Umwelt

Weltklimarat: Folgen des Klimawandels verheerender als angenommen

Eine umfassende Analyse zeigt, dass wir deutlich früher mit deutlich schlimmeren Konsequenzen des Klimawandels rechnen müssen, wenn sich nichts ändert. Montag, 8 Oktober

Von Stephen Leahy

Die Folgen und Kosten einer globalen Erwärmung um 1,5 °C werden deutlich größer sein als bisher erwartet. Das ist die Schlussfolgerung einer umfassenden Analyse des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), die am Sonntag im südkoreanischen Incheon vorgestellt wurde.

In den letzten zehn Jahren haben wir weltweit eine geradezu atemberaubende Abfolge von rekordbrechenden Stürmen, Waldbränden, Dürren, Korallenbleichen, Hitzewellen und Überschwemmungen erlebt – und das, obwohl die globale Erwärmung derzeit erst bei 1,0 °C liegt. Die Situation wird sich noch deutlich verschlimmern, wenn wir die 1,5-Grad-Marke erreichen, ganz zu schweigen von den verheerenden Konsequenzen, die wir erleben werden, wenn wir es bis auf 2,0 °C oder gar noch weiter schaffen. Der „Special Report on Global Warming of 1.5°C“ des IPCC wertete mehr als 6.000 Studien aus und wurde am Sonntag veröffentlicht.

Der Weltklimarat, wie der IPCC auch genannt wird, berichtete außerdem, dass die Grenze von 1,5 °C schon in elf Jahren erreicht sein könnte, spätestens aber in 20 Jahren, sofern es bis dahin nicht zu beträchtlichen Verringerungen von CO2-Emissionen kommt. Selbst, wenn solch eine Reduzierung schon heute beginnen würde, könnte man den Zeitpunkt, an dem die 1,5 °C erreicht werden, nur verschieben, nicht aber verhindern.

„Beträchtliche Folgen“

Während eine Erhöhung der Zimmertemperatur um 0,5 °C kaum spürbar ist, hätte die weltweite Erwärmung des Planeten „beträchtliche“ Folgen, warnt der Bericht. Die Auswirkungen wären in allen Ökosystemen, menschlichen Sphären und Wirtschaftssystemen deutlich zu spüren.

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„Wenn man die globale Erwärmung auf 1,5 °C im Vergleich zu 2 °C beschränken würde, könnte man die problematischen Auswirkungen auf Ökosysteme, die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden reduzieren“, sagte Priyardarshi Shukla, der Vorsitzende des Global Centre for Environment and Energy der Ahmedabad University und Co-Autor des Berichts in einer Mitteilung. Solche Auswirkungen würden auch stärkere Stürme, unvorhersehbares Wetter, gefährliche Hitzewellen, den weiteren Anstieg des Meeresspiegels und großflächige Störungen von Infrastruktur und Migrationsrouten beinhalten.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Hauptanalyse wurden in einem 34-seitigen Dokument zusammengefasst, das von allen Repräsentanten von 195 Ländern anerkannt wurde, darunter auch den USA.

Laut dem Übereinkommen von Paris erklärten sich 2015 alle Länder der Welt dazu bereit, den globalen Temperaturanstieg auf 2 °C zu beschränken, wobei tiefliegende Inselstaaten für eine deutlich niedrigere Grenze plädiert hatten. Die derzeitigen Pläne zur Emissionsreduzierung werden die globale Erwärmung jedoch bis zum Jahr 2100 auf mindestens 3 °C treiben. Das birgt das Risiko natürlicher Kipppunkte wie dem Tauen großer Bereiche des Permafrosts. Dieser würde dann so gewaltige Mengen an Treibhausgasen freisetzen, dass die weltweiten Temperaturen unkontrolliert in die Höhe schießen würden.

Die globale Erwärmung sei so, als würde man sich in einem Minenfeld befinden, das immer gefährlicher wird, erzählt Michael Mann. Der Klimawissenschaftler ist der Direktor des Earth System Science Center der Pennsylvania State University. „Je weiter wir hineingehen, desto mehr Explosionen lösen wir wahrscheinlich aus: 1,5 °C sind sicherer als 2 °C, 2 °C sind sicherer als 2,5 °C, 2,5 °C sind sicherer als 3 °C und so weiter“, erklärte Mann, der an dem jüngsten Bericht des Weltklimarates nicht direkt beteiligt war.

„Die globale Erwärmung bei 1,5 °C zu stabilisieren, ist extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich“, schrieb Mann in einer E-Mail.

Große Lösungen für ein großes Problem

Der Bericht des Weltklimarates zeigt mehrere Möglichkeiten auf, um die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. All diese Lösungen erfordern beispiellosen Aufwand, um die Nutzung fossiler Brennstoffe binnen weniger als 15 Jahren zu halbieren und binnen 30 Jahren fast vollständig einzustellen. Das bedeutet: Kein Haus, keine Firma, keine sonstigen Gebäudekomplexe dürfen mit Gas oder Öl geheizt werden. Keine Fahrzeuge dürfen mit Diesel oder Benzin fahren. Alle Gas- und Kohlekraftwerke müssen den Betrieb einstellen. Die petrochemische Industrie muss vollständig auf nachwachsende Rohstoffe umsatteln. Schwerindustrien wie die Produktion von Aluminium und Stahl müssen entweder CO2-freie Energiequellen nutzen oder ihre CO2-Emissionen mit Hilfe anderer Technologien einfangen und dauerhaft einlagern.

Je nachdem, wie schnell die Treibhausgasemissionen reduziert werden, müssen zwischen einer und sieben Millionen Quadratkilometer an Landfläche für den Anbau von Pflanzen zur Gewinnung von Bioenergie bereitgestellt werden. Außerdem müssen bis 2050 zehn Millionen Quadratkilometer an Wald gepflanzt werden. Aber auch das wird nicht reichen, wie der Bericht verdeutlicht. Jedes Kilogramm CO2, das in den letzten 100 Jahren ausgestoßen wurde, wird in unserer Atmosphäre noch jahrhundertelang Wärme zurückhalten. Im Jahr 2045 oder 2050 wird es immer noch zu viel Kohlendioxid in der Atmosphäre geben. Mehr Waldflächen und Technologien zur Gewinnung von CO2 aus der Luft werden dem Bericht zufolge unerlässlich sein, um die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen.

Der Special Report sei wie eine besorgniserregende Diagnose eines Arztes, erklärte Katharine Hayhoe, eine Klimawissenschaftlerin der Texas Tech University. „Jeder mögliche Test wurde durchgeführt und es sieht nicht gut aus“, sagte Hayhoe in einem Interview. „Der Arzt, in dem Fall der Weltklimarat, hat mögliche Behandlungen aufgezeigt, die unsere künftige Gesundheit sicherstellen sollen. Wir (die Öffentlichkeit) entscheiden, welche Option wir wählen.“

Unterhalb der Marke von 2 °C zu bleiben, sei eine gewaltige Herausforderung, die es nötig macht, die Infrastruktur der fossilen Brennstoffe langsam auslaufen zu lassen, erneuerbare Energien einzuspeisen und im großen Stil CO2 aus der Atmosphäre einzufangen, erklärt Glen Peters, der Forschungsdirektor am norwegischen Zentrum für internationale Klimaforschung. „Um unterhalb von 1,5 °C zu bleiben, muss diese Transformation schneller und tiefgreifender erfolgen als für 2,0 °C“, so Peters.

Derzeit würden wir uns ihm zufolge in die falsche Richtung bewegen, da die globalen Emissionen 2017 um 1,5 Prozent gestiegen seien und dieses Jahr wahrscheinlich noch weiter ansteigen. „Ohne die vollumfängliche Beteiligung und Abstimmung unserer technischen, sozialen und politischen Dimensionen werden 1,5 °C und sogar 2 °C nicht möglich sein.“

Das bedeutet, dass 1,5 °C deutlich von unserem bisherigen Kurs abweichen, stimmt auch Kelly Levin vom Global Climate Programm der Umwelt-Denkfabrik World Resources Institute zu. Die Modelle, die der Weltklimarat nutzte, um Wege zu einem Temperaturanstieg von bis zu 1,5 °C aufzuzeigen, berücksichtigen allerdings nicht alle Möglichkeiten der Emissionsreduzierung und priorisieren die günstigsten Methoden, erklärte Levin in einem Interview.

Eine umfassende Ernährungsumstellung mit deutlich weniger Fleischkonsum und ein reduzierter Materialverbrauch würden den Emissionsausstoß beispielsweise signifikant verringern. Die Modelle seien auch eher konservativ, was die Einführung neuer Technologien auf dem Mark angeht, und haben den Erfolg von Solaranlagen und Elektrofahrzeugen unterschätzt, meinte Levin. Teslas elektrisches Modell 3 war im September auf Platz 4 der meistverkauften Autos in den USA, obwohl es mehr als doppelt so teuer wie vergleichbare Dieselfahrzeuge ist und oft lange Wartelisten hat.

Die entscheidende Rolle der Wälder

Auch Wälder könnten eine deutlich größere Rolle bei der Emissionsreduzierung spielen, sagt Deborah Lawrence, eine Waldexpertin an der University of Virginia. „Wälder erbringen der Menschheit eine extrem wichtige Dienstleistung, da sie aktuell etwa 25 Prozent von unserem CO2 absorbieren“, sagte Lawrence in einem Interview.

Die Wiederaufforstung und ein verbessertes Waldmanagement könnten zusammen noch mehr CO2 aus der Atmosphäre ziehen und Lawrence zufolge 18 Prozent zu der Reduzierung beitragen, die bis 2030 nötig wäre. Brasilien, China, Indien, Mexiko, Australien, die USA, Russland und die EU könnten ihren Waldbestand außerdem ohne negative Folgen für die Nahrungsmittelproduktion wirtschaftlich vergrößern und dabei potenziell Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre ziehen, wie eine anstehende Studie zeigen wird, so Lawrence. Der Schutz und die Aufforstung tropischer Regenwälder sei besonders wichtig, da sie die Luft kühlen und eine regionale Schlüsselrolle für den Niederschlag und damit den Nahrungsmittelanbau spielen.

Wenn das Holz erwachsener Bäume dann zu Möbeln und Gebäudeteilen wird, kann CO2 dauerhaft gespeichert werden, wie sie sagt. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb 2019 ein Gebäude aus Holz in Portland fertiggestellt und ein 24-stöckiges Holzgebäude in Wien gebaut wird.

Die bestehenden Wälder müssten beschützt werden, um ein gefährliches Ausmaß des Klimawandels zu verhindern, warnt ein Zusammenschluss von Waldwissenschaftlern in einer Mitteilung. Die Wälder unserer Welt enthalten mehr Kohlenstoff als alle derzeit erschließbaren Öl-, Gas- und Kohlevorkommen, wie sie anmerken.

„Die Zukunft unseres Klimas ist untrennbar mit der Zukunft seiner Wälder verbunden“, schrieben die Wissenschaftler.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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