Neues Ökosystem vor den Malediven entdeckt

In 500 Metern Tiefe entdeckten Forschende eine neue Unterwasserwelt im indischen Ozean. Der Lebensraum ist einzigartig – und gibt der Wissenschaft Rätsel auf.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 3. Nov. 2022, 09:31 MEZ
Ein Wasserfahrzeug fährt unter Wasser and Korallen vorbei.

Mithilfe dieses Wasserfahrzeugs entdeckten Beteiligte der Nekton Maledives Mission ein neues Ökosystem in der Tiefsee.

Foto von Nekton Maledives Mission

Kristallklares, türkises Wasser, kilometerlange weiße Sandstrände und farbenprächtige Korallenriffe: Die Malediven sind nicht nur Traumreiseziel vieler Menschen, sondern auch Heimat unzähliger Organismen. Neben den gut erforschten Korallenriffen haben Forschende in 500 Metern Tiefe nun eine ganz neue Welt entdeckt: ein bislang unbekanntes Ökosystem, in dem sogar seltene Tiere ein Zuhause finden.

Im Rahmen der 34-tägigen Nekton Maledives Mission im September 2022, an der auch Forschende der University of Oxford beteiligt waren, stießen die Beteiligten auf die „Trapping Zone“. In diesem neuartigen Ökosystem versammeln sich viele große Fische, darunter auch der seltene Nagelhai (Echinorhinus brucus), um ein außergewöhnlich reichhaltiges Nahrungsangebot wahrzunehmen. Sie fressen Mikroorganismen des sogenannten Mikronektons – darunter Krebstiere und kleinere Fische –, das sich an dieser Stelle in großer Zahl sammelt. Doch wie ist das Ökosystem entstanden?

Mikronekton in der Falle

Eine Besonderheit des neu entdeckten Lebensraums ist, dass sich das Mikronekton nicht aus der Zone bewegt. „Die marinen Organismen können unabhängig von der Strömung schwimmen und bewegen sich typischerweise nachts von der Tiefsee an die Oberfläche und in der Dämmerung zurück in die Tiefe“, heißt es in der Pressemeldung der University of Oxford. Dieser Vorgang sei als Vertikale Migration bekannt. Doch das Mikronekton im neuen Ökosystem folgt dieser Bewegung nicht.

Mithilfe von Videobeweisen wissenschaftlicher Nekton-Kameras, biologischen Proben und umfangreicher Sonarkartierung stellten die Forschenden fest: Das Mikronekton sinkt weder tief ab noch schwimmt es zur Oberfläche. Es ist also in der Zone in 500 Metern Tiefe gefangen – darum auch der Name „Trapping Zone“, Englisch für Falle. 

Der Grund dafür liegt in der Topographie der Ozeanlandschaft vor den Malediven: Diese setzt sich aus vulkanischen Unterwasserschichten und versteinerten Karbonatriffen zusammen, die „steile, vertikale Klippen und Terrassen“ bilden. Ihre Zusammensetzung hält laut Studie das Mikronekton davon ab, tiefer tauchen zu können. 

In der Trapping Zone fanden die Forschenden viele Haiarten vor, darunter auch den seltenen Nagelhai.

Foto von Nekton Maledives Mission

Trapping Zones: Oasen des Lebens

Das Mikronekton sammelt sich also unweigerlich in dieser Zone – und zieht Fressfeinde an. Teilnehmer der Mission konnten unter anderem verschiedene Haiarten, Thunfischschwärme und den Tiefseefisch Nördlicher Schleimkopf dokumentieren. „Es besitzt all die Kennzeichen eines eigenständigen, neuen Ökosystems“, sagt Alex Rogers von der University of Oxford, der auch an der Mission teilgenommen hat. 

Nun wollen die Forschenden weitere Untersuchungen einleiten und offene Fragen klären: Ist die Trapping Zone ein Phänomen, das speziell in 500 Metern Tiefe auftaucht? Warum tauchen die Mikroorganismen nicht über die Terrassen hinweg in die Tiefsee? Ist die Trapping Zone nur bei den Malediven zu finden? 

Die Entdeckung könnte auch von Bedeutung für andere Hochseeinseln sein. Rogers erklärt: „Die Trapping Zone schafft eine Oase des Lebens auf den Malediven und existiert höchstwahrscheinlich auch bei anderen Hochseeinseln und an den Hängen von Kontinenten.“ Die Forschenden vermuten, dass die Trapping Zones in Zukunft sogar Einfluss auf eine nachhaltigere Fischerei haben sowie zur Eindämmung des Klimawandels beitragen könnten. 

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