Umwelt

Säuberung der Weltmeere bis 2050 dank neuer Technologie möglich

Der 23-jährige Niederländer Boyan Slat hat eine Technologie entwickelt, mit deren Hilfe sich der Ozean gewissermaßen von selbst reinigen kann. Donnerstag, 9. November 2017

Von Romy Roynard

Es war während eines Tauchgangs, als Boyan Slat zum ersten Mal wirklich erlebte, zu was für einer Umweltkatastrophe die Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll geworden ist. Während eines Schulprojekts begann er dann damit, ein effizientes Reinigungssystem für die Meere zu entwerfen. Mittlerweile leitet er ein Unternehmen und ein Team aus Ingenieuren und Meeresforschern. Auf dem Global Positive Forum in Paris sprach er mit National Geographic über seine Ambitionen und sein Projekt, welches dem Ozean ermöglichen soll, sich selbst zu reinigen.

Wie sahen die Anfänge Ihres Projekts für die Reinigung der Meere aus?

Als ich 16 Jahre alt war, war ich in Griechenland tauchen. Als ich mich umsah, habe ich bemerkt, dass es mehr Plastiktüten als Fische gab und mich gefragt: „Warum machen wir das nicht sauber?“ Diese Frage hat mich irgendwie beschäftigt. Im Zuge eines Schulprojekts beschloss ich, mich mit diesem Problem zu befassen, welches alle als unlösbar betrachteten. Nachdem ich ein Jahr lang mit verschiedenen Ideen gespielt hatte, hatte ich diesen sehr einfachen Einfall. Anstatt das Plastik [im Ozean] zu verfolgen, was Zehntausende Jahre dauern und Milliarden Dollar kosten würde, würde ich das Plastik einfach zu mir kommen lassen. Indem wir die natürlichen Strömungen zu unserem Vorteil nutzen, ermöglichen wir es dem Meer gewissermaßen, sich selbst zu säubern.

Wie funktioniert dieses Reinigungssystem?

Vor ein paar Jahren fiel mir auf, dass sich Plastik recht gut an Küstenlinien sammelt. Das Problem liegt darin, dass es in jenen Gebieten, wo sich das Plastik am stärksten konzentriert, keine Küsten gibt. Dadurch wird es auch durch nichts aufgehalten. Also dachte ich mir: „Warum bauen wir nicht unsere eigenen Küsten?“ Warum sollten wir zum Plastik gehen, wenn das Plastik auch zu uns kommen kann? Wir haben ein erweiterbares System entwickelt, eine Art U-förmige, schwimmende Barriere, die wie ein Trichter funktioniert. Dort sammelt sich das Plastik, bevor wir es aus dem Ozean entfernen. Die Meeresströmung wird langsamer, je weiter man sich von der Wasseroberfläche entfernt. An der Oberfläche ist die Strömung also schnell und wird langsamer, je tiefer man kommt. Dieses natürliche Phänomen machen wir uns zunutze, indem wir Anker am System befestigen, die in diesen tieferliegenden Wasserbereichen schweben. Dadurch wird die ganze Konstruktion gerade so sehr verlangsamt, dass sich das Plastik schneller bewegt als das Reinigungssystem. Somit staut es sich am System an und wir können es dann einfangen.  

Sie haben mit 18 Jahren angefangen, Ihr Projekt vorzustellen. Sie erhielten sofort Unterstützung, wurden aber auch scharf kritisiert. Hatten Sie damals das Gefühl, dass die Leute Sie wegen Ihres Alters nicht ernst nehmen?

So jung ein Projekt ins Leben zu rufen, hat definitiv seine Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist auf jeden Fall die mangelnde Glaubwürdigkeit. Die Leute kennen einen nicht und vertrauen einem nicht. Der Vorteil ist, dass man noch keine Hypothek oder sonstigen Verpflichtungen hat, um die man sich kümmern muss. Man sorgt sich auch nicht so sehr um die Möglichkeit eines Misserfolgs, weil noch nicht das ganze Leben von diesem Erfolg abhängt. Wenn man eine Idee hat, sind meiner Meinung nach die frühen Zwanziger der beste Zeitraum, um ein Projekt zu starten.

Wie verliefen die ersten Tests Ihres Projekts The Ocean Cleanup in den letzten Jahren?

In den letzten drei Jahren haben wir uns hauptsächlich auf zwei Dinge konzentriert. Zum einen haben wir versucht herauszufinden, wie viel Plastik es im Meer etwa gibt, wie groß die Ansammlungen sind. Dazu haben wir den Großen Pazifikmüllfleck mit Hilfe von 30 Booten und einem Flugzeug vermessen. Damit sind wir fertig geworden. Außerdem haben wir viele Modelltests gemacht. Letztes Jahr haben wir einen Prototyp in der Nordsee aufgebaut. Unter Berücksichtigung dieser Testergebnisse haben wir gerade einen neuen Prototyp installiert, der aktuell getestet wird. Wenn alles gut geht, sollten wir bereit sein, das erste Reinigungssystem einzusetzen. Mit anderen Worten: Anfang 2018 können wir mit der Reinigung beginnen.

Laut einer aktuellen Studie wurden in den letzten Jahrzehnten Milliarden Tonnen Plastik produziert, aber nur neun Prozent davon wurden tatsächlich recycelt. Die überwiegende Mehrheit sammelt sich auf Müllhalden oder verschmutzt die Natur. Warum ist es für unsere Umwelt und die Artenvielfalt so wichtig, die Meere vom Plastik zu befreien?

Es gibt drei gute Gründe, warum wir dafür sorgen sollten, dass unsere Meere nicht durch Plastik verunreinigt werden. Erstens gibt es momentan etwa 200 Arten, die durch Plastikverschmutzung vom Aussterben bedroht sind. Außerdem kostet es viel Geld, die Strände zu säubern. Laut den Vereinten Nationen beläuft sich der Schaden durch die Verluste im Bereich Produktivität, Schiffsverkehr und Fischerei auf etwa 30 Milliarden Dollar im Jahr. Die Meere zu säubern ist also definitiv billiger, als das Plastik dort zu lassen. Die kleinen Plastikteilchen gelangen außerdem in die Nahrungskette. Die Fische nehmen die Chemikalien im Plastik auf und wir essen die Fische dann. Das ist also potenziell gesundheitsgefährdend. Für mich steht ziemlich klar fest, dass wir die Meere säubern sollten.

Das ist ein sehr teures Projekt. Wie wird das finanziert?

Es ist gar nicht so teuer, wenn man sich mal die Kosten für die Müllentsorgung in nur einer einzigen Stadt ansieht. In New York City zum Beispiel kostet die Müllentsorgung etwa zwei Milliarden Dollar pro Jahr. Die Säuberung der Meere, die 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, ist also im Grunde billiger als die Kosten für die Müllentsorgung in einer einzigen Stadt. Ich denke, dass es auch im Vergleich zum dem Schaden, den Plastik anrichtet, billig ist. Aber es ist natürlich trotzdem Geld, das stimmt schon. Bisher erfolgte die Finanzierung hauptsächlich durch Privatpersonen. Die ersten zwei Millionen erhielten wir durch Crowdfunding, die nächste Runde durch Personen aus Europa und dem Silicon Valley. Die Leute fanden zwar, dass es ein risikoreiches Projekt war, aber wenn sie an den potenziellen Erfolg der Säuberung der Meere dachten, wollten sie trotzdem unbedingt ein Teil davon sein. Jetzt bekommen wir langsam Unterstützung von Unternehmen. Nächstes Jahr erreichen wir dann ein ganz neues Level, wenn wir 50 oder 60 Reinigungssysteme zum Einsatz bringen werden.  Einzelpersonen können auch ihr eigenes Reinigungssystem finanzieren. So wissen sie dann, wo ihr System zum Einsatz kommt, und sie können ihr Logo darauf anbringen lassen, wenn sie möchten. So werden wir unser Projekt im Grunde weiterfinanzieren.

Die zwei Dinge, nach denen wir immer auf der Suche sind, sind zum einen kluge Menschen, die Teil unseres Teams sein wollen. Wir haben immer Platz für Ingenieure und Meeresforscher. Zum anderen freuen wir uns immer, wenn Unternehmen oder Einzelpersonen eines unserer Reinigungssysteme finanzieren wollen.

Erhalten Sie finanzielle Unterstützung von irgendwelchen Regierungen? Da das Meer niemandem und allen gehört, ist seine Verschmutzung definitiv auch ein politisches Thema. Brauchen Sie für die Umsetzung ihres Projekts Genehmigungen?

Wir reden hier über internationale Gewässer, das ist also Niemandsland und niemand ist dafür verantwortlich. Das Gute daran ist, dass wir nicht viele Genehmigungen brauchen. Wir müssen uns nur an die Vorschriften halten. Der Nachteil daran ist, dass man sich auch in schwierigen Gebieten wie dem Chinesischen Meer aufhalten kann, wo es einige Gebietsstreitigkeiten gibt. Die Politik hat uns bisher definitiv unterstützt, hauptsächlich bei der Vernetzung. Die niederländische Regierung bildet da eine Ausnahme, die hat einen Prototyp finanziert. Wir brauchen aber definitiv mehr Unterstützung vom öffentlichen Sektor, weil es am Ende jedermanns Problem ist.

Strohhalme sind der jüngste Eintrag auf einer stetig wachsenden Liste von Produkten, die verboten, besteuert oder boykottiert werden, um das Ausmaß an Plastikmüll zu begrenzen. Denken Sie, dass diese Art von Maßnahme ein Anzeichen dafür ist, dass Politiker und die Öffentlichkeit sich mehr um das Plastikproblem kümmern?

Definitiv, ja. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für das Problem. Ich glaube, der Mangel an Bereitschaft ist nicht das Problem, sondern ein Mangel an Technologie.  Wenn man das Meer säubern will, aber kein Werkzeug hat, um das zu tun, dann wird es auch nicht passieren. Deshalb hatte ich entschieden, ein Technologieunternehmen zu gründen, weil das im Grunde das fehlende Glied in der Kette ist.

Welche weiteren Projekte haben Sie und Ihr Team für die nächsten Jahre geplant?

2018 werden wir mit der Säuberung des Großen Pazifikmüllflecks anfangen. Das ist die größte Ansammlung von Plastikmüll auf der Welt. Wenn das gut läuft, werden wir unsere Flotte bis 2020 auf 50 oder 60 Reinigungssysteme ausbauen. Dann werden wir uns die anderen vier Müllflecke vornehmen – insgesamt gibt es fünf große davon in den Weltmeeren. Irgendwann werden wir auch Systeme für Flussmündungen entwickeln, die Plastik abfangen, bevor es ins Meer gelangt. Damit arbeiten wir dann also auch am anderen Ende des Problems. Ich denke, beides zusammen wird schließlich zu einer drastischen Verringerung der Plastikkonzentration führen, und ich bin zuversichtlich, dass unsere Meere irgendwann zwischen 2040 und 2050 wieder sauber sein können.

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