondern auch Designstudio und Thinktank und beeinflusst so Trends und die Strategie der Branche. 2013 gründete der Konzern das Atelier Kopenhagen International Centre for Creativity, um, wie es auf der Website heißt, die „Beziehung zwischen Pelz und Modebranche zu verbessern“. Hier treffe ich Ran Fan aus Peking, die in Dänemark neue Verarbeitungsmethoden erlernen will, und gerade dabei ist, einen lavendelblau gefärbten Nerzpelz für eine leichte Weste zuzuschneiden. Designer wie Ran Fan sind ein doppeltes Glück für die Pelzbranche. Zum einen entwirft sie Mode, die junge Menschen anspricht. Zum anderen kaufen chinesische Kunden mittlerweile fast die Hälfte aller Pelzprodukte weltweit.

Die Pelz-Renaissance ist kein Zufall. Schon auf dem Höhepunkt der Tierschutzbewegung in den 1990er-Jahren begannen die wichtigsten Pelzauktionshäuser eng mit Design-Vordenkern zu kooperieren. Pelze sollten nicht länger nur in Fachgeschäften verkauft werden, sondern überall dort erhältlich sein, wo schicke Mode verkauft wird. Die Strategie ging auf. Heute nutzen Designer neue Färbeverfahren, um Pelze in jeder möglichen Farbe herzustellen, von Hellblau bis zu knackigem Grün. Und weil die Hersteller heute andere Nähtechniken einsetzen als traditionelle Kürschner, brauchen sie weniger Pelz pro Kleidungsstück – der Preis sinkt. Die Pelzbranche verlässt sich nicht mehr darauf, dass wohlhabende Kunden automatisch in die Boutiquen kommen, sondern führt eine größere Zielgruppe an das Produkt heran; der „Weg zum Pelz“, wie Julie Maria Iversen von Kopenhagen Fur es nennt: „Nehmen wir an, dass sich eine junge Kundin einen Pelz-Schlüsselanhänger kauft.“ Die Einstiegsdroge. „Ein wenig später kann sie sich schon eine Pelzhandtasche leisten“, sagt Iversen. Der nächste Schritt. „Und am Ende kauft sie sich dann einen Mantel.“

Bleibt die Frage, ob die Pelzindustrie ebenso viel Energie und Ressourcen für die Verbesserung der Bedingungen in Zuchtfarmen aufwendet wie für Marketing. Einerseits bemühen sich viele Geschäftsleute um eine bessere Behandlung der Tiere. Andererseits ziehen auch in Deutschland immer wieder Nerzzüchter vor Gericht, weil sie die Tierschutzverordnungen nicht umsetzen wollen. Einerseits gibt es Siegel wie WelFur, das laut der Pelzbranche garantiert, dass ein Fell von einer Farm stammt, auf der gewisse Tierschutzstandards eingehalten werden. Andererseits werden bei dem Sortiervorgang in den Auktionshäusern Pelze von bis zu 300 Farmen, auf denen ganz unterschiedlich gearbeitet wird, in ein Versteigerungslos verpackt. Ein Problem für alle Designermarken, die den Kunden die Einhaltung nachhaltiger Produktionsstandards garantieren wollen.

Achten Menschen, die Pelze kaufen, auf solche Dinge? Das komme darauf an, meint Tage Pedersen, Direktor von Kopenhagen Fur, „ob man jemanden in Shanghai oder in Zürich fragt“. Er ist sicher: „In Zukunft werden immer mehr Menschen im Laden fragen: Wird der Tierschutz eingehalten?‘ Und wenn der Verkäufer bejaht, werden sie fragen: ‚Woher wissen Sie das?‘“ Aber sind die Konsumenten auch bereit, für einen Bio-Pelz höhere Preise zu zahlen?

Die Tierschutzbewegung kämpft weiterhin für das Verbot der Pelztierzucht, das in Ländern wie Großbritannien, Österreich und Kroatien umgesetzt wurde. Aber Menschen tragen seit Jahrtausenden Pelze – und manche werden das auch in Zukunft tun. Solange eine Nachfrage besteht, gibt es auch ein Angebot. Die Produktion verlagert sich nur in Regionen, in denen es überhaupt keine Tierschutzkontrollen gibt. Ein Verbot der Pelztierzucht würde das Problem der industriellen Nutztierhaltung insgesamt nicht lösen, sondern wäre nur eine kleine Geste, die uns ein gutes Gewissen verschafft, ohne dass wir Opfer bringen müssten. Viele Menschen, die auf Pelzprodukte verzichten wollen, essen weiterhin Fleisch, tragen Lederschuhe, trinken Milch und beuten Tiere auf andere Weise aus, wie die Menschen es immer getan haben.

Ich glaube: Gerade weil der Pelzhandel ein emotionales Thema ist, das in den Medien intensiv diskutiert wird, eignet es sich dafür, die Zustände in der Nutztierhaltung insgesamt zu verbessern. Naturschützer, Medien und Konsumenten sollten deshalb den Druck auf die Branche weiter erhöhen, um die schwarzen Schafe unter den Züchtern aus dem Geschäft zu drängen. Die progressivsten Züchter und ihre Methoden könnten als Vorbild für die anderen Bereiche der Nutztier-Haltung dienen, ohne die unser moderner, gemütlicher Lebensstil offenbar nicht möglich ist.

(NG, Heft 9 / 2016, Seite(n) 102 bis 117)

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