Deutsche Forscher entdecken größtes Fischbrutgebiet der Welt

Die Kolonie mit rund 60 Millionen Fischnestern in der Antarktis ist nicht nur wegen ihrer Größe eine Sensation: Sie stellt eines der letzten unberührten Ökosysteme der Erde dar.

Veröffentlicht am 21. Jan. 2022, 15:52 MEZ
Mehr als 10.000 Nester von Eisfischen hat das Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts am Grund des Weddellmeeres  gefunden. ...

Mehr als 10.000 Nester von Eisfischen hat das Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts am Grund des Weddellmeeres  gefunden. Die Zahl lässt auf etwa 60 Millionen aktiv brütende Fische schließen - die größte jemals beschriebene Fischkolonie weltweit.

Foto von PS124, AWI OFOBS team

Seit den 1980er Jahren erkunden Wissenschaftler mithilfe des deutschen Forschungseisbrechers Polarstern die Meere der Polarregionen. Doch von einer solch eindrucksvollen Entdeckung wagten sie bislang nur zu träumen: Auf einer Fläche von 240 Quadratkilometern des antarktischen Weddellmeeres weisen Forschende des Alfred-Wegener-Instituts, Bremerhaven, im Februar 2021 eine Kolonie von 60 Millionen Nestern von Jonahs Eisfischen nach – das größte Fischbrutgebiet der Welt. 

„Kein Ende abzusehen”

„Die Vorstellung, dass ein solch riesiges Brutgebiet von Eisfischen im Weddellmeer bisher unentdeckt war, ist total faszinierend“, so Dr. Autun Purser, Tiefseebiologe am Alfred-Wegener-Institut und Hauptautor der Forschungsarbeit, die in diesem Januar veröffentlicht wurde. Mit einem speziell entwickelten OFOBS, einem Ozeanboden Beobachtungs- und Bathymetriesystem, observierten er und sein Team rund 45.600 Quadratkilometer Meeresboden. Per Liveübertragung konnten sie beobachten, wie ihr Kameraschlitten in 535 bis 420 Metern Tiefe Bilder von „unfassbaren 16.160 Fischnestern” einfing. 

Identifizieren konnten die Forscher diese leicht. Eisfische betreuen und bewachen ihren Laich in kreisrunden Nestern mit einem Durchmesser von 75 Zentimetern. Durchschnittlich befinden sich 1.500-2.500 Eier darin.

Wichtiges Ökosystem für das Weddellmeer 

Das Besondere an dieser Entdeckung: Hochgerechnet auf die Gesamtausdehnung des Gebietes ergibt dies eine Anzahl von rund 60 Millionen Nestern der Neopagetopsis ionah. Bislang wurden nur kleinere und vereinzelte Kolonien dieser Art nachgewiesen. Diese riesige Biomasse macht dabei nicht nur die sehr wahrscheinlich umfangreichste Fischbrutkolonie aus, sondern erweist sich als äußerst wichtiges, bislang unberührtes Ökosystem. 

So stimmen beispielsweise zusätzlich von dem Team gesammelte Daten von besenderten Weddellrobben mit den Regionen der Fischnestbestände überein. Ihre Tauchgänge führte die am häufigsten in der Antarktis vorkommende Art von Robben fast ausschließlich in Regionen mit aktiven Fischnestern.

Ein Grund dafür, weshalb sich die Eisfische nahe des Filchner-Ronne-Schelfeis scheinbar besonders wohlfühlen, ergab sich den Wissenschaftlern aus dem Abgleich ihrer Ergebnisse mit anderweitigen ozeanografischen und biologischen Daten. Der Einstrom wärmerer Wassermassen aus dem Weddellmeer scheint dabei eine große Rolle zu spielen.  

Dringende Notwendigkeit für ein Meeresschutzgebiet

Die Entdeckung zeige, wie wichtig es ist, unbekannte Ökosysteme untersuchen zu können, bevor wir sie stören, erklärt Prof. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und Tiefseebiologin. „Wenn man bedenkt, wie wenig wir über das Leben im antarktischen Weddellmeer wissen, unterstreicht dies umso mehr die Notwendigkeit internationaler Bemühungen, ein Meeresschutzgebiet einzurichten.”

Beliebtes Jagdgebiet: Das Fischbrutgebiet dient auch als wichtige Nahrungsquelle für Weddellrobben.

Foto von Mia Wege

Bedauerlicherweise sei sich die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis, kurz CCAMLR, noch nicht über eine Verabschiedung eines Meeresschutzgebietes einig geworden. Neben Deutschland sollten sich auch andere Mitglieder der Kommission stärker für den Schutz der Polarregionen und den ausschließlichen Einsatz von nicht-invasiver Forschungsarbeit einsetzen, fordert Boetius. 

Ansturm der Fischerei wird nicht befürchtet 

Sorgen, dass der hohe Bestand an Fischen zu vermehrter Fischerei führen könnte, lassen sich derzeit beruhigen. Um jegliche Fischereiaktivität im Südpolarmeer durchzuführen, müsse diese vorher einstimmig von allen 26 Mitgliedern der CCAMLR erlaubt werden. Mögliche Ausbeutungen würden also in strengen Maßen kontrolliert werden. Zudem ist das Fischen in dieser Region ohnehin kompliziert: Das Ökosystem liegt unter dickem Meereis.

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