Wissenschaft

Zwischen Römern und Germanen: Das Gesicht eines Schweizers

Adelasius Elbachus lebte vor rund 1.300 Jahren in der Schweiz und fiel bei der Rekonstruktion durch ein eher ungewöhnliches Merkmal auf.Thursday, May 16, 2019

Von Kristin Romey
Adelasius Elbachus lebte vor rund 1.300 Jahren in der nördlichen Schweiz. Als er starb, war er wohl zwischen 19 und 22 Jahren alt.

Adelasius Elbachus hatte einen ziemlich lateinischen Namen für einen Mann, der Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches in der Schweiz lebte. Der Name war durchaus bewusst gewählt, erklärt Mirjam Wullschleger vom Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Schweizer Kantons Solothurn. Zu seinen Lebzeiten um das Jahr 700 herum zogen germanische Bevölkerungsgruppen ins Schweizer Mittelland im Norden des Landes. Mit ihrer Ankunft veränderten die Alemannen die Sprache und Kultur in diesem Überbleibsel des Römischen Reichs.

Adelasius’ Name und das meiste, was wir über ihn zu wissen glauben, sind jedoch reine Spekulation. Sein Gesicht wurde anhand eines Skeletts rekonstruiert, das 2014 entdeckt wurde. Es lag in einem von insgesamt 47 frühmittelalterlichen Gräbern, die vor Bauarbeiten in der Gemeinde Grenchen im Norden der Schweiz ausgegraben wurden. Er hatte ein Begräbnis im römischen Stil erhalten – sein Grab war mit Steinen umrandet und seine Füße zeigten nach Norden.

Anhand seiner Überreste stellten die Forscher fest, dass Adelasius zwischen 19 und 22 Jahre alt und circa 1,67 Meter groß gewesen sein muss. Er litt an einer chronischen Knochenmarksentzündung und Vitaminmangel, die zusammen wahrscheinlich zu seinem vorzeitigen Tod geführt haben. Sein steinbesetztes Grab könnte auf einen höheren sozialen Status im Vergleich zu anderen damaligen Bewohnern der Siedlung hinweisen.

Adelasius wurde in einem Grab bestattet, das von Steinen begrenzt wurde, was ein Hinweis auf seinen möglicherweise hohen Status sein könnte.

Als der Archäologe und Gesichtsrekonstrukteur Oscar Nilsson mit der Wiederherstellung von Adelasius’ Gesicht beauftragt wurde, war er nicht nur von der Qualität des 3D-gedruckten Schädels beeindruckt, mit dem er arbeiten sollte, sondern auch von den Zähnen des jungen Mannes.

„Ich habe noch nie so perfekte und gleichmäßige Zähne gesehen“, sagt Nilsson, der schon an diversen Rekonstruktionen gearbeitet hat, die bis in die Altsteinzeit zurückreichen. „Das ist für mich kein gewöhnlicher Fall. Oft muss ich mit der Rekonstruktion der Zähne beginnen, indem ich mir deren Umgebung ansehe.“

Nilsson wusste sofort, dass er Adelasius’ Zähne betonen wollte. Daher beschloss er, dem rekonstruierten Gesicht ein Lächeln zu geben – eine Entscheidung, die er mit Bedacht fällte.

Der Schädel des Skeletts wurde eingescannt und dann mit einem 3D-Drucker repliziert. Diese Kopie bildete die Basis für die Gesichtsrekonstruktion. Adelasius hatte ungewöhnlich gute Zähne für diese Zeit.

Wenn man an Gesichtsrekonstruktionen arbeitet – insbesondere für Polizeibehörden –, ist es eigentlich nicht ratsam, der Person ein Lächeln zu verpassen, wie Nilsson erklärt. Das lenke vom physischen Gesamteindruck der Rekonstruktion ab, wie er erklärt, und führe „zu der unterbewussten Annahme, dass die Person fröhlich ist.“

„Ich will keine Persönlichkeit darstellen, über die ich gar nicht weiß“, sagt er. „Aber gleichzeitig muss ich auch ein Gesicht erschaffen, das den Eindruck erweckt, dass die Person einst gelebt hat und eine Seele besitzt.“

Nilsson hat schon an Individuen aus vielen verschiedenen Regionen und Zeitaltern gearbeitet, aber die frühmittelalterliche Schweiz war für ihn eine Premiere. „Die ist ziemlich spannend und noch zu wenig erforscht. Ich hoffe, dass ich ein wenig Licht ins Dunkel dieses Teils der Geschichte bringen kann.“

Adelasius wird noch bis Anfang Juni im Kultur-Historischen Museum Grenchen ausgestellt. Im November zieht er dann in eine Dauerausstellung des Archäologischen Museums Kanton Solothurn in Olten um.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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