Waldnationalparks in Deutschland: Kein Platz für neue Schutzgebiete

Waldnationalparks machen in Deutschland nur ein halbes Prozent der Gesamtfläche des Landes aus. Warum eine Ausweitung in Deutschland extrem schwierig ist, erklären zwei Experten.

Veröffentlicht am 21. Apr. 2022, 16:38 MESZ
Waldnationalparks

Waldnationalparks erfüllen in Deutschland einen wichtigen Zweck. Sollte es mehr von ihnen geben?

Foto von stock.adobe.com/kite_rin

In Deutschland gibt es insgesamt 16 Nationalparks, die sich auf 14 Bundesländer verteilen. Die unter diesem Titel geschützten Naturlandschaften erstrecken sich auf einer Fläche von über eine Million Hektar und nehmen knapp drei Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ein. Die drei größten deutschen Nationalparks gehören den marinen Gebieten an: Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ist der größte, gefolgt vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und dem Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Das geht aus den Angaben des Nationale Naturlandschaften e.V. hervor.

Wald macht in den Nationalparks nur einen Bruchteil aus: Lediglich 16 Prozent der geschützten Naturgebiete sind Waldnationalparks. Zwar gibt es von ihnen genau ein Dutzend, doch jeder von ihnen ist verhältnismäßig klein.

Dabei ist es gerade der Wald, der Hilfe benötigt. Wie die Berechnungen des Thünen-Instituts für Waldökosysteme ergeben, sind kritische Kronenverlichtungen in deutschen Wäldern weit verbreitet. Als Kronenverlichtung bezeichnet man den sicht- und messbaren Verlust von Nadeln oder Blätter der Baumkrone. Dieser ist sicht- und messbar. Laut dem Institut sind 35 Prozent der Bäume in Deutschland von einer deutlichen Kronenverlichtung (mehr als ein Viertel der Blätter oder Nadeln der Baumkrone fehlen) betroffen. Auch der Naturschutzbund Deutschland e.V. bestätigt, dass ein bedeutender Anteil der deutschen Bäume schwer geschädigt ist, vor allem Buchen, Eichen, Fichten und Tannen seien betroffen.

Nationalparks sind in Deutschland wichtig

Der deutsche Wald braucht also Schutz und Unterstützung. Der Status „Nationalpark“ kann theoretisch genau das bieten. „Die rechtlichen Bestimmungen der Nationalparks enthalten, dass sie dem Schutz von Ökosystemen dienen“, erklärt Carsten Wilke, Präsident des Deutschen Forstvereins e.V. „Wir sprechen beim Zweck eines Nationalparks immer von drei Säulen: Schutz des Ökosystems, Forschung und Erholung.“

Carsten Wilke ist Präsident des Deutschen Forstvereins e.V. und hat schon alle Nationalparks Deutschlands besuchen dürfen.

Foto von Deutscher Forstverein e.V.

Die erste Säule, der Schutz der Natur, habe laut Wilke oberste Priorität. Er sei der „Hauptanspruch“ eines Nationalparks. Deshalb wird das Betreten und Bewandern auch streng kontrolliert und über Wegepläne geregelt, an denen sich Wanderer und Spaziergänger zu halten haben. Außerdem werden bestimmte Zonen definiert, in denen keine Betretung möglich ist. Je nach Störpotenzial entscheiden die Beamten und Angestellten der Dienststellen oder Landesbehörden, welche Gebiete zu diesen Zonen gehören. Dabei soll nicht nur die Pflanzenwelt geschützt werden. Jonas Brandl vom Bundesverband Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V. betont, dass sich auch die Fauna im Nationalpark ungestört entfalten können muss: „Die großen, zusammenhängenden Waldgebiete bilden wichtige Refugien für Wildtiere. Nationalparks sind also ein wichtiger Lebensraum.“

Ein solcher Naturschutz wird aber auch auf anderen Waldflächen in Deutschland betrieben. Bei etwa 500.000 Hektar Wald wird auf Eingriffe in die Natur verzichtet. Allerdings handelt es sich dabei um Einzelflächen, die kleiner sind, als es die Großräumigkeit für Nationalparks erfordert.

Die zweite Säule stellt die Forschung dar. Nationalparks bieten vielfältige Möglichkeiten, die Entwicklung der Natur zu beobachten, wenn der Mensch so wenig wie möglich eingreift. Laut Brandl sei bereits jeder Wald in Deutschland im Laufe der Geschichte auf irgendeine Weise genutzt worden. „Es wird versucht, eine Natur vor der menschlichen Nutzung darzustellen. Auch, wenn es wenige Ausnahmen gibt, wie beispielsweise das Wildtiermanagement. Das wird in allen Nationalparks betrieben“, so der Experte. Sämtliche Forschende seien wegen des nahezu unberührten Zustandes an den Waldnationalparks interessiert. Ob Arachnologen, Umweltforscher oder Biologen – Waldnationalparks bieten Wissenschaftler sämtlicher Disziplinen einen einzigartigen Einblick und wichtige Erkenntnisse für die Kulturlandschaft.

Die letzte und dritte Säule ist die Erholung und Weiterbildung. Menschen sollen an die Natur herangeführt und ihnen ein Naturerlebnis ermöglicht werden. „Und Nationalparks haben einen umfassenden Bildungsauftrag, der an unterschiedliche Zielgruppen adressiert ist“, ergänzt Carsten Wilke vom Deutschen Forstverein.

Die letzten beiden Säulen kann ein Nationalpark aber nur leisten, insofern diese mit der ersten Säule, dem Schutz der Ökosysteme, vereinbar sind. Darüber sind sich beide Experten einig.

Jonas Brandl ist Referent für Wald- und Forstpolitik und Öffentlichkeitsarbeit bei der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Bundesverband e.V.

Foto von David Osietzki

Warum macht Deutschland keinen Platz für neue Nationalparks? 

Wenn Waldnationalparks einen derart wichtigen Beitrag leisten, warum nehmen sie dann gerade einmal ein halbes Prozent der Landesfläche ein? Carsten Wilke und Jonas Brandl sind sich einig: Die Flächenkonkurrenz in unserem dicht besiedelten Land machen es fast unmöglich, noch mehr Waldnationalparks zu schaffen oder die Fläche der bestehenden signifikant zu erweitern. Waldgebiete haben es zudem besonders schwer: Während in marinen Arealen nur vereinzelte Interessenskonflikte bestehen, sind diese an Land sehr vielfältig.

Zwar konnte im Jahr 2020 der Nationalpark Kellerwald-Eldersee in Hessen um beachtliche 2.200 Hektar erweitert werden, allerdings war eine überaus sorgfältige Planung und die Einbindung sämtlicher Akteure (Bürger, Landesbehörden, Tourismusverbände, Naturschützer) notwendig. Eine Nationalparkerweiterung ist mit immensem Aufwand verbunden und muss etliche Faktoren berücksichtigen. „Es gibt Sägewerke, jägerische Interessen, Interessen von Verkehrsinfrastruktur – all das sind Ansprüche, die auch gesehen werden müssen“, meint der Präsident des Deutschen Forstvereins. Außerdem benötigen Nationalparks eine gigantische Fläche. Laut Wilke sollte ein solches Naturschutzgebiet mindestens 5.000 Hektar, besser 10.000 Hektar umfassen. Ein solches Areal in einem Land mit einer so hohen Bevölkerungsdichte und ausgebauter Infrastruktur wie in Deutschland ausfindig zu machen, ist keine leichte Aufgabe.

„Deshalb bietet sich Deutschland nicht gut für Nationalparks an. Nordamerika hingegen, mit dem riesigen Yellowstone-Nationalpark, kann einfach viel mehr Platz bereitstellen“, sagt Jonas Brandl von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Zum Vergleich: Der Yellowstone-Nationalpark umfasst alleine fast genauso viel Fläche, wie alle Nationalparks in Deutschland zusammen. „Trotzdem sollen die existierenden Parks hierzulande natürlich weiterhin bestehen“, ergänzt Brandl.

Der Yellow Stone Nationalpark erstreckt sich über eine Fläche von knapp 900.000 Hektar.

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Windkraft ist keine direkte Konkurrenz für Nationalparks

Weniger drastisch wirke sich allerdings der Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Waldnationalparks aus. Zwar seien vor allem im süddeutschen Raum Wälder für solche Anlagen attraktiv, doch die Schutzgebiete haben laut Carsten Wilke nichts zu befürchten. Der Experte erklärt, dass es das Ziel des Bundes ist, zwei Prozent der Gesamtfläche Deutschlands der Windenergie künftig zur Verfügung zu stellen. Was zunächst nicht viel wirke, sei laut Wilke hinsichtlich der bereits bestehenden Flächenkonkurrenz ein sehr ambitioniertes Ziel. „Diese zwei Prozent werden ohnehin durch viele Dinge determiniert“, meint Wilke. Waldnationalparks und Windparks stehen sich daher nicht direkt im Weg: Sie sind füreinander nur ein weiterer Aspekt, der abgewogen und berücksichtigt werden muss. Außerdem genießen Waldnationalparks laut dem Präsidenten des Deutschen Forstvereins einen sehr hohen Stellenwert: „Eine neu hinzukommende Planung wie ein Windpark darf keine negative Einwirkung in oder auf das geschützte Gebiet entfalten, sonst ist die Planung fehlerhaft.“

Braucht Deutschland mehr Waldnationalparks?

Zwar ist es wegen der Flächenkonkurrenz kaum möglich, mehr Waldgebiete zum Nationalpark zu erklären. Doch würde Deutschland überhaupt davon profitieren, noch mehr Landesfläche für solche Schutzgebiete bereitzustellen? Darüber sind sich die Experten nicht ganz einig.

Jonas Brandl von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sagt klar: „Nein. Ich denke, was wir brauchen, ist ein insgesamt nachhaltigerer und naturnäherer Umgang mit der Landschaft, anstatt einzelne geschützte Flächen.“ Brandl persönlich unterstützt die Idee der Biosphären-Gebiete: Diese sind in Kernzonen, Pflegezonen und Entwicklungszonen eingeteilt. Während die kleinste Zone, die Kernzone, stark geschützt ist, kann in der sogenannten Pflegezone eine schonende und auf Artenvielfalt ausgelegte Landnutzung stattfinden. Die größte Zone, die Entwicklungszone, bietet Raum für die Besiedelung durch den Menschen und Innovationen, wie erneuerbare Energien. Der große Unterschied zum Nationalpark: Biosphären-Gebiete erlauben, dass Menschen darin leben und eine nachhaltige Wirtschaft ist mit einbezogen.

Der Präsident des Deutschen Forstvereins, Carsten Wilke, ist hingegen der Meinung, dass sich diese Frage nicht seriös mit Ja oder Nein beantworten lasse. Die Entscheidung, einen Nationalpark zu erweitern oder zu gründen, muss immer sorgfältig abgewogen werden. Denn nicht die Anzahl der Waldnationalparks sei entscheidend, sondern deren Qualität. „Ich glaube, wenn man ein Gebiet hat, das qualitativ hochwertig ist, ist es gerechtfertigt, dort einen Nationalpark zum Schutz des qualitativen Ökosystems zu haben. Aber nicht überall und willkürlich. Nationalparks dürfen nicht beliebig werden.“ Die Erweiterung oder Gründung eines Nationalparks solle ein sorgfältiger und ernsthaft zu führender Prozess bleiben, bei dem alle Akteure eingebunden werden müssten.

Waldnationalparks spielen in Deutschland eine wichtige Rolle und müssen dringend erhalten bleiben. Davon sind die Experten überzeugt. Doch einen Ausbau solcher geschützten Flächen sehen sie als eher kritisch an, da dabei viele Faktoren, wie die Bevölkerungsdichte, oder andere wichtige Interessen, wie die Infrastruktur, berücksichtigt werden müssen. Wichtiger sei es, sich auf die aktuell existierenden zu konzentrieren und ihren Schutz zu sichern. Und das gelingt laut Carsten Wilke am besten mit der richtigen Besucherlenkung: Einerseits sollen die Menschen ihr Bedürfnis nach Freiheit und Natur stillen können. Andererseits müssen sensible Bereiche im Nationalpark geschont und von den Wanderwegen ausgespart werden. „Das ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben überhaupt“, sagt Carsten Wilke.

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