So wollen Einheimische Italiens Wildblumenpracht vor Touristen schützen

La fiorita ist eines der spektakulärsten Naturschauspiele Europas, aber langsam wird es bei blumenpflückenden Touristen zu beliebt.

Von Stefania D’Ignoti
Bilder Von Francesco Lastrucci
Veröffentlicht am 27. Apr. 2021, 15:36 MESZ
La Fiorita

Katholische Nonnen machen einen Morgenspaziergang auf einem von Mohnfeldern gesäumten Weg in der Nähe des italienischen Dorfes Castellucio di Norcia.

Bild Francesco Lastrucci

Einmal im Jahr wird die einzige Schotterstraße, die zu dem winzigen italienischen Dorf Castelluccio di Norcia führt, zum Schauplatz eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele Europas.

Zwischen Mitte Mai und Anfang Juli färben Wildblumen die Ebenen der Piana Grande in Gold-, Purpur- und Blautönen und erwecken die Fioritura delle lenticchie (italienisch für „Linsenblüte“) zum Leben.

Blütenmeere läuten Frühling in China ein
Zu Frühlingsbeginn konnten sich Einheimische und Besucher in China an einer wahren Blütenpracht erfreuen.

In dieser grünen Landschaft Umbriens – einer Region, die als Italiens „grüne Lunge“ bezeichnet wird – ist die sommerliche Blütezeit der Stolz der Einheimischen. Und ein Lichtblick, auf den sie sich jedes Jahr freuen. Nach den zwei katastrophalen Erdbeben von 2016 und der Coronavirus-Pandemie hat la fiorita noch mehr an Bedeutung gewonnen.

Verschiedenste Wildblumen – vom karmesinroten Mohn bis zum violetten Frauenspiegel – wachsen dank des Verzichts auf Pestizide natürlich auf den Linsenfeldern in der Piana Grande.

Bild Francesco Lastrucci

„Wenigstens hat die Brutalität des [zweiten] Bebens die Schönheit der Landschaft, die uns umgibt, in keiner Weise verändert, Gott sei Dank“, sagt Nicoletta Marziali, die bei dem Beben der Stärke 6,6 ihr angestammtes Familienhaus und ihr Geschäft verloren hat. „Das hätte uns kollektiv das Herz gebrochen.“

Aber nun, da die internationalen Reisebeschränkungen langsam wieder aufgehoben werden, machen sich Einheimische wie Marziali Sorgen über eine neue Bedrohung: Horden von Touristen, die die empfindlichen Blumen für Fotos und Social-Media-Posts zertrampeln. Es ist ein Problem, das auch andere Wildblumen-Hotspots wie Kalifornien in den letzten Jahren zunehmend geplagt hat.

Die letztjährige la fiorita ließ bereits erahnen, was die Zukunft bringen könnte. Nachdem Italiens bislang strengster Lockdown Anfang Mai 2020 aufgehoben wurde, strömten an einem Spitzenwochenende Ende Juni 20.000 Besucher nach Castellucio. Eine Handvoll wurde dabei beobachtet, wie sie in die Felder gingen und die Blumen pflückten.

Verschiedenste Wildblumen – vom karmesinroten Mohn bis zum violetten Frauenspiegel – wachsen dank des Verzichts auf Pestizide natürlich auf den Linsenfeldern in der Piana Grande.

Bild Francesco Lastrucci

„[Ein Besuch] war wegen des Verkehrs und der überfüllten Wege fast unmöglich“, sagt Claudia Cenci, eine Einwohnerin von Perugia, die oft in Castellucio wandern geht. „In ein paar Jahren könnte es unmöglich werden [die Gegend zu genießen].“

Wildblumenreichtum ohne Pestizide

Die Piana Grande wird auf einer Seite von den Sibillini-Bergen gesäumt und liegt inmitten des Nationalparks Monti Sibillini. In dem Karstbecken (Kalkstein) gedeihen Linsenfelder, die Haupteinnahmequelle von Castellucio.

Die winzigen, bräunlich-grünen Linsen, die für ihren feinen, nussigen Geschmack geschätzt werden, werden hier nicht mit Pestiziden behandelt, da sie in großer Höhe angebaut werden. Die winterlichen Minustemperaturen töten Schädlinge auf natürliche Weise.

Wanderer folgen einem Weg aus Castellucio di Norcia, einem mittelalterlichen Dorf, das für seine Linsen bekannt ist und in den Apenninen liegt.

Bild Francesco Lastrucci

Die Abwesenheit von Chemikalien spielt eine Schlüsselrolle in la fiorita: Sie erlaubt der Natur, ihren Lauf zu nehmen. Die winzigen weißen Blüten der Linsenpflanzen vermischen sich während der gesamten Vegetationsperiode mit Senfblumen, Mohn, Frauenspiegel und Kornblumen.

„Mir gefällt die Vorstellung, dass die Natur uns jedes Jahr mit einem ihrer schönsten Schauspiele belohnt, weil wir uns verpflichtet haben, [die Linsen] so umweltschonend wie möglich anzubauen“, sagt Nello Perla. Er gründete die seit 40 Jahren bestehende landwirtschaftliche Kooperative von 13 Betrieben, die im Tal ausschließlich biologische Anbaumethoden anwenden.

Weil die Bauern ihre Pflanzen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten anpflanzen, sprießen auch die Blumen zu unterschiedlichen Zeiten. Das ist das Geheimnis des variierenden Musters, das diese Landschaft weltberühmt gemacht hat, sagt Perla.

Besucher blicken auf eine impressionistische Landschaft voller Wildblumen. Die Einheimischen sorgen sich darüber, dass die Touristenmassen die Blumenfelder beschädigen könnten, und denken über Lösungen wie beispielsweise eine Verkehrsregelung nach.

Bild Francesco Lastrucci

Die Bauern pflanzen ihre Linsen zu unterschiedlichen Zeiten an, was zu den wechselnden Mustern beiträgt, die la fiorita so unverwechselbar machen.

Bild Francesco Lastrucci

Die Blüte jeder Wildblume zeigt eine Reifephase im Lebenszyklus der Linsen an und weist die Bauern so auf den besten Erntezeitpunkt hin, erklärt Nunzio Testa, Sekretär von Pro Loco Castelluccio, einer 1982 gegründeten Tourismusorganisation. „Das ist Castelluccios einzigartige Art, mit der Natur zu kommunizieren“, sagt er und lacht. „Wir schauen einfach aus dem Fenster und die Farben sagen uns, was wir zu tun haben.“

Ein buntes Paradies für Wanderer

Die Gegend ist nicht nur ein wichtiges landwirtschaftliches Gebiet, sondern auch ein Traum für Outdoor-Enthusiasten. Schier endlose Wanderwege überblicken die Täler und Berge. In den letzten Jahren ist Castelluccio für viele Italiener zu einem begehrten Wochenendausflug aus dem hektischen Stadtleben geworden.

Der Wanderführer Simone Gatto führt die Beliebtheit dieser Wege auf ihre gute Zugänglichkeit zurück: Sie sind für alle Arten von Wanderern geeignet, von unerfahrenen Spaziergängern bis zu Wanderprofis, von Einzelpersonen bis zu Familien. „Man kann sie gut mit dem Fahrrad oder zu Pferd erkunden“, sagt er. „Dieser Ort kann jede Art von Wanderer glücklich machen.“

Claudia Cenci läuft schon seit Langem auf diesen Wegen und hat sich auf den Besuch nach der Quarantäne gefreut. „Vor der Pandemie bin ich durch die ganze Welt gereist. Aber ich bin glücklich, weil die schönste Landschaft von allen nur ein paar Kilometer von zu Hause entfernt ist“, sagt sie.

Aber da immer mehr Besucher die natürliche Schönheit der Gegend entdecken, denken die Bewohner von Castelluccio über Möglichkeiten nach, die Auswirkungen des Massentourismus einzudämmen. Eine Inspirationsquelle ist der kalifornische Lake Elsinore, wo der „Mohnwahn“ das lokale Ökosystem bedroht hat. Dort beschränken Freiwillige die Zufahrt für Autos und den Zugang für Fußgänger zu den Feldern. Um die Umweltverschmutzung zu reduzieren, bieten sie gegen eine geringe Gebühr einen Shuttle-Service an.

Die Blüte jeder Wildblume zeigt ein anderes Stadium im Wachstumszyklus der Linsen an und signalisiert den Bauern so, wann sie ernten müssen.

Bild Francesco Lastrucci

Doch für Anwohner wie Marziali ist der effektivste Weg die Aufklärung. Sollte sich die Überwachung des Verkehrs als unzureichend erweisen, um die negativen Auswirkungen zu reduzieren, erwägen die Bürger von Castelluccio laut Marziali andere Optionen, wie etwa kostenlose Workshops. In den kommenden Jahren könnten diese informellen Kurse den Touristen beibringen, wie sie die Aussicht verantwortungsvoll genießen können.

„Wir wollen den emotionalen Nutzen dieses erhebenden Anblicks mit dem Rest der Welt teilen, besonders jetzt, wo wir alle schwere Zeiten durchgemacht haben“, sagt Marziali. „Aber wir wollen auch, dass die Besucher unsere Prinzipien des Respekts gegenüber der Umwelt verinnerlichen, damit auch der Tourismus so nachhaltig wird wie unsere Erntemethoden.“

So könnt ihr dem Planeten helfen
Ein Feld voller bunter Wildblumen ist der Stoff, aus dem Social-Media-Träume sind. Aber übereifrige Menschenmassen, wie die am kalifornischen Lake Elsinore, können für Einheimische und die Natur Probleme verursachen. Ihr könnt trotzdem ein schönes Foto machen, indem ihr auf den Wegen bleibt und keine Blumen pflückt. Auch botanische Gärten sind einen Besuch wert, ebenso wie weniger überlaufende Gegenden. Zieht zu Hause in Erwägung, heimische Wildblumen in eurem Garten oder auf dem Balkon ohne Pestizide anzubauen, da diese die lokalen Wassersysteme und den Boden kontaminieren können und für Mensch und Tier schädliche Auswirkungen haben.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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