Tiere

Blutiger Luxus: Seltene Antilopen sterben für $20.000-Schals

Der Luxusmarkt für Shahtooshs gefährdet den Bestand der Tibetantilope. Freitag, 10 Mai

Von Dina Fine Maron

CASTASEGNA, SCHWEIZ Giovanni Albertini ist an Luxus gewöhnt. An seinem Grenzkontrollpunkt zwischen Italien und der Schweiz, nur zwei Autostunden von Milan entfernt, verbringen er und seine Kollegen ihre Tage damit, schick frisierte Reisende zu mustern und ihre Gucci- und Louis Vuitton-Taschen nach Schmuggelware zu durchsuchen. Er und seine Kollegen vom Schweizer Grenzschutz haben mit Diamanten, teuren Weinen, Kaviar und anderen Luxusgütern zu tun.

Aber der unscheinbare Schal, der jetzt vor ihm ausgebreitet liegt, würde auf den ersten Blick wohl kaum jemanden beeindrucken. Er ist zerknittert und anscheinend aus dünnen, krausen Haaren gewebt und an seinen zwei Enden nur mit einem kleinen Rand verziert. Und doch könnte dieser scheinbar unauffällige Schal ein wertvolles Schmugglergut sein.

Zwei Stunden zuvor hatte Albertini ihn am Hals einer italienischen Frau mittleren Alters entdeckt, die mit ihrem Mann in einem silbernen Audi unterwegs war. Er hatte den Wagen rausgewunken, weil er vermutete, dass es sich bei dem Schal um Shahtoosh handeln könnte, die sogenannte Königswolle. Es ist ein sehr teures und enorm weiches und warmes Wollgewebe, dessen Import, Handel und Besitz in fast alles Fällen illegal ist.

Shahtoosh wird aus der kurzen, warmen Unterwolle der seltenen Tschirus oder Tibetantilopen gefertigt. Die Art lebt fast ausschließlich in der Changthang-Region im Hochland von Tibet. Um genügend Wolle für einen einzigen Shahtoosh-Schal zu erhalten, sind vier Antilopen nötig.

Da sich die Wildtiere nicht zähmen und scheren lassen, werden die Tiere einfach getötet. Schmuggler bringen die Rohwolle dann nach Indien, wo Kunsthandwerker in Kaschmir sie zu feinen Schals weben.

“Es sind vier Tschirus nötig, um genügend Wolle für einen Schal zu erhalten.”

Durch die globale Nachfrage nach Shahtoosh sind im vergangenen Jahrhundert 90 Prozent der Tibetantilopen verschwunden, wie die Weltnaturschutzunion berichtet. Einst galten solche Schals in Indien als wertvolle Aussteuer. Mittlerweile haben es vor allem Menschen aus dem Westen darauf abgesehen und zahlen für einen einzigen Schal in der richtigen Größe, Farbe und mit dem richtigen Design bis zu 20.000 Dollar.

Lange Zeit rankten sich viele Gerüchte um die Herkunft und Herstellung von Shahtoosh. Ein verbreiteter Mythos besagte, dass sie aus den Daunen einer „sibirischen Gans“ gefertigt wurden. Es hieß aber auch, dass die Tibetantilopen ihre Unterwolle von selbst verlieren und Nomaden diese dann aufsammeln würden. Mittlerweile wissen Forscher aber recht genau, was im Zuge des Shahtoosh-Handels vor sich geht – und sie haben das Blutbad gesehen, das er anrichtet.

Der Artenschutzbiologe George Schaller, der die Tschirus im Rahmen seiner Arbeit für die gemeinnützige Wildlife Conservation Society seit den Achtzigern erforscht, erzählt, wie besonders der Anblick der Tiere in der Wildnis ist. „Die Männchen mit ihren langen, schwarzen Hörnern und ihrem schwarzweißen Winterfell sind besonders spektakulär“, sagt er. Und wenn sich die hellbraunen Weibchen mit den Jungtieren in großer Zahl in Bewegung setzen, sehe es so aus, als würde sich ein ganzer Hügel bewegen. Ihm zufolge sei dieses Phänomen umso eindrucksvoller, weil es in so einer wilden und abgelegenen Landschaft auftritt. „Das sind Tausende von Quadratkilometern ohne einen einzigen Menschen.“

Meinen ersten Shahtoosh hielt ich in einem Kellerraum in den Händen, der versteckt in einem Wohnviertel von Bern in der Schweiz lag. Der abgeschlossene Raum lag an einem Flur, der nach verdorbenem Käse roch – in der Nähe wurden gerade Tests zur Nahrungsmittelsicherheit durchgeführt. Tausende, wenn nicht gar Millionen konfiszierter Wildtierprodukten lagen in den Regalen (Mitunter nimmt der Schmuggel von solchen Produkten bizarre Formen an, wie Aschenbecher aus Nashornfüßen und Bärenpfotenpantoffeln zeigen).

In einer Ecke stand ein Regal, in dem Hunderte Shahtooshs in unterschiedlichen Größen und Formen lagen. „Der ganz kleine ist vermutlich für ein Kind“, erklärte Lisa Bradbury und zeigte auf ein taschentuchgroßes Stoffstück. Bradbury berät das Schweizer Büro, welches die Richtlinien des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES), das den internationalen Handel mit Wildtierprodukten reguliert, in der Schweiz durchsetzt.

Die meisten Shahtooshs, die sie mir zeigte, waren hingegen ziemlich groß – etwa 90 mal 180 Zentimeter. Ich legte mir einen unverzierten, lilafarbenen Schal um die Schultern und ließ die zarte Webung und das kuschelweiche Material auf mich wirken. Ich konnte schon verstehen, warum jemand einen Shahtoosh wollen würde – wenn er nicht weiß, welche Tiere dafür sterben müssen.

Einst gab es etwa eine Million Tschirus, aber schon in den Neunzigern war ihr Bestand auf circa 75.000 Tiere geschrumpft. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erholte er sich ein wenig, was dem strengeren Schutz ihres Lebensraumes in China zu verdanken ist, aber auch ihrem Eintrag auf der CITES-Liste, durch den jeglicher internationale Handel mit den Tieren und ihren Produkten verboten ist.

Trotzdem haben die Schweizer Behörden in letzter Zeit eine Menge Shahtooshs gesehen, wie sie erzählen. Allein zwischen 2015 und 2018 beschlagnahmten Zollbeamte Tücher, für deren Produktion mehr als 800 Tschirus sterben mussten. Die Besitzer der Schals stammten vorwiegend aus Italien, Deutschland, Großbritannien und dem Nahen Osten. Die modernen Designs mit eleganten Mustern und Stickereien lassen darauf schließen, dass zumindest einige der Shahtooshs neu angefertigt wurden.

In der Woche vor meinem Besuch im Februar entdeckte der Schweizer Zoll drei weitere Shahtooshs, was 12 toten Antilopen entspricht.

„Shahtoosh sind für unser Büro eine der Prioritäten“, erzählte mir Mathias Lörtscher in seinem Büro in Bern. Der leitet das Team, welches die CITES-Bestimmungen in der Schweiz durchsetzt. Er glaubt auch nicht, dass sein Land das einzige mit einem Shahtoosh-Problem ist. Auf zwei CITES-Konferenzen 2016 und 2017 sprach sich die Schweiz für eine sofortige Untersuchung des Shahtoosh-Schmuggels und weltweit mehr Wachsamkeit für dieses Thema aus.

Woran erkennt man Shahtoosh?

Es ist schon einiges an Wissen nötig, um herauszufinden, ob man einen Shahtoosh vor sich hat. Für gewöhnlich suchen die Behörden nach den langen, krausen Deckhaaren, welche die Antilope in der Wildnis vor Nässe schützen. Im Gegensatz zu der weichen Unterwolle sind diese Deckhaare für die charakteristische Textur der Schals nicht nötig. Allerdings lassen sie sich nur schwer entfernen und sind an dem Gewebe daher oft sichtbar.

Unter dem Mikroskop scheinen sie „ein Fliesenmuster“ zu haben, sagt die mittlerweile im Ruhestand befindliche forensische Morphologin Bonnie Yates aus Oregon. Mitte der Neunziger, als sie für das forensische Labor des U.S. Fish and Wildlife Service in Oregon arbeitete, entdeckte sie eine Möglichkeit, um die Deckhaare der Tschirus von denen anderer Tiere zu unterscheiden. Die Haare der Tibetantilopen sind mit winzigen Luftbläschen gefüllt, die unter einem Vergrößerungsglas das optische Fliesenmuster erzeugen. Ein Deckhaar einer Kaschmirziege, aus deren Wolle traditionell legale Pashmina-Schals gefertigt wurden, sieht gänzlich anders aus. Es ähnelt eher einem dicken, dunklen Streifen mit weißen Rändern.

Am Grenzkontrollpunkt Castasegna blickte Marco Zarucchi durch ein Mikroskop, um sich eines der Deckhaare von dem beschlagnahmten Tuch anzusehen, das er von Albertini bekommen hatte. Zarucchi, ein ehemaliger olympischer Skilangläufer und mittlerweile Stabsfeldwebel der Schweizer Zollbehörde, hatte in den vergangenen fünf Jahren 19 Shahtooshs konfisziert.

Schon nach kurzer Zeit waren er und seine Kollegen sicher, dass sie einen weiteren gefunden hatten. „Ja“, sagte er zu Albertini, „das ist ein Shahtoosh.“

Das bedeutete, die Schweizer Regierung würde den Schal beschlagnahmen und die ehemalige Besitzerin würde eine Strafe zahlen müssen, die sich auf mehrere Tausend Dollar belaufen kann.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Zarucchi erzählte der Frau davon und übergab ihr ein offizielles Informationsblatt der Regierung zum Thema Shahtoosh. Darauf wurde erklärt, dass die Tschirus „denselben internationalen Schutz genießen wie beispielsweise Elefanten, Tiger und Flusspferde“.

Ohne laut zu werden oder ihren Schal zurückzufordern erklärte sich die Dame: Sie hatte den Schal von einer guten Freundin vermacht bekommen, die im Dezember 2017 verstarb. Sie hatte keine Ahnung, was ein Shahtoosh ist, und hatte das Wort zuvor noch nie gehört, wie sie erzählte.

Zarucchi gab nicht nach. Es sei nicht nur eine Schweizer Regelung, wiederholte er, und Shahtooshs seien durch das Artenschutzübereinkommen reguliert.

Zwei Stunden, nachdem das Paar am Kontrollpunkt angehalten hatte, durfte es wieder gehen – mit einer Quittung für eine Kaution über 1.800 Dollar, die später mit der Geldstrafe verrechnet werden würde, die von den Behörden in Bern festgelegt wird. Der Shahtoosh blieb als Beweisstück zurück.

Lisa Bradbury hat viele der Schweizer Zollbeamten ausgebildet, deren Aufgabe auch darin besteht, Shahtooshs zu erkennen. Nach einer positiven Identifikation müssen sie den Schal an Bradbury und andere Mitarbeiter des Schweizer Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen in Bern schicken, wo das Gewebe im Labor getestet wird. Etwa eine Woche nach der Beschlagnahmung des braunen Schals an der italienischen Grenze wurde er analysiert – es war tatsächlich ein Shahtoosh. (Oft genug werden auch lebende Tiere im Reisegepäck geschmuggelt – mitunter auch mal 5.000 Blutegel.)

Shahtooshs wurden erstmals 1979 auf die CITES-Liste gesetzt, was aber nicht sofort dazu führte, dass sich der internationale Handel mit den Produkten in den Untergrund verlagerte. Während der Neunziger, als der internationale Handel in vollem Gang war, wurden die Schals und Tücher laut einigen Medienberichten teils immer noch ganz offen in Läden auf der ganzen Welt verkauft und sogar öffentlich beworben. 1994 wurden zudem Shahtooshs im Wert von 100.000 Dollar illegal bei einer Wohltätigkeitsauktion in den USA verkauft, die Geld für Krebspatienten sammelte.

Der Vorfall führte im Land zur ersten strafrechtlichen Verfolgung von Shahtoosh-Verkäufen. (Der Shahtoosh-Schmuggler hatte insgesamt Schals im Wert von 250.000 Dollar ins Land gebracht. Er bekannte sich schuldig und wurde zu einer Haftstrafe von fünf Jahren auf Bewährung und einer Geldbuße von 5.000 Dollar verurteilt.)

High-Society-Liebling

Noch im Oktober 2017 erzählte Martha Stewart der New York Times, dass sie auf Reisen „immer einen sehr bequemen Schal“ mitnimmt, „einen Shahtoosh“.

„Die wiegen fast nichts und sind so warm wie eine Daumendecke [...] Die passen durch einen Ehering“, sagte sie.  (Dabei bezog sie sich auf den Ringtest, der genutzt wird, um Shahtoosh von dickeren Stoffen wie Kaschmirgewebe zu unterscheiden.) Später korrigierte Stewart ihre Aussage und sagte, dass sie eigentlich gemeint hatte, ihr Schal sei wie ein Shahtoosh.

In letzter Zeit ist es in den USA still geworden um den Shahtoosh-Handel. Ich habe einen Informationsantrag beim U.S. Fish and Wildlife Service gestellt, um herauszufinden, wie viele Shahtooshs und andere Produkte aus Tibetantilopen seit 2007 beschlagnahmt wurden. Das Antwortschreiben enthielt keinerlei Einträge.

Shahtoosh-Hotspot Schweiz

Was die öffentliche Bekanntmachung von Shahtoosh-Beschlagnahmungen angeht, führt die Schweiz die Weltrangliste an. Innerhalb der Landesgrenzen werden die Schals und Tücher oft an einem kleinen Flughafen ein paar Kilometer von dem noblen Ski Resort St. Moritz beschlagnahmt. Am Tag nach der Konfiszierung des Shahtooshs am Grenzübergang in Castasegna landeten dort zwei Dutzend Privatjets. Viele davon wurden nach Shahtooshs und anderen illegalen Waren durchsucht.

Gegen 14 Uhr, als drei Erwachsene und vier Kinder einen der Jets verließen, wurde ihr Gepäck in einen kleinen weißen Frachtcontainer verladen und durchsucht. Der Zollbeamte Zarucchi entdeckte bald einen verdächtigen Schal unter den sorgsam zusammengefalteten Blusen und Hosen. Er war dunkelgrün und hatte einen orange, rot und rosa bestickten Rand. An einer Ecke des weichen, glatten Stoffs waren Initialen eingenäht, womöglich die des Webers. Für Zarucchi wirkte der Schal von der Optik und Haptik her wie ein Shahtoosh.

„Jeder weiß doch, was ein Shahtoosh ist.“

Die Besitzerin des Schals – eine schlanke Britin mit Sonnenbrille im Haar, rosa Lippenstift und einem Säugling im Arm – spitze skeptisch die Lippen. „Das ist kein Shahtoosh“, erklärte sie. „Jeder weiß doch, was ein Shahtoosh ist. Das ist Pashmina!“ Ihr Schal passe außerdem nicht durch einen Ring, wie sie hinzufügte.

Zarucchi erklärte ihr, er müsste das Tuch unter dem Mikroskop überprüfen, und nahm es in eines der Hinterzimmer des Zollgebäudes mit. Er machte erst den Ringtest – mit meinem Ehering – und der Schal passte problemlos hindurch. Aber als er ihn unter dem Mikroskop betrachtete, fand er keine Deckhaare. Dieser Schal war kein Shahtoosh. (Der Ringtest ist zwar ein guter Anhaltspunkt, klappt aber eben nicht immer.)

Zarucchi brachte der Frau den Schal zurück und bestätigte ihr, dass sie Recht hatte und es kein Shahtoosh sei. „Natürlich nicht“, entgegnete sie. „Ich habe Shahtooshs bei meinen Freunden gesehen, also weiß ich, was das ist.“

In der Schweiz sind Shahtooshs mittlerweile berüchtigt. 2003 erhielt die Schweizer Regierung einen Tipp des CITES-Sekretariats, dass ein Laden in St. Moritz Hunderte Shahtooshs verkauft hatte. Im vergangenen Jahrzehnt wurden in dem Geschäft, das seine Transaktionen sorgfältig festgehalten hatte, fast 550 solcher Schals verkauft. Eine wohlhabende griechische Familie hatte etwa 60 Prozent der Lagerbestände aufgekauft.„Diese Schals stellen zweifelsfrei den weltweit bedeutendsten Fall von illegalem Handel mit diesen Produkten dar“, schrieb Heinrich Haller, der Direktor des

“Westliche Käufer zahlen für einen Shahtoosh bis zu 20.000 Dollar.”

Schweizerischen Nationalparks, 2016 in seinem Buch „Wilderei im rätischen Dreiländereck“.

Es folgten weitere Vorfälle. Schweizer Behörden beschlagnahmten 2010 in Basel 24 Schals aus kommerziellen Lieferungen und 8 weitere im Jahr 2013 auf einer Messe in der Schweiz. Da begriffen sie, dass sich das Problem noch nicht erledigt hatte, erzählte Bradbury. Allein in St. Moritz wurden 2016 insgesamt 26 Shahtooshs aus Geschäften konfisziert.

Aber die größten Beschlagnahmungen finden nach wie vor bei Grenzkontrollen statt. 2014 wurden 29 Schals aus Reisegepäck beschlagnahmt. Im darauffolgenden Jahren waren es 72 und 2016 dann noch mal 61. „Wenn man danach sucht, wird man auch fündig“, so Bradbury.

China und die Tibetantilopen

Damit sich der Bestand der Tschirus erholen kann, hat China sein Chang Tang National Nature Reserve im Hochland von Tibet erweitert, in dem die Tiere ihren Nachwuchs zur Welt bringen. 2015 klassifizierten das chinesische Umweltschutzministerium und die Chinesische Akademie der Wissenschaften die Tschirus als „potenziell gefährdet“. Im darauffolgenden Jahr stufte die Weltnaturschutzunion die Art ebenfalls von „gefährdet“ auf den Status „potenziell gefährdet“ herunter und schätzte, dass es in der Wildnis noch 100.000 bis 150.000 Exemplare gibt.

Das Komplizierte daran, den Zustand des Antilopenbestandes abzuschätzen, sei George Schaller zufolge aber, dass bisher keine umfassende Zählung durchgeführt wurde. Jegliche Bestandszahlen seien also eher grobe Schätzungen. Der unermüdliche Schaller, der im Mai 86 Jahre alt wird, reist weiterhin regelmäßig in die Region. „In den Gegenden, die ich mir angesehen habe, scheint ihre Zahl zu wachsen. Aber es ist schwierig, sie zu zählen, weil sie so weite Strecken zurücklegen. Man kann auch keine Flugzeuge benutzen, wie man das bei Tierzählungen in Ostafrika macht, weil wir hier in China sind das ein sensibler Bereich ist. Meistens darf ich noch nicht mal einen weiteren Ausländer mitnehmen“, erzählt er.

Aimin Wang, der Landesdirektor für den chinesischen Arm der Wildlife Conservation Society, verwies auf Chinas informelle Aussage, dass der aktuelle Bestand der Tschirus etwa 300.000 Tiere beträgt – viermal so viel wie noch in den Neunzigern. Wang zufolge sei diese Zahl etwas optimistisch und vermutlich sind es eher etwa 250.000 Tiere. Aber, so fügt er hinzu, in Anbetracht der Bestandszunahme sei die Herunterstufung auf der Roten Liste wohl sinnvoll gewesen.

Die Schweiz hat Zweifel an den Zahlen Chinas. „Wir haben um die wissenschaftlichen Daten gebeten, aber wir haben noch keine Populationsstudie gesehen, die es uns erlauben würde zu sagen, dass sich der Bestand deutlich erholt hat“, sagte Lörtscher. Er ist nicht nur der Schweizer CITES-Repräsentant, sondern auch der Vorstand des internationalen CITES Animals Committee, das den Handel und die wissenschaftlichen Daten für Tierarten auf der CITES-Liste evaluiert.

„Wir hier in der Schweiz müssen da noch mehr sehen, bis wir davon überzeugt sind“, sagte er. „Das habe ich meinem chinesischen Kollegen auch gesagt. Sie sollten darüber reden und das zeigen, wenn sie da wirklich gute Arbeit leisten. Ich sage ja nicht, dass es keine [Bestandszunahme] gab, aber wir haben noch keine Daten gesehen.“ (Diverse Anfragen an Wu Zhongze, den chinesischen CITES-Beauftragten, blieben unbeantwortet.)

Kulturell verwurzelte Tradition

Seit den Siebzigern ist es in Indien illegal, Shahtooshs zu weben. A. Pragatheesh, ein Ausbilder beim Büro für Wildtierverbrechen des indischen Ministeriums für Umwelt, Wald und Klimawandel, erzählt, dass die Regierung untersucht, wie genau die Wolle ins Land geschmuggelt wird. Da die Nachfrage nach Shahtoosh aber vor allem aus dem Ausland kommt, liegt das Hauptaugenmerk auf Trainingsprogrammen für die Grenzbeamten. (Auch einige in Indien heimische Arten werden durch den Schmuggel dezimiert – darunter das Schuppentier, die am häufigsten geschmuggelte Tierart der Welt.)

Allein 2018 wurden in Indien laut dem Ministerium 35 Shahtooshs beschlagnahmt – die größte Anzahl seit 2011, als 55 Schals konfisziert wurden. (Aufgrund seiner Erkenntnisse glaubt Schaller, dass der Shahtoosh-Schmuggel ein deutlich größeres Geschäft ist, als diese Zahlen vermuten lassen.)

Um den Behörden zu entgehen, sind viele Shahtoosh-Kunsthandwerker nach Kaschmir gezogen und arbeiten dort im Geheimen, wie Pragatheesh erzählt. „Es ist schwer, sie zu finden.“ Es gibt für sie einen großen finanziellen Anreiz, ihre Arbeit fortzusetzen. Würden sie auf Pashmina umsteigen, würde sich ihr Gewinn halbieren, wie es in einer Dokumentation des Wildlife Trust of India heißt. Auch die Arbeiter, die die Rohwolle säubern, sind auf ihr Gehalt angewiesen, um ihre Familien zu ernähren.

Allerdings geht es bei der Herstellung von Shahtooshs nicht nur ums Geld, sagt Pragatheesh. Shahtoosh-Weber waren einst hoch angesehen, und das Kunsthandwerk ist tief in der Kultur verwurzelt. Jeder Shahtoosh wird in mühevoller Detailarbeit hergestellt – ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann. Das Wissen darum, wie die zarte, spröde Wolle verarbeitet werden kann, wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Industrie entwickelt sich immer weiter, was die Arbeit für die Strafverfolgungsbehörden schwieriger macht. Um ihren Gewinn zu steigern und auch auf Modetrends reagieren zu können, mischen Weber die Tschiruwolle oft mit anderem Material wie Kaschmir, sagt Pragatheesh.

Dadurch können die Schals detailreicher verziert werden und wirken mehr wie Pashmina. „Wenn man einen Shahtoosh-Schal nur aus Shahtoosh-Wolle herstellt, dann wird er sehr leicht und dünn. Wenn man ihn mit Kaschmir mischt, kann man ihn besser besticken“, sagt Pragatheesh. Die robustere Wolle eignet sich zudem auch für die maschinelle Verarbeitung. So können die Weber Zeit bei einem Projekt einsparen, das sonst Jahre dauern würde, erzählt er.

Aber in solchen Schals aus Mischgewebe können Deckhaare der Tibetantilopen besonders schwer zu finden sein. Ich erinnere mich an einen der konfiszierten Schals, die mir Lisa Bradbury im Kellerlager in Bern gezeigt hat. Er war schwarz und mit roten Totenköpfen verziert und sah ein bisschen wie eine kitschige Piratenflagge aus. Er hatte einen kurzen Fransenrand, genau wie die anderen Shahtooshs, die ich gesehen hatte – ansonsten hatte er aber nicht viel Ähnlichkeit mit ihnen. Mit dem bloßen Auge ließen sich keine Deckhaare erkennen. Womöglich lag das daran, dass er zu großen Teilen aus Kaschmir bestand. Wenn dieser Schal nicht zusammen mit anderen gefunden worden wäre, die ganz offensichtlich Shahtooshs waren, wäre er vielleicht nie überprüft worden und den Behörden nicht aufgefallen, so Bradbury.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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