Wissenschaft

Säugetierfossil: Riesiger Fleischfresser war größer als ein Eisbär

Vor etwa 22 Millionen Jahren streifte ein gewaltiger Raubsäuger mit einem Gebiss voller „Messerklingen“ über die Erde.Dienstag, 23. April 2019

Von Catherine Zuckerman
Simbakubwa kutokaafrika war ein riesiger Fleischfresser. Seine Überreste, die aus einem Großteil seines Kiefers und Teilen seines Skeletts und Schädels bestehen, wurden in Kenia gefunden. Das Tier gehörte der ausgestorbenen Gruppe der Hyaenodonta an.

Jahrzehntelang lagen die mysteriösen Fossilien unbeachtet in einer Schublade des Nairobi National Museum in Kenia. Nun endlich hat die Analyse der prähistorischen Überreste ergeben, dass sie zu einem riesigen fleischfressenden Säugetier gehörten, das größer als ein Eisbär war. Die Forscher, die die neue Art im „Journal of Vertebrate Paleontology“ vorstellten, tauften sie auf den Namen Simbakubwa kutokaafrika.

Das mächtige Raubtier streifte vor rund 22 Millionen Jahren über die Erde. Auch wenn Simbakubwa auf Swahili „große Katze“ bedeutet, handelte es sich bei dem Tier nicht um eine Großkatze. Stattdessen ist es der älteste bekannte Vertreter einer Gruppe ausgestorbener Säugetiere namens Hyaenodonta – mit unseren heutigen Hyänen sind sie allerdings nicht verwandt, sondern wurden aufgrund der Ähnlichkeiten im Gebiss nach ihnen benannt.

Die Entdeckung verbindet einige evolutionäre Punkte innerhalb dieser Gruppe großer Fleischfresser, die nahe an der Spitze der Nahrungskette in jenem Ökosystem standen, in dem sich auch die frühen Menschenaffen entwickelten. Mit Hilfe der fossilen Überreste könnten die Wissenschaftler vielleicht auch besser verstehen, warum diese Spitzenräuber ausstarben.

Der Fund sei „eine gute Chance für uns, diese weniger bekannten Fleischfresser ans Licht zu bringen“, sagt Jack Tseng, ein Evolutionsbiologe und Wirbeltierpaläontologe der University of Buffalo, der an der Studie nicht beteiligt war. Noch bevor sich die Vorfahren moderner Fleischfresser wie Löwen, Hyänen und Wölfe, die wir so gut kennen, entwickelt haben, dominierten diese Hyaenodonta im Grunde die globale Raubtierszene.“

Ein Gebiss voller Messerklingen

Der Paläontologe Matthew Borths forschte 2013 für seine Dissertation über Hyaenodonta am Museum in Nairobi und fragte einen Kurator, ob er die Exemplare in der Museumssammlung begutachten dürfte. Dort entdeckte er das ungewöhnliche Fossil in einem Schrank, der zur Sammlung „Hyänen“ gehörte.

Ein moderner Löwenkopf (oben) neben dem Kieferknochen des 22 Millionen Jahre alten Fleischfressers Simbakubwa kutokaafrika.

Die Fossilien wurden zwischen 1978 und 1980 an der Grabungsstelle Meswa Bridge im Westen Kenias ausgegraben. Borths kontaktierte daraufhin die von National Geographic geförderte Paläontologin Nancy Stevens von der University of Ohio. Sie hatte in Tansania eine wichtige Fossilfundstätte entdeckt, die nur ein paar Millionen älter war. Wie sich herausstellte, hatte Stevens genau dieselbe Schublade geöffnet, als sie in Nairobi gearbeitet hatte, und sich über deren Inhalt gewundert.

Später lud sie Borths dazu ein, als Forscher in ihrem Labor zu arbeiten. Zusammen kehrten die beiden 2017 ins Nairobi National Museum zurück und begannen damit, die dortigen Fossilien zu analysieren und zu beschreiben. Von dem mysteriösen Exemplar waren der Großteil des Kiefers sowie Teile des Skeletts, des Schädels und der Zähne erhalten.

Fleischfresser stechen besonders durch ihre mächtigen Fangzähne hervor, mit denen sie ihre Beute packen, aber auch ihre Backenzähne sind von großer Bedeutung.

Eine Illustration zeigt das Größenverhältnis von Simbakubwa kutokaafrika und einem modernen Menschen.

„Im hinteren Teil der Schnauze wird das Fleisch durchtrennt“, so Borths. Alle heutigen Fleischfresser – darunter Katzen, Hunde, Waschbären, Wölfe und Bären – besitzen ein Paar solcher Reißzähne. Hyaenodonta hatten drei Paare.

„Dieses Tier hatte eine Menge Messerklingen“, sagt Borths.

Diese Zähne waren es, die es dem Duo ermöglichten, sich ein vollständigeres Bild der ausgestorbenen Art zu machen. Ohne gut erhaltene Zähne „ist das so, als hätte man Teile von verschiedenen Seiten eines Puzzles, aber nichts, um dazwischen eine Verbindung herzustellen“, erklärt er.

Simbakubwa „vereint in sich den Wissensgewinn aus den Zähnen, ein paar Informationen aus dem Schädel und ein paar Infos aus dem Skelett und trägt so dazu bei, das ganze Material, das es bislang gibt, unter einen Hut zu bringen. Es hilft wirklich dabei, diese ganze Gruppe riesiger Fleischfresser zu kontextualisieren“, sagt er.

„Das ist definitiv eine beeindruckende wissenschaftliche Arbeit“, findet auch Tseng. „Jedes Mal, wenn wir Überreste von etwas so Großem in der Fauna und dem ökologischen Nahrungsnetz finden, lässt uns das überdenken, wie genau sich die Interaktionen zwischen Jäger und Beute gestaltet haben.“

Anpassen oder sterben

Eines der Ziele der Forschungsarbeit, die teilweise von der National Geographic Society gefördert wurde, bestand darin, Simbakubwa in seinem Familienstammbaum zu verorten, erzählt Borths.

„Sobald man weiß, in welcher Beziehung die Tiere zueinander standen, kann man zum Beispiel damit anfangen abzuschätzen, wie groß der gemeinsame Vorfahre dieser Tiere vielleicht war oder wie die Welt ausgesehen haben könnte, als dieser theoretische gemeinsame Vorfahre gelebt hat“, erklärt er. „Man kann ein bisschen mit den Daten experimentieren, um herauszufinden, wie diese großen evolutionären Veränderungen zu anderen Veränderungen passen, beispielsweise zu klimatischen Veränderungen oder der Kontinentaldrift.“

Als Afrika und Eurasien sich vor 20 Millionen Jahren aneinander annäherten, begannen sich die Tierwelten der beiden Kontinente zu vermischen, was für allerlei Chaos sorgte, wie Borths sagt. Als sich die Kontinente weiter verschoben und der Ostafrikanische Grabenbruch entstand, veränderten sich auch die Meeresströmungen.

„All diese verschiedenen Puzzleteile sind faszinierende natürliche Experimente zur Anpassungsfähigkeit verschiedener Gruppen“, so Borths.

Obwohl Simbakubwa enorm groß war und wohl kaum Fressfeinde hatte, überlebte er nicht. Auch seine Verwandten waren zum Ende des Miozäns vor grob fünf Millionen Jahre allesamt ausgestorben. Aber warum?

Das Tier „war nicht auf Misserfolg ausgelegt“, sagt Borths. Es hat noch lange Zeit überlebt, nachdem die Hyaenodonta sich in Afrika entwickelt und über Asien und Europa verbreitet hatten. Allerdings bestand seine Nahrung zu mehr als 70 Prozent aus Fleisch, weshalb das riesige Raubtier wahrscheinlich raschen Veränderungen seiner Umwelt zum Opfer fiel.

Heutige Raubtiere wie Löwen, Hyänen, Tiger und Wölfe, die sich ebenfalls fast nur von Fleisch ernähren „zählen zu den am stärksten bedrohten Säugetieren des Planeten. Teils liegt das daran, dass sie so empfindlich auf Störungen ihrer Umwelt reagieren“, erklärt Borths. Da die Populationen solcher Fleischfresser im Vergleich zu denen anderer Organismen so klein ist, leiden sie am meisten, wenn die Nahrungskette beginnt zusammenzubrechen.

„Irgendwas hat [Simbakubwa] den Rest gegeben“, sagt er. „Die Veränderungen gingen zu schnell, die Beutearten haben sich nicht schnell genug erholt und diese [Fleischfresser] starben letztendlich aus.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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