Wissenschaft

Wohin verschwanden die ersten Hunde Amerikas?

Eine neue DNA-Untersuchung löst das Rätsel um den Verbleib der ersten Hunde, die amerikanischen Boden betraten. Montag, 9 Juli

Von Maya Wei-Haas

Vor etwa 10.000 Jahren starb auf dem Gebiet der heutigen US-Stadt Koster in Illinois ein Hund. Seine menschlichen Begleiter legten ihn inmitten eines Friedhofs für ihre eigenen Verwandten in seinem eigenen Grab zur Ruhe. Er lag auf der Seite, ganz so, als würde er nur schlafen.

Heutzutage wirkt das nicht besonders ungewöhnlich, da moderne Hunde oft als Familienmitglieder gelten. Aber dieser alte Hund und ein weiteres Duo, das ganz in der Nähe begraben wurde, sind etwas Besonderes: Es handelt sich um die weltweit ältesten bekannten Einzelgräber für Hunde, wie eine neue Studie auf dem Server „Bioaxiv“ berichtet. Darüber hinaus sind sie der älteste handfeste Beleg für Hunde in Amerika.

Die Überreste waren zudem ausschlaggebend bei der Klärung einer wichtigen geschichtlichen Frage: Was geschah mit den frühen Hunden Nordamerikas? Vermischten sie sich mit den Hunden, die von den europäischen Siedlern mitgebracht wurden? Welche heutigen Rassen gehen auf sie zurück? Eine zweite Studie, die in „Science“ erschien, suchte mit Hilfe diverser DNA-Analysen moderner und alter Hunde nach Hinweisen, um das Rätsel zu lösen.

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die Hunde der europäischen Siedler die alten nordamerikanischen Hunde im 16. Jahrhundert vollständig verdrängten. Ihre genetischen Spuren finden sich jedoch noch heute, nämlich im Sticker-Sarkom. Dabei handelt es sich um einen infektiösen Tumor der äußeren Geschlechtsorgane – ein Erbe der verdrängten Hunde Nordamerikas.

DIE KNOCHEN IN DER ERDE

Die Hunde von Koster wurden schon in den Siebzigern ausgegraben. Anhand von Radiokarbondatierungen von Holzkohlestücken in der Nähe der Knochen wurden ihr Alter auf 8.500 Jahre geschätzt. Seither wurden weitere Überreste früher amerikanischer Hunde gefunden, die die Präsenz der Tiere auf dem Kontinent für bis zu 9.200 Jahre vor unserer heutigen Zeit bestätigte. Aber durch eine direkte Datierung der Knochen konnten Angela Perri und ihre Kollegen feststellen, dass die Hunde von Koster bereits 10.000 alt sind – und damit die bisher ältesten in ganz Amerika. Perri ist eine Archäozoologin der Durham University und hat an beiden Studien mitgeschrieben.

Allerdings handelt es sich bei den Koster-Hunden nicht um die ältesten Hundebegräbnisse der Welt. Dieser Titel geht an eine 14.000 Jahre alte Stätte in Oberkassel in Deutschland. Dort entdeckte man ein Grab, das sich zwei Menschen und ein geliebter Hund teilten. Allerdings sind die Koster-Hunde der früheste bekannte Fall für hündische Einzelbestattungen.

Die Hunde weisen keine Einschnitte an den Knochen auf, was vermuten lässt, dass sie wohl eher Freund als Futter waren – keine Selbstverständlichkeit für frühe Hunde. Die Art ihrer Bestattung deutet auch darauf hin, dass die Tiere auf gewisse Weise geehrt wurden. An manchen archäologischen Stätten wurden die Hunde „eindeutig in den Müll geworfen“, erklärt Perri, sodass „überall kleine Stückchen Hund verteilt waren“. Die Hunde in den Einzelgräbern wurden vermutlich besonders geschätzt, weil sie geschickte Jäger waren, sagt sie.

Die Entdeckung zeigt, dass „Hunde einen ganz besonderen Platz in diesen Gemeinschaften der Ureinwohner einnahmen“, erzählt Robert Losey von der University of Alberta. Er selbst war an den Studien nicht beteiligt. „Es waren die einzigen Tiere, mit denen die Menschen zusammenlebten, und die einzigen Tiere, die sie begruben.“

HAARIGE GENETIK

Unsere modernen Hunde stammen allesamt vom Wolf ab, aber wann, wo und wie oft die Tiere domestiziert wurden, wird weiterhin debattiert. Die meisten Forscher glauben, dass Hunde vor etwa 16.000 Jahren domestiziert wurden. Kurz darauf begannen die Vierbeiner, mit ihren menschlichen Gefährten die Welt zu bereisen, darunter bis nach Amerika.

Viele Leute glauben, dass vermeintlich „alte“ Rassen wie der Carolina Dog, der Xoloitzcuintle und der Chihuahua von frühen amerikanischen Hunden abstammen.

Die moderne Hunde-DNA ist aber ein komplexes Gemisch, das von Jahrtausenden von Kreuzungen verschiedener Abstammungslinien geprägt ist, wie Perri erklärt. „Moderne Hunde sind ein ziemliches Durcheinander.“

Um die Geschichte nordamerikanischer Hunde ein wenig zu sortieren, begannen die Forscher also, alte Knochenfunde zu analysieren. An dieser Stelle kommen dann die Hunde von Koster ins Spiel.

Um den Ursprung und das Schicksal jener Hunde zu bestimmen, die als erste ihrer Art eine Pfote auf amerikanischen Boden setzten, analysierten Perri und ihre Kollegen 71 mitochondriale Genome (DNA, die von der Mutterhündin an die Welpen vererbt wird) und sieben Genome (aus Zellkern-DNA) alter nordamerikanischer und sibirischer Knochenfunde, darunter auch ein Hund aus Koster. Dann verglichen sie die Ergebnisse mit den Genen von mehr als 5.000 modernen Hunden, darunter auch Dorfhunde und Rassen, die mutmaßlich von alten amerikanischen Hunden abstammten.

Das Resultat lässt vermuten, dass alle amerikanischen Hunde, die es vor dem Kontakt mit europäischen Artgenossen auf dem Kontinent gab, auf denselben sibirischen Vorfahren zurückgehen. Ihre genetische Signatur ist weltweit aber einzigartig. Es scheint außerdem so, dass diese vierbeinigen Reisenden tatsächlich allesamt verschwunden sind und fast vollständig durch eurasische Hunde ersetzt wurden, die im 16. Jahrhundert die Siedler begleiteten.

„Wir haben gedacht, dass sich dort sicherlich Spuren für Einkreuzungen finden würden“, sagt Perri. Aber die Genetik widersprach. Nur fünf der mehr als 5.000 modernen Hunde wiesen überhaupt genetische Spuren der alten amerikanischen Hunde auf. Ein einziger Chihuahua und ein Mischling trugen weniger als zwei Prozent der entsprechenden DNA in sich. Drei Carolina Dogs wurden ebenfalls positiv darauf getestet – einer hatte sogar einen Anteil von bis zu 33 Prozent dieser alten DNA. Bei anderen Exemplaren derselben Rasse fiel der Test hingegen negativ aus.

„Alles, was wir sonst noch getestet haben, was durchgängig eurasischen Ursprunges“, sagt sie. „All die Rassen, die die Leute üblicherweise für typisch amerikanische Hunde halten, sind allesamt eurasische Hunde.“ Wie die alten amerikanischen Hunde eigentlich aussahen, ist Perri zufolge ebenfalls unklar.

Es gibt ein paar Theorien für die Ursache dieses überraschenden Verschwindens. Genau wie ihre zweibeinigen Begleiter könnten europäische Hunde Krankheiten mitgebracht haben, gegen die die alten amerikanischen Hunde nicht immun waren. Wahrscheinlich bevorzugten die europäischen Siedler auch ihre eigenen Rassen. „Es gab ein paar wirklich strenge Regeln darüber, dass man seinem schicken, ‚reinrassigen‘ Hund nicht gestattete, sich mit den nordamerikanischen Hunden zu paaren“, sagt sie. Wenn die Europäer amerikanische Ureinwohner töteten, töteten sie deren Hunde oft gleich mit.

DIE GESCHICHTE AMERIKANISCHER HUNDE

Basierend auf den Analysen der Forscher kann die Geschichte der amerikanischen Hunde in vier Akten erzählt werden.

Die erste menschliche Einwanderungswelle über die Bering-Landbrücke vor 25.000 bis 15.000 Jahren erfolgte wahrscheinlich noch ohne Hundebegleitung. Aber die tierlieben Nachfolger waren den ersten Wegbereitern dicht auf den Fersen und schafften es samt ihren Hunden noch nach Amerika, bevor die Landbrücke vor etwa 11.000 Jahren überschwemmt wurde.

Der zweite Akt spielte sich hoch im Norden ab, wo die Thule-Kultur mit ihren arktischen Hunden noch vor 1.000 Jahren umherzog. Obwohl dieser Teil der Geschichte noch immer etwas vage ist, scheint es laut Perri so, als wären diese Hunde unter sich geblieben. Es gibt keinerlei genetische Anzeichen dafür, dass sie sich mit Artgenossen südlich der heutigen US-amerikanisch-kanadischen Grenze gepaart hätten.

Im Jahr 1492 kamen dann die ersten europäischen Siedler und brachten ihre eurasischen Rassen mit sich. Ihr Erscheinen versetzte der angestammten amerikanischen Population einen vernichtenden Schlag. Der letzte Akt spielte sich während des Goldrauschs im 20. Jahrhundert ab, als zum zweiten Mal Huskys eingeführt wurden. Diese Hunde ähnelten genetisch den Thule-Hunden und stammen Perri zufolge anscheinend von der gleichen sibirischen Hundepopulation ab.

Die Geschichte ist zwar nicht völlig neu, bietet aber im Hinblick auf die genetischen Informationen eine neue Tiefe, die früheren Studien fehlte, sagt Krishna Veeramah. Der Genetiker der Stony Brook University war an den Studien nicht beteiligt. „Nichts davon schien mir unser Verständnis dafür zu verändern“, sagt er. „Aber ich glaube, von einem technischen Standpunkt aus gesehen ist [die Arbeit] wichtig.“ Das hohe Alter der DNA und die große Zahl der Hundegenome, die für die Studie erstellt wurden, bereichern eine wachsende Datenbank für Hunde-DNA, die künftigen Forschern helfen wird, andere große Fragen über hündische Verwandtschaftsverhältnisse zu klären.

EIN UNHEILVOLLES ERBE

Obwohl die ursprünglichen amerikanischen Hunde wohl für immer verloren sind, haben sie ein unheilvolles Erbe in Form der eingangs erwähnten Tumore hinterlassen.

Obwohl sie alles andere als angenehm sind, führen sie für gewöhnlich aber nicht zum Tod der betroffenen Tiere. Jedes Mal, wenn Tumorzellen von einem Hund auf einen anderen übertragen werden (üblicherweise bei der Paarung), nehmen sie eine Kopie ihrer ursprünglichen DNA mit sich. Das bedeutet auch, dass in den heutigen Tumorzellen ein genetischer Abdruck des ersten Hundes vorhanden ist, bei dem sich diese Krankheit entwickelte, erklärt Elaine Ostrander. Die Leiterin der Abteilung für Krebsgenetik und komparative Genomik am National Human Genome Research Institute war an den Studien nicht beteiligt.

Analysen der heutigen Tumore lassen vermuten, dass dieser hündische Indexpatient vor bis zu 8.225 Jahren lebte und wahrscheinlich einer der frühen nordamerikanischen Hunde war. „Das ist die älteste kontinuierlich fortgeführte Zelllinie der Welt, was wirklich ziemlich bemerkenswert ist“, sagt Ostrander. Ihr zufolge könnten die Studienergebnisse Forschern auch dabei helfen, andere Krankheiten zurückzuverfolgen.

“Wir haben in anderen Gruppen nach diesen Spuren alter nordamerikanischer Hunde in modernen Rassen gesucht“, sagt Heidi Parker, eine Wissenschaftlerin des Dog Genome Project vom National Human Genome Research Institute. „Der Gedanke, dass tatsächlich eine [genetische] Signatur dieser ausgestorbenen frühen Hunde Nordamerikas in diesem Tumor erhalten ist, der diese Signatur einfach ewig fortbestehen lässt, ist ziemlich cool.“

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