Knick in der Botanik: Das Geheimnis um Polens krummen Wald

Geheimnisvoll gebogene Bäume in einem polnischen Wald geben Rätsel auf. Doch es gibt auch eine sehr irdische Erklärung.

Veröffentlicht am 2. Nov. 2020, 11:13 MEZ, Aktualisiert am 1. Dez. 2020, 15:10 MEZ
Rätsel um den krummen Wald in Polen

Um die Entstehung des krummen Walds (polnisch: Krzywy Las) ranken sich zahlreiche Mythen. Kein Wunder, denn die Ursache für die gebogenen Kiefern ist nicht abschließend geklärt.

Bild rarchitekt / stock.adobe.com

Im Nordwesten Polens, vier Kilometer südlich der Gemeinde Gryfino (deutsch: Greifenhagen), unweit der brandenburgischen Grenze liegt der „Krumme Wald“ (polnisch: Krzywy Las), um den sich zahlreiche Mythen ranken. Von Zauberei ist die Rede, aber auch von Kriegsschäden und menschlicher Absicht. Denn die einhundert Kiefern des Naturdenkmals machen wortwörtlich einen Bogen um die allgemeinen Regeln der Botanik: Sie krümmen sich alle bogenförmig nach Norden, bevor sie, wie die anderen Bäume des Waldes, grade nach oben wachsen. Vor circa 70 Jahren gepflanzt, geben die heute 11 bis 15 Meter hohen Kiefern mit den geschwungenen Stämmen ein imposantes Bild ab.

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Und auch Wissenschaftler können sich der Magie des Ortes nicht entziehen. So wie Prof. Dr. Volker Zahner, Prodekan und Leiter des Zentrums Wald Forst Holz an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der den Wald vor einigen Jahren besucht hat: „Der Wald hatte auch für mich ein gewisse Magie, etwas Merkwürdiges und Rätselhaftes, dem ich mich nicht entziehen konnte. Trotzdem fängt man als Forstwissenschaftler sehr schnell an, über die Ursachen für dieses einzigartige Phänomen nachzudenken.“

Krummer Wald: verzaubert oder zurechtgebogen?

Ende der 1930er Jahre, als die preußische Provinz Pommern noch zu Deutschland gehörte, pflanzte man 400 Kiefern, von denen heute auf circa 1,7 ha noch um die 100 Individuen erhalten sind. Der Rest ist altersbedingt bereits abgestorben, da Kiefern in der Regel nur bis zu 100 Jahre alt werden.

Seitdem wird über die Ursachen des krummen Baumwuchses spekuliert: Eine Theorie geht davon aus, dass Panzer im Zweiten Weltkrieg beim Durchfahren des Waldes die Jungbäume abknickten. Eine weitere Erklärung für das Phänomen könnte starker Schneefall sein, der die vier bis fünf Jahre alten Triebe niederdrückte. Andere (widerlegte) Erklärungsversuche und Verschwörungstheorien handeln von starken Magnetfeldern, Okkultismus, Besuch von Ausserirdischen oder Zauberei.

Prof. Dr. Zahner geht - ganz wissenschaftlich - von menschlichem Einwirken aus: „Ich denke es ist plausibler, dass diese Krümmung gezielt von Menschen produziert wurde. Wenn man einem Baum die Terminalknospe, also den Wipfeltrieb, entfernt, übernimmt ein Seitentrieb die Führung. Man nennt das im Fachjargon Apikaldominanz. Es gibt sogar ein Insekt, den Kiefernposthorntriebwickler, der ein ganz ähnliches Bild produziert, allerdings nicht so bodennah und nicht im gesamten Bestand.“

Doch welcher Intention folgt ein Förster, der einen krummen Wald erschafft? „Die Gründe dafür können vielfältig sein“, so Prof. Dr. Zahner. „Krümmungen wurden vom Joch für ein Pferd, über bestimmte Werkzeuge, bis hin zu Alphörnern genutzt.“ Doch damals wie heute war es nicht Usus, Bäume gezielt für die Nutzung wachsen zu lassen. „Meist wurden im Wald gezielt Exemplare gesucht, die den Vorstellungen entsprachen. Heute kennt man gezielte Triebführung nur bei Bonsais.“

Die Erklärung des entfernten Wipfeltriebs passt auch zur Theorie des Landesverbands der Schulgeographen Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehen davon aus, dass ein Förster in den 60er Jahren die Terminalknospen als Weihnachtsbäume verkaufte. Dabei dachte er ressourcenschonend und liess pro Baum einen unteren Trieb stehen, um so im nächsten Jahr einen weiteren Weihnachtsbaum ernten zu können. Dazu kam es dann aber nicht mehr.

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Natürlicher Nachteil für krumme Bäume

Auch ganz ohne Magie geht von den Kiefern des Krzywy Las ein Zauber aus. Doch wie wunderbar finden die Nadelbäume ihren aussergewöhnlichen Wuchs? „Bäume stehen in Konkurrenz zu einander um wichtige Ressourcen. Eine davon ist Licht“, erklärt der Forstwissenschaftler. „Deshalb versuchen Bäume möglichst schnell aus dem Schatten ins Licht zu gelangen. Dafür können sie sich auch ordentlich verkrümmen. Eichen sind besonders lichtwendig. Bei Nadelbäumen, wie hier bei der Kiefer, ist das eher die Ausnahme.“ Einen Nachteil für die Kiefern im Bezug auf Licht sieht er nicht, „da alle Bäume in dem Wald verkrümmt sind, hat das einzelne Individuum keinen Vor- oder Nachteil.“ Allerdings könne an der Krümmung in Bodennähe leichter eine Fäule entstehen. „An solch einer Faulstelle könnten Phytotelmen, Wasser gefüllte Höhlen entstehen, die ein eigenes kleines Mikrohabitat darstellen. Wenn auch nicht gut für den Baum, sind diese Habitate selten und wertvoll für die Natur.“

Für Reiselustige und Naturfreunde gilt also: Ein nicht ganz grader Umweg zum krummen Wald Krzywy Las lohnt sich, egal ob man die fotogene Magie des Ortes oder die Naturwissenschaft im Blick hat.

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