Fossilfund: Prähistorische Haie fraßen fliegende Reptilien

Der Flügelknochen eines Pteranodon, der vor 83 Millionen Jahren lebte, offenbart das Schicksal des Tieres.Dienstag, 9. Oktober 2018

Ein Pteranodon fällt in dieser Illustration dem Hai Squalicorax kaupi zum Opfer.
Ein Pteranodon fällt in dieser Illustration dem Hai Squalicorax kaupi zum Opfer.
bild Mark Witton

Eine Reihe von Bissspuren auf dem Flügelknochen eines Flugsauriers offenbaren, dass das Tier wahrscheinlich als Mahlzeit mehrerer großer Raubfische endete, darunter auch ein prähistorischer Hai namens Squalicorax

Das 83 Millionen Jahre alte Fossil wurde 2014 in Alabama gefunden und gilt als Teil einer stetig wachsenden Menge an Beweisen, die zeigen, dass diese seltsamen geflügelten Reptilien mitunter als Snack für Dinosaurier, prähistorische Verwandte der Krokodile und große Fische endeten. Schließlich bestanden Flugsaurier nicht nur aus Knochen und ledriger Haut, wie viele vielleicht annehmen. 

„Pterosaurier hatten im Grunde sehr viel Fleisch auf den Knochen“, erklärt Michael Habib, ein Flugsaurier-Experte an der University of Southern California. An dem jüngsten Fund war Habib nicht beteiligt. „Sie waren nicht diese dürren Tiere, als die sie in Film und Kunst oft dargestellt werden. Insbesondere die Flugmuskulatur hat wahrscheinlich eine tolle Mahlzeit abgegeben.“

Der abgenagte Flügelknochen dieses speziellen Flugsauriers, Pteranodon, lässt vermuten, dass er eine Flügelspannweite von viereinhalb Metern hatte. Dennoch wog das Tier vermutlich nur zwischen 30 und 40 Kilogramm. Damit wäre es leichte Beute für große Knochenfische oder einen Squalicorax-Vertreter gewesen. Die ausgestorbenen Haie konnten bis zu viereinhalb Meter lang werden.  

Laut der aktuellen Studie, die im Fachmagazin „Palaios“ erschien, passen die Bissspuren auf den uralten Knochen hervorragend zu den Zahnabständen zweier Fischfossilien: Squalicorax und Saurodon, ein 1,2 bis 1,8 Meter langer Fisch, der an einen Barrakuda erinnert. 

„Dieser [Fund] war ungewöhnlich, da er etwas aufwies, das wir als Bissspuren von zwei unterschiedlichen Tiergruppen interpretierten“, erzählt der Hauptautor Dana Ehret, ein Paläontologe des New Jersey State Museum in Trenton. 

„Das war ein sehr spannender Fund, weil Fraßspuren an Flugsaurierknochen selten sind“, so Habib. 

So viele Haie 

Bei der Aufbereitung des Fossils am University of Alabama Museum war Ehrets Co-Autor und damals noch Student T. Lynn Harrell zunächst besorgt darüber, den Knochen womöglich beschädigt zu haben, als er Kalk von dessen Oberfläche entfernte. Bald wurde aber klar, dass eine Reihe dunklerer, paralleler Einkerbungen von einem Raubtier stammten. 

„Er dachte, ich würde wütend auf ihn sein“, sagt Ehret. „Aber als er [das Fossil] präpariert hat, erkannte er, dass es vier parallele Spuren aufwies, die eine Fraßspur darstellten.“ 

Im Laufe der weiteren Untersuchungen holten die beiden Forscher die Kieferknochen diverser fleischfressender Fische aus der Sammlung des Museums, um sie mit den Spuren zu vergleichen. Sie stellten fest, dass die dunklen Einkerbungen und die leicht gezackten Spuren fast perfekt zu den Zähnen von Saurodon und Squalicorax passten. 

Das Bild zeigt den Flügelknochen des Pteranodon zusammen mit den versteinerten Kieferknochen des alten Knochenfischs Saurodon leanus.
Das Bild zeigt den Flügelknochen des Pteranodon zusammen mit den versteinerten Kieferknochen des alten Knochenfischs Saurodon leanus.
bild Dana Ehret, PALAIOS

Viele Fossilien der späten Kreide, die in Alabama entdeckt wurden, scheinen von Haien angeknabbert worden zu sein – darunter die Knochen von Schildkröten und Dinosauriern, die oft mit „Spuren von Raubtieren übersät“ sind, so Ehret. Damals lag Alabama teilweise in flachem warmen Wasser, das in den Western Interior Seaway mündete. Das gewaltige Flachmeer erstreckte sich einst von Nord nach Süd über Nordamerika und teilte den Kontinent in zwei Hälften. 

Auf Basis des Fossilberichts liegt die Vermutung nahe, dass es in der Region zu jener Zeit vor Haien wimmelte. „Ich habe noch nirgends so viele Haizähne gefunden, und ich habe sie auf der ganzen Welt gesammelt“, sagt Ehret. „Es gab dort einfach so viele verschiedene Haie im Überfluss.“ 

Der Wahrheit auf den Zahn gefühlt

Pteranodon lebte während der späten Kreidezeit in dieser Küstenlandschaft und ernährte sich von kleineren Fischen, die er aus den haiverseuchten Gewässern fing. Pterosaurier konnten zwar schwimmen, hatten dabei aber nicht so viel Auftrieb wie heutige Vögel und saßen daher wahrscheinlich nicht über längere Zeit auf dem Wasser, sagt Habib. Einige Arten wie der Pteranodon tauchten auf Beutefang vermutlich auch ins Wasser ab. 

„Dann konnten sie von der Oberfläche aus schnell wieder abheben. Aber diese tauchenden Pterosaurier waren womöglich anfällig für Haiangriffe, sobald sie sich im Wasser befanden“, sagt er.

Es ist Ehret zufolge durchaus plausibel, dass ein Raubfisch aus dem Wasser sprang, um diesen Pteranodon aus der Luft oder von der Oberfläche zu schnappen, auch wenn man das anhand eines einzigen Knochens kaum mit Sicherheit sagen könne. Es sei auch möglich, dass das Tier in Küstennähe starb und dann aufs Meer getrieben wurde, wo es als Aas gefressen wurde.

Einige Geheimnisse bleiben auch weiterhin ungelöst, weil Flugsaurierknochen mit solchen Fraßspuren relativ selten zu finden sind, erklärt Mark Witton, ein Flugsaurier-Experte der University of Portsmouth im Vereinigten Königreich. Die Tiere hatten zerbrechliche, mit Luft gefüllte Knochen, die durch die Kraft eines Haibisses vermutlich eher gebrochen wären. 

„Der Fossilbericht ist klein, aber er wächst“, sagt Witton, der zusammen mit Habib an einer Studie über einen Pteranodon-Wirbelknochen schreibt, in dem ein Zahn steckt. Dieser stammt von einem noch größeren Hai namens Cretoxyrhina, der bis zu sieben Meter lang wurde. 

Von den mehr als 1.100 bekannten Pteranodon-Exemplaren weisen Wittons Schätzungen zufolge etwa ein halbes Dutzend Spuren von Haibissen auf. Die meisten davon wurden bisher jedoch nicht genauer untersucht. 

Er lobt die jüngste Forschungsarbeit von Ehret und Harrell, weil die beiden äußerst gründliche Arbeit bei der Identifikation der Raubtiere geleistet hätten. „Es ist schön zu wissen, welche Tiere auf diese Weise interagierten.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. 

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