„Mode macht Müll“: Protest zur Fashion Week in Berlin

Aussortierte Kleidung landet in Deutschland meist in Sammelcontainern – und dann in afrikanischen Ländern wie Ghana. Eine Aktion von Greenpeace am Brandenburger Tor in Berlin soll auf die Folgen dieser Praktik aufmerksam machen.

Von Nina Piatscheck
Veröffentlicht am 5. Feb. 2024, 12:28 MEZ
Ein Mensch steht in Altkleider-Bergen

Nach Angaben von Greenpeace landen jährlich rund 150.000 Tonnen Second-Hand-Kleidung aus aller Welt in Ghana. Mit einer Aktion vor dem Brandenburger Tor wollen Aktivist*innen zur Fashion Week in Berlin auf die Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen des Textilmülls in dem afrikanischen Land aufmerksam machen. 

Foto von Kevin McElvaney / Greenpeace

In Berlin läuft in dieser Woche die Fashion Week. Eine der „Modenschauen“ in diesem Rahmen will jedoch keine Werbung für neue Trends machen. Im Gegenteil: Vor dem Brandenburger Tor ist ein zwölf Meter breiter und dreieinhalb Meter hoher Textilberg zu bestaunen. Davor ein Transparent: „Fast Fashion: Kleider machen Müll“. 

Der Haufen besteht aus Altkleidern, die eigentlich auf Deponien in Ghana gelandet wären – hätten sie die Aktivist*innen von Greenpeace, die hinter der Aktion stecken, nicht am Strand und auf dem größten Second Hand-Textilmarkt Westafrikas – dem Kantamanto-Markt – eingesammelt. In einem Container schickten sie die alten Kleidungsstücke anschließend dorthin zurück, woher sie kamen: nach Europa. Tausende Kilometer hat jedes von ihnen zurückgelegt: vom Produktionsland nach Europa, von dort als Second Hand-Ware auf den afrikanischen Kontinent – und nun in die deutsche Hauptstadt. Fast 20.000 Teile sind zusammengekommen. 

Von der Fashion Week auf die Müllhalde

Dass Afrika ein Problem mit Altkleidern aus Europa hat, ist nicht neu. Unter anderem machte der Designer Bobby Kolade im Jahr 2022 mit seinem Label Buzigahill, das aus Altkleidern neue Mode macht, medienwirksam darauf aufmerksam. Ein T-Shirt aus alten T-Shirts kostet 160 US-Dollar. Unter dem Claim „Return to Sender“ verkauft er die Designstücke dort, wo die Altkleider herkommen. „Wir sind die Müllhalde Europas“, sagte er in einem Gespräch mit der faz

Ein Berg aus Altkleidern, der eigentlich in Ghana auf Deponien gelandet wäre. Mit dieser Aktion vor dem Brandenburger Tor will Greenpeace zum Start der Fashion Week auf die Folgen der Überproduktion aufmerksam machen. 

Foto von Paul Lovis Wagner /Greenpeace

Greenpeace will mit der Aktion in Berlin konkret auf die Vermüllung in Ghana durch Fast Fashion aufmerksam machen. Nach Angaben des Tony Blair Institute for Global Change ist das westafrikanische Land der weltweit zweitgrößte Importeur von Altkleidern. Eine modische Bereicherung ist das nicht. Stattdessen werden die importierten Textilien zunehmend zum Müllproblem, wie Bilder aus Ghana eindrücklich zeigen.

Eine der Initator*innen der Aktion ist Viola Wohlgemuth. Als Konsum-Expertin befasst sie sich bei Greenpeace seit Jahren mit durch Mode verursachten Umweltschäden und hat sich selbst ein Bild von der Situation in Ghana gemacht. „Unsere Klamotten sind durch die Fast Fashion-Industrie zu Wegwerfartikel geworden. Sie werden nicht recycelt, sondern einfach als Plastikmüll nach Ghana oder in andere Länder verschifft“, sagt sie. „Unter den Bergen von synthetischem Textilmüll verschwinden ganze Landstriche.“

Synthetische Fasern: Plastik aus Kleidung in den Ozeanen

Und das Problem sei noch weitreichender: Mikroplastik-Fasern, die sich aus der Kleidung lösen, gelangen mit dem Regen in Flüsse, Meere und den Boden. Bevor er am Brandenburger Tor aufgehäuft wurde, hat Greenpeace den ursprünglich europäischen Kleidungsmüll aus Afrika in Hamburg mit Infrarot analysieren lassen. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass über 96 Prozent der Textilien aus synthetischen Fasern gefertigt wurden“, sagt Wohlgemuth. „Das zeigt, wie sehr Fast Fashion die Plastikvermüllung steigert.“

Nach Angaben des Europäischen Parlaments gelangt allein durch das Waschen synthetischer Textilien weltweit jährlich eine halbe Million Tonnen Mikroplastikfasern in die Ozeane – das entspricht 35 Prozent des weltweiten Eintrags von Mikroplastik in die Meere. 

Links: Oben:

In diesem Container reisten die Altkleider mit dem Schiff nach Deutschland.

Rechts: Unten:

So sehen die Altkleider-Pakete aus, die aus verschiedenen Ländern der Welt nach Ghana geschickt werden. In den Ballen ist oft Mode, die dort keine braucht. 

bilder von Kevin McElvaney / Greenpeace

Dabei haben viele Hersteller ihrer Unternehmenskommunikation zufolge inzwischen erkannt, wie wichtig Mode-Recycling ist. Fast alle Anbieter geben an, recycelte Fasern zu vernähen. Doch diese Kunstfasern bestehen so gut wie nie aus recycelter Kleidung, sondern zum Beispiel aus alten Plastikflaschen. Nach Angaben von Greenpeace wird auch Baumwolle aus alten T-Shirts und anderen Kleidungsstücken kaum wiederverwertet: Insgesamt bestünden weniger als ein Prozent aller Kleidungsstücke im Bereich Fast Fashion aus recycelten Textilfasern. 

„Neue Beschlüsse der EU zu schwach“

Die EU verhandelt aktuell eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien, die Unternehmen mehr in die Pflicht nehmen soll. Greenpeace hält die Entwürfe für zu schwach, auch deshalb sind die Aktivist*innen vorm Brandenburger Tor. Sie fordert, dass Modemarken für die Beseitigung von Umwelt- und Gesundheitsschäden in der gesamten Lieferkette haften und zu ihrer Vermeidung verpflichtet werden sollen.

Im Dezember 2023 hat die EU ein Vernichtungsverbot für unverkaufte Ware beschlossen. Große Modehändler dürfen in Zukunft dann in der EU keine Bekleidung mehr zerstören. Heute landet neue Ware teilweise in Müllverbrennnungsanlagen. Für kleinere Händler gelten jedoch auch nach Eintreten der Verordnung Ausnahmen, für mittelgroße gibt es eine Übergangsfrist von sechs Jahren. Auch wenn dies ein wichtiger Schritt ist, befürchten Experten, dass das Problem nur verlagert wird. Denn wenn die Ware hierzulande nicht mehr vernichtet werden darf, wird die Folge sein, dass noch mehr Textilmüll nach Ghana oder in andere Länder verschifft wird. „Es muss endlich weniger produziert werden”, sagt Wohlgemuth. „Keiner braucht diese Berge an Mode.“

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