Bäumepflanzen für das Klima: Warum das komplex und teuer ist

Setzling in die Erde und fertig? Mitnichten! Viel Arbeit, Geduld und Geld fließen allein in das Ziehen der Setzlinge. Baumschulen sind deshalb langfristig auf finanzielle Sicherheit angewiesen – und die muss auch von der Politik kommen.

Veröffentlicht am 5. März 2021, 15:23 MEZ
Setzling

Ein Mitarbeiter des U.S. Park Service hält einen Setzling einer Weißstämmigen Kiefer im Glacier-Nationalpark, Montana. Um die Ziele der Wiederaufforstung in den USA zu erreichen, muss die Produktion solcher Setzlinge enorm gesteigert werden, sagen Experten.

Bild Chip Somodevilla, Getty Images

Das Pflanzen von Bäumen hat sich schnell als eine scheinbar einfache Möglichkeit herauskristallisiert, den Kohlenstoffausstoß zu verringern. Jeder mag es: Umweltschützer, Politiker und Unternehmen drängen gleichermaßen auf eine rasche Ausweitung der Aufforstungsmaßnahmen, um die Klimaziele zu erreichen.

Das bedeutet, Bäume werden gepflanzt, weil man darauf hofft, dass sie Kohlendioxid binden und speichern. So sollen sie dazu beitragen, dass die weltweite Erwärmung nicht über 2 °C hinausgeht – das Ziel des Pariser Klimaabkommens.

Doch eine in der Fachzeitschrift „Frontier“ veröffentlichte Studie verdeutlicht, dass es eben doch nicht so einfach ist, mit diesem Ziel Schritt zu halten. In den USA werden derzeit beispielsweise nicht genug Baumsetzlinge gezüchtet. Wenn die Aufforstungsbemühungen helfen sollen, den Klimawandel zu bekämpfen, so die Studie, müssen Baumschulen in den USA ihre Produktion auf mindestens drei Milliarden Setzlinge pro Jahr erhöhen. Das ist mehr als das Doppelte des derzeitigen Niveaus.

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Das muss „eher früher als später“ geschehen, sagt der Hauptautor Joe Fargione, der wissenschaftliche Direktor für die Region Nordamerika von The Nature Conservancy. „Man kann einen Baum erst pflanzen, wenn er gewachsen ist. Und um in der Baumschule zu wachsen, braucht man das Saatgut.“

Um besser zu verstehen, wie die nationale Baumproduktion gesteigert werden kann, starteten Fargione und mehr als ein Dutzend anderer Forscher 2020 eine Befragung. Sie holten Feedback von 181 staatlichen, bundesstaatlichen und privaten Baumschulen und Forstwirten ein, auf die mindestens die Hälfte der gesamten Setzlingsproduktion in den USA entfällt.

Die Ergebnisse, die im Februar 2021 veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Baumschulen des Landes derzeit 1,3 Milliarden Setzlinge pro Jahr produzieren. Größtenteils ersetzen sie damit die bestehenden Bäume, die von Holzfirmen abgeholzt wurden oder durch Waldbrände verloren gingen. Um die US-Wälder um die zusätzlichen 26 Millionen Hektar zu erweitern, die laut der Studie eine Wiederaufforstung nötig hätten, würden weitere 1,7 Milliarden Setzlinge pro Jahr benötigt. Das bringt den Gesamtbedarf aus Baumschulen auf drei Milliarden pro Jahr – eine Steigerung von mehr als 130 Prozent. 

Es muss aber nicht nur die Produktion von Setzlingen stark gesteigert werden: Man muss auch sicherstellen, dass sie lange genug leben, um genügend Kohlenstoffemissionen zu binden. All das wird laut der Studie viele Milliarden Dollar kosten. Es erfordert die Ausbildung von spezialisierten Saatgutsammlern und Investitionen in neue Infrastruktur sowie eine verstärkte Langzeitüberwachung, um sicherzustellen, dass die Wälder angesichts von Schädlingen, Krankheiten, Dürre und Waldbränden überleben. All das sind Bedrohungen, die aufgrund des Klimawandels zunehmen.

Mehr Setzlinge sind nötig, aber woher nehmen?

Der Druck zur Wiederaufforstung und zum Schutz der Wälder ist so hoch wie nie zuvor. Im August 2020 haben sich mehr als zwei Dutzend lokale Regierungen, Unternehmen und gemeinnützige Organisationen in den USA der Initiative des Weltwirtschaftsforums angeschlossen, bis 2030 weltweit eine Billion Bäume zu pflanzen. Im Oktober 2020 unterzeichnete der damalige Präsident Donald Trump einen Erlass, der die USA zu diesem Ziel verpflichtet. Angesichts dieser parteiübergreifenden Unterstützung hoffen einige gemeinnützige Umweltorganisationen, dass die Regierung Bidens auf dieser Initiative aufbauen wird.

Auch über individuelle Unternehmens- oder lokale Ziele hinaus kann die Anpflanzung von Bäumen etwas zu den nationalen Klimazielen beitragen. Während der Obama-Ära hatten sich die USA verpflichtet, die Emissionen im Rahmen des Pariser Abkommens um bis zu 28 Prozent zu reduzieren. Der Landsektor – der alles von der Baumpflanzung über die Vermeidung von Abholzung bis hin zur Erhöhung der in den Böden gespeicherten Kohlenstoffmenge umfasst – machte nur einen kleinen Teil dieser Verpflichtung aus. Einer Schätzung zufolge würde die Wiederaufforstung aller 26 Millionen Hektar, die in der Studie identifiziert wurden, etwa 7,5 Prozent der Emissionsreduzierungen ausmachen, die erforderlich sind, um die Verpflichtungen der Nation aus dem Pariser Abkommen zu erfüllen.

Die aktuelle Aufforstungsrate kann jedoch nicht einmal mit der Menge an Land mithalten, die in den letzten Jahren durch verheerende Waldbrände im amerikanischen Westen verloren ging. Es wird erwartet, dass die Waldbrände durch den Klimawandel noch verheerender werden, was den Rückstau noch vergrößern wird.

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„Wir erkennen erst jetzt den zunehmenden Nachholbedarf an Flächen, die bepflanzt werden müssen. Der wird aktuell noch nicht gedeckt“, sagt die Saatgutökologin und Mitautorin der Studie Olga Kildisheva, Programmmanagerin bei The Nature Conservancy.

Das Pflanzen von mehr Bäumen zum Ausgleich von Kohlenstoffemissionen wird die Nachfrage nach Setzlingen weiter erhöhen. Die gute Nachricht ist laut Fargione, dass nur ein Drittel der befragten öffentlichen und privaten Baumschulen derzeit voll ausgelastet ist. Das bedeutet, dass es eine große Chance gibt, zu expandieren.

Die Setzlingsproduktion erreichte vor über 30 Jahren ihren Höhepunkt. In den späten Achtzigern wurden in den USA jedes Jahr mehr als 2,6 Milliarden Setzlinge produziert. Nachdem die Rezession 2008 viele Baumschulen im ganzen Land in den Bankrott getrieben hatte, sank diese Zahl auf weniger als eine Milliarde. „Stellen Sie sich vor, Sie verlieren 75 Prozent Ihrer Kapazität", sagt Dan Rider, der stellvertretende Direktor des Maryland Forest Service, über die Auswirkungen, die die Rezession und andere Faktoren auf die staatliche John S. Ayton Forstbaumschule hatten. „Unsere Geschichte ist kein Einzelfall.“

Es werde eine Menge Arbeit erfordern, die Produktion wieder zu erhöhen, sagte Eric Sprague, Vizepräsident für Wiederaufforstung bei American Forests. Die Naturschutzorganisation hat die Studie und die Trillion-Trees-Initiative mit angeführt. Aber diese Produktionssteigerung werde ein wichtiger Faktor bei der Frage sein, ob die USA ihre Aufforstungsziele erreichen oder nicht, sagt er.

„Es geht nicht nur darum, das, was wir haben, zu erweitern und zu verbessern“, so Sprague. „Wir brauchen auch neue Baumschulen, um dieses Ziel zu erreichen.“

Wenn alle öffentlichen und privaten Baumschulen mit maximaler Kapazität arbeiten würden, könnten laut der Studie jedes Jahr 400 Millionen zusätzliche Setzlinge gezüchtet werden. Die Forscher gehen außerdem davon aus, dass weitere 1,1 Milliarden Setzlinge pro Jahr produziert werden könnten, wenn die Mehrheit der Baumschulen über ihre derzeitige Kapazität hinaus expandieren würde. Dazu wären die meisten der in der Studie befragten Baumschulen bereit. Addiert man all dies zu den 1,3 Milliarden, die derzeit gezüchtet werden, würde die Produktion fast das Minimum von drei Milliarden Setzlingen pro Jahr erreichen, das die Studie empfiehlt.

Arbeitskräfte sind Mangelware

Die Produktion von Setzlingen und deren Anpflanzung müssen also angekurbelt werden. Aber das bedeutet, die Unterstützung und die Investitionen in den gesamten Prozess zu erhöhen. Wie die Studie herausfand, wurde „chronisch zu wenig“ in Fachkräfte, Infrastruktur und Ausbildung investiert. „Die Herausforderungen bei den Arbeitskräften sind das größte Hindernis für eine Steigerung“, so Sprague.

Saatgutsammler in Forsten brauchen umfangreiches Wissen über den gesamten Ernteprozess: von der Vorhersage, wann bestimmte Arten ihre Samen freisetzen, damit sie gesammelt werden können, bis hin zur sicheren Reinigung der Samen. Die Mitarbeiter müssen dann darin geschult werden, die Qualität der Samen zu testen und sie so zu lagern, dass sie über Jahre hinweg lebensfähig bleiben. „Es handelt sich um ein verderbliches Produkt, das sorgfältig behandelt werden muss“, sagt der Mitautor der Studie Greg Edge, ein Waldökologe der Forstabteilung des Wisconsin Department of Natural Resources. Doch die Zahl derer, die sich auf diese Arbeit spezialisieren, schwindet weiter.

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Baumschulen hingegen sind nur auf eine Handvoll Mitarbeiter angewiesen, die das ganze Jahr über arbeiten. Der Rest sind Saisonarbeiter, die bei der Aussaat, Ernte, Sortierung und Verpackung helfen. Aufgrund der abgelegenen Lage vieler Baumschulen und der Konkurrenz durch andere Arbeitsplätze in der Landwirtschaft kann es jedoch schwierig sein, diese Arbeitskräfte zu gewinnen. Auch die Einwanderungspolitik kann die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte beeinflussen, so die Studie.

Nicht nur Saatgut und Arbeitskräfte sind knapp, auch die Infrastruktur ist alt, sagt Charles Eckman, Gärtner bei der staatlichen J.W. Toumey Nursery in Michigan. Der Bau oder Ausbau von Gewächshäusern könne ein sehr guter Weg sein, um die Kapazität zu erweitern und Setzlinge schneller zu züchten als auf dem Feld, sagt Eckmann. Aber das müsse Jahre im Voraus geplant werden, kann also keine kurzfristige Lösung sein.

Die finanziellen Vorlaufkosten für Baumschulen können ein großes Risiko darstellen. „Wir versuchen genau jetzt vorherzusagen, wie der Markt in zwei Jahren aussehen wird“, sagte Rider in Maryland. „In Baumschulen müssen Sie heute Ihr ganzes Geld ausgeben für die Standortvorbereitung, Dünger und alles andere, was in den Boden kommt ... und Sie werden dieses Geld erst in zwei Jahren zurückbekommen.“

Nicht nur pflanzen, sondern auch pflegen

Eine Baumpflanzaktion mit stabiler, langfristiger Finanzierung – ob nun staatlich oder privat – könnte den Baumschulen die Sicherheit geben, die sie brauchen, um die Produktion hochzufahren. Darin waren sich die Experten einig.

Die „Frontier“-Studie basiere auf der Annahme, dass das Pflanzen von Bäumen der wichtigste Weg ist, um die Aufforstungsziele zu erreichen, sagte Karen Holl. Die Professorin für Umweltstudien an der University of California in Santa Cruz war nicht an der Studie beteiligt. Der Schutz der bestehenden Wälder sowie die Förderung der natürlichen Regeneration sollten aber nicht vergessen werden, mahnt sie.

Kamera filmte ein Jahr lang einen Baum - und seine Besucher

Und selbst eine Baumpflanzaktion kann zum Scheitern verurteilt sein, „wenn der Schwerpunkt nur darauf liegt, wie viele Bäume gepflanzt werden – und nicht darauf, wie viele überleben“, warnt die Studie. Sie fordert die Entwicklung von Richtlinien darüber, welches Saatgut in verschiedenen Umgebungen gedeihen wird, insbesondere da der Klimawandel das Verbreitungsgebiet vieler Pflanzenarten in neue Regionen verlagert.

„Es geht nicht nur darum, einen Baum zu pflanzen. Es muss gut durchdacht sein, denn man kann nicht einfach einen Baum in den Boden stecken und in 100 Jahren zurückkommen und einen Wald vorfinden“, sagt Edge. Es braucht eine immense Menge an Geld, Arbeit und Geduld, um aus einem Samen einen Schössling zu machen. „Wir wollen nicht unsere Zeit damit verschwenden, einen Setzling in den Boden zu stecken, der dann stirbt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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