Umwelt

El Niño könnte 2019 zu einem globalen Hitzejahr machen

Wissenschaftler befürchten, dass sich der Planet durch das Zusammenspiel von Klimawandel und El Niño noch stärker aufheizen könnte. Dienstag, 11 Dezember

Von Stephen Leahy

Aller Wahrscheinlichkeit nach befindet sich gerade ein weiterer El Niño auf dem Vormarsch, der nicht nur dafür sorgen wird, dass Wetterextreme verstärkt werden, die durch den Klimawandel ohnehin schon zunehmen. Das Phänomen erhöht auch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass 2019 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen wird.

Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit hat bereits ein El Niño begonnen und wird mindestens bis Ende Februar 2019 andauern, wie das Klimavorhersagezentrum der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration berichtet.

Die Auswirkungen von El Niño waren durch die Klimaerwärmung bereits in den letzten Jahren heftiger. Wenn die Temperaturen weiter steigen, werden die Folgen noch drastischer, wie aus einer Studie erkenntlich wird, die in „Geophysical Research Letters“ erschien.

„Es ist absolut möglich, dass 2019 mit einem El Niño zum wärmsten Jahr aller Zeiten wird“, sagte die Co-Autorin Samantha Stevenson, eine Klimawissenschaftlerin der University of California in Santa Barbara.

Die vier wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen traten allesamt in den vergangenen vier Jahren auf, also von 2015 bis 2018. Daran ist nicht zuletzt die Zunahme der CO2-Emissionen schuld, die ebenfalls Rekordniveau erreicht hat, wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) mitteilt. Das Klima der Erde war in den letzten 406 Monaten wärmer als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Das bedeutet, dass niemand, der jünger als 33 Jahre ist, je einen Monat erlebt hat, der global gesehen unterdurchschnittlich kalt war.

„Jeder Bruchteil eines weiteren Grades, das zur Erwärmung beiträgt, wirkt sich auf die menschliche Gesundheit aus, auf den Zugang zu Nahrung und Trinkwasser, auf das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, auf das Überleben von Korallenriffen und Meereslebewesen“, sagte die stellvertretende Generalsekretärin der WMO, Elena Manaenkova.

Die Gefahren der Hitze

Eine wärmere Welt bedeutet auch eine Welt mit mehr und intensiveren Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Waldbränden, Dürren, Überschwemmungen und heftigen Stürmen. Allein 2018 gab es 70 tropische Wirbelstürme in der nördlichen Hemisphäre. Der Langzeitdurchschnitt liegt bei 53. Die heftigen Stürme, die nicht selten Rekorde brachen, verwüsteten die Marianen, die Philippinen, Vietnam, Korea und Tonga. In den USA richteten die Hurrikane Florence und Michael gewaltige wirtschaftliche Schäden an und kosteten vielen Menschen das Leben, wie die WMO in ihrem jährlichen Klimabericht resümierte.

Die Hitzewellen resultierten 2018 in einem erstaunlichen Produktivitätsverlust, da es oft entweder zu warm zum Arbeiten war oder zu heiß, um überhaupt das Haus zu verlassen, ohne seine Gesundheit zu gefährden. Ein Verlust von sage und schreibe 153 Milliarden Arbeitsstunden ging im vergangenen Jahr auf das Konto diverser Hitzewellen – fast dreimal so viel wie im Jahr 2000, wie aus einem Bericht zu Gesundheit und Klimawandel von „The Lancet“ hervorgeht.

Der letzte El Niño endete 2016 und wurde mit verheerenden Ausbleichungsereignissen im Great Barrier Reef, schlimmen Dürren in Afrika, Südamerika und Teilen des Pazifiks und Süostasiens sowie Waldbränden in Indonesien und Kanada in Zusammenhang gebracht. Der aktuelle El Niño soll wohl nicht so heftig ausfallen, könnte in ohnehin schon gefährdeten Regionen aber dennoch für gefährliche Wetterlagen und -ereignisse sorgen, warnen Wissenschaftler.

El Niño und sein Gegenstück La Niña bilden einen natürlichen Zyklus, der zwischen wenigen Monaten und bis zu Jahren dauern kann. Durch ihr Auftreten kann das Wetter auf der ganzen Welt beeinflusst werden, was sich nicht nur auf landwirtschaftliche Erträge auswirkt. Hungersnöte, Hitzewellen, die Klimatisierung von Gebäuden, Brandrisiken, Korallenbleichen und Extremwetterlagen hängen damit zusammen. Forschern zufolge sind die Auswirkungen von El Niño und La Niña in den letzten 20 Jahren durch die Klimaerwärmung stärker geworden.

Die Kombination aus der von Menschen verursachten Klimaerwärmung und einem natürlichen Temperaturanstieg hat gute Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das kommende El-Niño-Jahr wärmer als alle vorherigen wird, sagte der Klimawissenschaftler Michael Mann von der Pennsylvania State University.

Mann schrieb an einer Studie mit, die in diesem Jahr erschien und den Klimawandel mit der aktuellen Prävalenz von rekordverdächtigen Dürren, Hitzewellen, Bränden und Überschwemmungen in der nördlichen Hemisphäre in Zusammenhang brachte. Die zerstörerischen Extremwetterereignisse werden allein durch den Klimawandel im Schnitt um 50 Prozent und im Extremfall bis zu 300 Prozent häufiger auftreten, sofern die CO2-Emissionen nicht unverzüglich reduziert werden, wie es in der Studie heißt.

Für gewöhnlich sorgt El Niño in Kalifornien für heftige Regenfälle. Nachdem Waldbrände dort in diesem Herbst 650.000 Hektar an Fläche verbrannt haben, könnten große Wassermengen für Sturzfluten und Schlammlawinen sorgen, sagte Stevenson. Das Feuer zerstörte fast 14.000 Häuser. Die ersten Stürme der Saison haben bereits zu Überschwemmungen und solchen Schlammlawinen geführt.

Während El Niño dem Süden der USA Regen und kühleres Wetter beschert, bringt er Hitze und Trockenheit nach Australien sowie trockenes Winterwetter in den Südosten Afrikas und den Norden Brasiliens. Im Osten Australiens sind bereits katastrophale Waldbrände ausgebrochen und die Hitzewelle sorgte Ende November für Temperaturen über 44 °C.

Wodurch entsteht El Niño?

La Niña und El Niño sind Teil eines Kalt- und Warmphasenzyklus, der auch als El Niño-Southern Oscillation (ENSO) bezeichnet wird und die Temperatur im tropischen Pazifik reguliert. Im von Klimawissenschaftlern als „neutral“ definierten Zustand herrscht im östlichen Pazifik ein hoher Luftdruck vor und im westlichen ein niedriger. Durch den Druckunterschied entstehen Passatwinde, die von Osten nach Westen über die Oberfläche des tropischen Pazifik wehen und das warme Wasser westwärts drücken. Dadurch steigt im Osten das kältere Wasser aus den tieferen Schichten auf.

 

Galerie: Das Wetter – immer extremer?

Während La Niña ist der Druckunterschied noch ausgeprägter und die Passatwinde wehen stärker, sodass auch die Kaltwasserströmungen im Pazifik stärker sind. Im Gegensatz dazu herrscht während El Niño ein höherer Luftdruck über dem Westpazifik und ein niedriger im Osten an der amerikanischen Küste. Dadurch werden die Passatwinde abgeschwächt oder ändern sogar ihre Richtung, wodurch der Ostpazifik wärmer wird.

Peruanische Fischer gaben dem Phänomen seinen Namen: El Niño, nach dem Christkind („niño“ ist spanisch für „Kind“ oder „Junge“), da die Auswirkungen der Erwärmung des Ostpazifiks – beispielsweise der Regen in den trockenen peruanischen Wüsten – stets um Weihnachten herum spürbar wurden.

Im Laufe mehrerer Monate oder Jahre kühlt die obere Wasserschicht wieder ab und kälteres Wasser steigt von unten auf, unterstützt von den Passatwinden. Das resultiert dann entweder wieder in einem neutralen Zustand oder in La Niña, die kaltes, nährstoffreiches Wasser an die Küste treibt – und damit auch beste Bedingungen für eine größere Fischpopulation bietet, die den Fischern an der peruanischen Küste zugutekommt.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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