Umwelt

Ein „Atlas für das Ende der Welt“

Dutzende farbenfroher Karten und Grafiken zeigen, wo die Urbanisierung am wahrscheinlichsten in Konflikt mit der Artenvielfalt gerät.Thursday, November 9

Von Greg Miller
Auf dieser Karte des Indo-Burma-Hotspots für Artenvielfalt in Südostasien werden die geschützten Gebiete grün dargestellt. Die Region hat noch einiges an Arbeit vor sich, um die Naturschutzziele der Vereinten Nationen zu erfüllen – aber nicht so viel wie andere Orte.

1570 gab der flämische Kartograf Abraham Ortelius den ersten modernen Atlas heraus, den „Theatrum Orbis Terrarum“. Das Zeitalter der Entdeckungen nahm gerade volle Fahrt auf und die kunstvoll gezeichneten Karten von Ortelius zeigten, was viele Europäer als eine brandneue Welt empfunden haben mussten: Eine Welt voll von neu entdecktem Land, das nur darauf wartete, kolonisiert und ausgebeutet zu werden.

Diese Welt existiert nicht mehr, sagt Richard Weller. Der Landschaftsarchitekt der Universität von Pennsylvania ist der Hauptautor des kürzlich online veröffentlichten Projekts „Atlas for the End of the World“ (dt. Atlas für das Ende der Welt). Dieser apokalyptisch anmutende Titel bezieht sich laut Weller nicht auf das Ende der Welt generell, sondern der Welt, wie Ortelius sie kannte. „Es ist das Ende der Welt, in der wir dachten, die Natur sei eine unendliche Ressource, die wir ohne Konsequenzen ausbeuten könnten“, so Weller.

Als Ortelius seinen Atlas herausgab, waren die meisten natürlichen Ökosysteme noch intakt, erzählt er. Viereinhalb Jahrhunderte später ist das offensichtlich nicht mehr der Fall. Der neue Atlas ist spannend für jeden, der sich dafür interessiert, wo auf der Welt die Artenvielfalt in Gefahr ist, so Weller. Er hofft aber, dass der Atlas auch ein Aufruf zum Handeln für Landschaftsarchitekten, Städteplaner und Designer sein wird. Seiner Meinung nach verfügen diese Berufsgruppen über wertvolle Kenntnisse, mit denen sie einen Beitrag zu den Umweltschutzbemühungen leisten können.

Das ist besonders hinsichtlich eines der großen Themen des Atlas sinnvoll: die eng verflochtene Beziehung zwischen Urbanisierung und Naturschutz. Schlechte Entscheidungen bei der Städteplanung können den Druck auf empfindliche Ökosysteme erhöhen, so Weller. Städteplanung, die den Naturschutz berücksichtigt, würde hingegen bisher kaum genutztes Potenzial für positive Entwicklungen bergen.

Diese Karten des Atlas zeigen Prognosen für das Städtewachstum (rot gestreift) im Mekong-Delta (links) und in Bangkok, Thailand (rechts). Gelb markiert potenzielle Konfliktgebiete: Bereiche, in die sich wachsende Städte ausdehnen könnten, in denen es aber noch heimische Pflanzen und bedrohte Arten gibt (grün).

Im Fokus des Atlas stehen 36 Hotspots der Biodiversität, die von den Vereinten Nationen als schützenswerte Bereiche angesehen werden. Die Hotspots selbst orientieren sich nicht an internationalen Grenzen. Sie wurden über einen wissenschaftlichen Konsens als Areale definiert, die reich an Tier- und Pflanzenarten sind, welche es sonst nirgends gibt, die aber durch äußere Faktoren bedroht werden.

Eines der Naturschutzziele, auf die sich während der Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen 196 Länder geeinigt haben, ist der Schutz von 17 Prozent der Fläche dieser Hotspots bis 2020. Bisher wurde dieses Ziel laut Wellers Analyse nur bei 14 von 35 Hotspots erreicht. (Der 36. Hotspot kam erst 2015 hinzu und muss noch ausgewertet werden.)

Der Atlas enthält detaillierte Karten für jeden Hotspot. Diese zeigen deren unterschiedliche Ökosysteme und die Bedrohungen durch menschliche Aktivität wie Bergbau, Landwirtschaft und Urbanisierung. Andere Karten und Grafiken betrachten die regionalen und globalen Einflüsse, welche die Naturschutzbestrebungen aufs Spiel setzen könnten. Dazu zählt alles von Energiegewinnung über korrupte Regierungen bis zur Nahrungsmittelproduktion für eine Bevölkerung, die bis zum Ende des Jahrhunderts die Zehn-Milliarden-Grenze überschreiten wird.

Innerhalb der 36 Hotspots gibt es 422 Städte, in denen jeweils mindestens 300.000 Menschen leben. Viele der Städte sind im Wachstum begriffen, und nur wenige verfügen über eine systematische Städteplanung, was in Zukunft für Konflikte sorgen kann. Weller und seine Co-Autoren Claire Hoch und Chieh Huang nutzten Städtewachstumsprognosen von Forschern der Yale Universität, um zu verzeichnen, wo diese Konflikte in den kommenden Jahren am wahrscheinlichsten auftreten werden (siehe oben).

An dieser Stelle, so glaubt Weller, können seine Kollegen im Bereich der Landschaftsarchitektur und Städteplanung eine größere Rolle spielen. „Wir erstellen Modelle für verschiedene Szenarien und suchen nach Möglichkeiten, das Bevölkerungswachstum so aufzufangen, dass es die Stadt auf eine bestimmte Weise formt“, erzählt er. Die Herausforderung besteht darin, dass jede Stadt einzigartig ist und ihren eigenen Plan für das Gleichgewicht zwischen Wachstum und ihren Auswirkungen auf die Artenvielfalt braucht.

Diese Karte zeigt Projekte auf der ganzen Welt, die dazu dienen sollen, die Biodiversitäts-Hotspots miteinander zu verbinden. An einigen dieser Projekte wird bereits gearbeitet, andere bewegen sich eher im Bereich des Wunschdenkens.

Eine der interessantesten Karten des Atlas verdeutlicht eine weitere Strategie zur Verbesserung der Biodiversität: die Bestrebungen, die artenreichen Regionen untereinander zu verknüpfen (siehe oben).

„Aus der Perspektive des Naturschutzes wird sich etwas, das in isolierten Fragmenten eingeschlossen ist, nicht lange halten – ganz egal, wie gut es geschützt wird“, sagt Weller.

Diese Bestrebungen der Vernetzung reichen von kleinen, aber praktischen Lösungen bis hin zu großen und höchst unwahrscheinlichen Ansätzen. Weller betrachtet sie als ermutigendes Zeichen dafür, dass die Menschheit ihr Denken geändert hat und sich nun Gedanken darüber macht, wie man Ökosysteme wiederherstellen kann, die seit den Tagen von Ortelius zerstört worden sind.

„Wir müssen unsere Systeme umgestalten“, sagt er, „damit es auch Infrastrukturen für andere Arten als uns gibt.“

Greg Miller auf Twitter und Instagram folgen.

Wei­ter­le­sen