Fichte mit Federschmuck: Im New Yorker Rockefeller-Weihnachtsbaum versteckte sich eine Eule

Vom Wald über den Großstadtdschungel Manhattans in alle Zeitungen: In einem New Yorker Weihnachtsbaum wurde ein kleiner Sägekauz gefunden. Er hat das Spektakel gut überstanden – und ist nun endlich wieder in freier Wildbahn.

Published 27. Nov. 2020, 11:34 MEZ
Sägekauz „Rockefeller" bei seiner Freilassung

Ellen Kalish, Inhaberin des Ravensbeard Wildlife Center, bereitet die Freilassung von Sägekauz „Rockefeller“ vor. Er war in einem Weihnachtsbaum in New York gefunden worden – dehydriert, aber sonst unversehrt. Nach sechs Tagen wurde er wieder freigelassen.

Bild Tyler Kubicz and Soren Nielsen, Ravensbeard National Wildlife Center (Standbild)

Eine kleine Eule hat in der vergangenen Woche einen Städtetrip der anderen Art mitgemacht: Sie saß  ausgerechnet in dem Baum, der vor dem New Yorker Rockefeller Center als Weihnachtsbaum aufgebaut werden sollte - und war beim Fällen offenbar nicht schnell genug weggeflogen. Der 18 Zentimeter große Sägekauz, eine der kleinsten Eulenarten Nordamerikas, wurde zwischen den massiven Ästen der über 20 Meter hohen Fichte gefunden – nachdem der Baum rund 300 Kilometer nördlich im Bundesstaat New York gefällt und mit einem Lastwagen nach Manhattan transportiert worden war. Blinder Passagier inklusive.

Ellen Kalish kümmert sich mit ihrer Auffangstation Ravensbeard Wildlife Center um in Not geratene Vögel – und vergangene Woche um den New Yorker Weihnachts-Kauz. Sie habe fast „das Telefon fallen lassen”, als der Anruf aus Manhattan kam, erzählt sie. Der Mann der Anruferin, einer der Arbeiter, die den Weihnachtsbaum aufstellen wollten, hatte die kleine Eule entdeckt – gerade noch rechtzeitig, bevor die mächtige Fichte in die Senkrechte befördert werden sollte. Weil er befürchtete, dass das Tier verletzt sei, habe er es aus dem Baum genommen.

Als die Eule bei Kalish abgeliefert wurde, saß sie aufrecht in einem Karton und schaute sie mit großen Augen an. „Dass der kleine Vogel diesen Trip überlebt hat, ist ein Wunder.” Kalish taufte die Eule Rockefeller – oder kurz: „Rocky”.

„Der Vogel war dehydriert und völlig ausgehungert”, so die Tierpflegerin. Vermutlich habe er mehrere Tage weder getrunken noch gegessen. Ein Tierarzt untersuchte den Sägekauz, abseits von Hunger und Durst war er jedoch unversehrt: keine Knochenbrüche, keine inneren Verletzungen. Einen Tag nach seinem Fund habe er bereits eigenmächtig ein Bad genommen – ein gutes Zeichen: Wenn Vögel baden, fühlen sie sich wohl.

Ganz Amerika liebt Rocky, den Kauz

Als sich Rocky erholt hatte, entschied Kalish, die Geschichte auf Facebook zu teilen. „Gerade in der aktuellen Situation brauchen die Menschen doch Grund zur Freude – und außerdem war die Story zu gut, um sie für mich zu behalten.” Damit machte sie Rocky zum Weihnachtsheld im ganzen Land: Ihr Post ging viral, wurde fast 14.000 Mal geteilt, auf Tausende positive Kommentare folgten Anrufe von Zeitungen und Fernsehsendern. So gab Kalish plötzlich nebenbei Interviews, während sie und ihre Familie sich um Rocky und diverse andere kranke Tiere kümmerten (unter anderem eine Brautente, vier Tauben und ein Wüstenbussard).

Rocky, ein kleiner Sägekauz, erholt sich im Ravensbeard Wildlife Center von einer ungewöhnlichen Reise: Er wurde in Manhattan in einem über 20 Meter hohen Weihnachtsbaum entdeckt, der aus fast 300 Kilometern Entfernung zum New Yorker Rockefeller Plaza transportiert worden war.

Bild Ravensbeard Wildlife Center

Kalish warnt jedoch vor zu viel Entzückung: „So niedlich die Tiere aussehen, sie sind immer noch Raubtiere. Sie haben scharfe Schnäbel und Krallen und es sind tatsächlich oft die kleinsten Vögel, die mich am meisten bluten lassen."

Ob die kleine Eule schon im Baum saß, als er gefällt wurde, oder erst danach hineinkroch, bleibt unterdessen offen. Kalish vermutet jedoch ersteres:  “Vielleicht hat sie von dem Schreck ein Trauma bekommen oder sich einfach versteckt vor Angst.” Nach Angaben von Kalish hatten die Waldarbeiter den Baum kontrolliert, bevor sie ihn fällten, um genau solch einen Fall zu vermeiden. “Doch diese Tiere sind schwer zu sehen, sie sind nachtaktiv und ihr Äußeres ist darauf ausgelegt, dass man sie tagsüber nicht findet.”

Bereit zum Abflug

Nach sechs Tagen Füttern und Beobachten war Rocky wieder startklar für das Leben in freier Wildbahn: In der Dämmerung, wenn die Tiere aktiv werden, wurde er auf einer Lichtung in einem Nadelwald in die Luft entlassen. „Ich bin immer wieder zu Tränen gerührt, wenn ich einen Vogel fliegen lassen kann“, sagt Ellen Kalish. „Für genau diesen Moment machen wir das alles. “

Zurück im Wald: Sägekauz Rocky kurz nach seiner Freilassung am 24. November.

 

Bild Tyler Kubicz & Soren Nielsen, Ravensbeard National Wildlife Center (Standbild)

Ausgesetzt wurde der Sägekauz übrigens nicht dort, wo man ihn sprichwörtlich abgesägt hatte: Sägekäuze hätten weder Lieblingsbäume noch eine wirkliche Heimat, erklärt Kalish. Sie seien Nomaden und somit nicht an einen bestimmten Lebensraum gebunden. „Sie bleiben an einem Ort, so lange sie genug zum Fressen finden, dann ziehen sie weiter. “ Im Gegensatz zu anderen Greifvögeln, die Kalish wenn möglich immer dort freilässt, wo sie gefunden wurden, bindet sich die kleinen Eulen auch nicht lebenslang an einen Partner, sondern suchen sich in jeder Paarungszeit einen neuen.  Ihn noch einmal dem Stress einer langen Fahrt auszusetzen, habe man vermeiden wollen. 

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Lebensraum Weihnachtsbaum 

Kalish hofft, dass die Geschichte ihrer Tätigkeit generell zu mehr Aufmerksamkeit verhilft, und vielleicht mehr Leute motiviert, sich für Wildtiere einzusetzen. Über Facebook konnte sie jedenfalls bereits rund 20.000 Dollar Spenden sammeln.

Wer nach dieser Lektüre nun hofft, an Heilig Abend eine lebende Eule – vielleicht einen Waldkauz – in seinem Weihnachtsbaum zu entdecken, wird jedoch enttäuscht: Geschichten wie diese sind einmalig, zumal ein 20 Meter hoher Baum auch in keinem deutschen Wohnzimmer Platz finden dürfte.

Dass mit einem Weihnachtsbaum jedoch Leben ins Haus kommt, davon kann man ausgehen: Bis zu 25.000 Insekten holen wir uns mit einem Tannenbaum in die Wohnung, sagen Forscher. Nur schade, dass Spinnen, Läuse und Käfer nicht so niedlich sind wie kleine Eulen. 

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