Umwelt

Hunderte Meeresschildkröten tot aufgefunden

Das Massensterben in El Salvador wirft Fragen zum Artenschutz und zu ähnlichen Ereignissen in der Zukunft auf. Montag, 6 November

Von Sarah Gibbens

Letzten Monat wurden etwa 300 bis 400 tote Meeresschildkröten in der Jiquilisco-Bucht an der Küste von El Salvador entdeckt. 

Bereits am 28. Oktober fanden Einheimische einige der verwesenden Kadaver. Das Massensterben wurde jedoch erst letzten Donnerstag öffentlich gemacht, als das Ministerium für Umwelt und Bodenschätze von El Salvador es auf Twitter verkündete und lokalen Journalisten Informationen dazu zur Verfügung stellte.

Momentan sammeln die Behörden noch Informationen, weshalb Details und genaue Zahlen bisher spärlich gesät waren. In der Region leben verschiedene Arten von Meeresschildkröten: Echte Karettschildkröten, Lederschildkröten, Oliv-Bastardschildkröten und Suppenschildkröten.

Derzeit scheint es, als wären größtenteils Oliv-Bastardschildkröten betroffen.

Das Massensterben erinnert an ähnliche Ereignisse 2013 und 2006, als jeweils etwa 200 und 120 tote Schildkröten entdeckt wurden.

In beiden Fällen hatte man eine Algenblüte als Todesursache identifiziert. Je nach den beteiligten Organismen und äußeren Bedingungen können Algenblüten für Meereslebewesen giftig sein. Sie treten sowohl in Süß- als auch in Salzwasser auf und können durch chemisch belastetes Abflusswasser – zum Beispiel von Pestiziden oder unbehandeltem Abwasser – verschlimmert werden. Für Schildkröten kann die Aufnahme die giftigen Algenblüten todbringend sein.

Mike Liles hat die letzten zehn Jahre in El Salvador verbracht und arbeitete dort als Leiter der nationalen Geschäftsstelle der Eastern Pacific Hawksbill Initiative für den Artenschutz von Schildkröten. Von seinen Quellen hat Liles erfahren, dass in einem Gebiet namens Isla Tasajara knapp 50 Kilometer westlich der Jiquilisco-Bucht bis zu 300 weitere tote Schildkröten aufgetaucht sein könnten. Das Umweltministerium von El Salvador hat das bisher noch nicht bestätigt.

Liles zögert noch, als Todesursache einfach die Algenblüte zu benennen. Sie ist als Erklärung ihm zufolge zwar wahrscheinlich, aber kaum mit Sicherheit festzumachen, bis die Regierung entsprechende Berichte zu den Gezeiten und zur Toxizität veröffentlicht.

Das Toxikologielabor der Universität von El Salvador hat Proben der verstorbenen Schildkröten erhalten, um zu bestimmen, ob die Tiere tatsächlich durch die Algenblüte verendeten.

ZUSAMMENHANG MIT DER FISCHEREI?

Auch die Schleppnetzfischerei nach Garnelen hat in der Vergangenheit schon für zahlreiche tote Schildkröten gesorgt. Die Meerestiere verheddern sich oft als Beifang in den Netzen und ertrinken dann darin. Die Fischindustrie in El Salvador nutzt seit dem Boom des Sektors in den 1970ern solche Schleppnetze, um nach Garnelen zu fischen.

Seit dem 17. Oktober gilt jedoch ein einmonatiges Moratorium für die Garnelenfischerei in El Salvador, damit sich die Bestände in den Gewässern des Landes erholen können. Da das Moratorium vor dem Fund der Schildkrötenkadaver in Kraft trat, hält Liles es für unwahrscheinlich, dass dieses Massensterben auf das Konto der Fischerei geht. Dennoch betont er, dass die Praktik prinzipiell gefährlich für Schildkröten sei.

Alexander Gaos, ein Ökologe am Conservation Eco Lab, zögert ebenfalls, eine Ursache zu benennen, bis die Regierung weitere Informationen veröffentlicht.

„Es scheint, dass das im letzten Jahrzehnt ziemlich oft passiert ist“, sagte Gaos über das Sterben der Schildkröten.

WAS BRINGT DIE ZUKUNFT?

Obwohl es sich um eines der größten Schildkrötenmassensterben handelt, die das Land je erlebt hat, macht sich Liles keine generellen Sorgen um die Populationen. Unter den toten Tieren waren mehrheitlich Oliv-Bastardschildkröten, und die Art wurde von der Weltnaturschutzunion kürzlich vom Status „stark gefährdet“ auf den Status „gefährdet“ zurückgestuft.

Liles spekuliert, dass größere Massensterben häufiger auftreten könnten, wenn sich die Schildkrötenbestände weiter erholen und die Abwässer der industriellen Landwirtschaft die Algenblüten verschlimmern. Gaos stimmt dem zu und betont den Bedarf an mehr Artenschutzprogrammen.

„Im Idealfall hätte die Regierung ein Team parat, das sofort konkrete Beweise sammeln kann“, sagte er. „Je länger man wartet, desto mehr [Schildkröten] verwesen.“

Sarah Gibbens auf Twitter und Instagram folgen.

 

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