Geschichte und Kultur

Uralte Gesichter zeigen 40.000 Jahre europäischer Abstammung

Die Identitätsfrage ist in Großbritannien durch den Brexit mehr denn je Thema – eine Ausstellung zeigt die lange gemeinsame Geschichte mit dem Kontinent. Dienstag, 26 Februar

Von Kristin Romey

Letztes Jahr machte die dunkelhäutige, blauäugige Gesichtsrekonstruktion des Cheddar Man internationale Schlagzeilen. Der 10.000 Jahre alte Einwohner Großbritanniens löste eine Diskussion über die Identitätsfrage einer Nation aus, die mit dem Brexit und Fragen der Migration zu kämpfen hat.

Eine neue Ausstellung enthüllte nun die Gesichter von sieben weiteren uralten „Einheimischen“ von der Südküste Englands. Die Wissenschaft zeigt, dass die Geschichte der Region noch deutlich komplexer ist, als man angenommen hatte.

Die sieben Gesichter wurden aus archäologischen Funden rekonstruiert, die einen Zeitabschnitt von etwa 40.000 Jahren abdecken, und vom Brighton Museum & Art Gallery ausgestellt.

Fünf der sieben Personen sind echte „Einheimische“: Ihre Schädel wurden rund um Brighton im südöstlichen County Sussex ausgegraben und mit forensischen Methoden rekonstruiert. Der jüngste Vertreter ist ein Mann in seinen Vierzigern, der in den 1980ern während Bauarbeiten entdeckt wurde. Er stammt aus der angelsächsischen Periode, als England gerade erstmals unter einem König geeint wurde, erklärt Richard Le Saux, der Chefkurator des Museums.

Die ältesten Exemplare unter den sieben Rekonstruktionen sind eine Neandertalerin und ein moderner Homo sapiens. Ihre Gesichtsrekonstruktionen basieren auf Überresten, die anderenorts in Europa gefunden wurden. Aber Artefakte, die in der Gegend rund um Brighton entdeckt wurden, zeigen, dass sowohl Menschen als auch Neandertaler dort vor etwa 40.000 Jahren lebten.

Zum Leben erweckt

Die Briten der Vergangenheit wurden im Laufe von 14 Monaten von Oscar Nilsson wieder zum Leben erweckt. Der Archäologe und Bildhauer hat bereits andere Gesichter aus der Geschichte rekonstruiert, darunter das einer peruanischen Adeligen, die vor 1.200 Jahren lebte, und eines 9.000 Jahre alten Teenagers aus Griechenland. Nilssons forensische Methode beginnt stets mit einer genauen 3D-Replik des Originalschädels. Dieser wird gescannt, 3D-gedruckt und dann per Hand modelliert, um die Knochenstruktur und Gewebedicke anhand der Herkunft, des Geschlechts und des geschätzten Alters zu formen.

Aktuelle Genomstudien zu alten europäischen Populationen ermöglichen es Nilsson außerdem, seine Rekonstruktionen mit einigermaßen akkuraten Haut-, Augen- und Haarfarben auszustatten. Die neolithische Population, der die Whitehawk Woman angehörte, hatte beispielsweise hellere Haut und dunklere Augen als frühere Einwohner der britischen Inseln wie der Cheddar Man. Allerdings war ihre Haut dunkler als die des Ditchling Road Man, der vor 4.400 Jahren mit der ersten Welle hellhäutiger und helläugiger Einwanderer der Glockenbecherkultur vom europäischen Kontinent kam.

Da das Ende der Brexit-Verhandlungen mit großen Schritten näherkommt, werden die uralten Brightoner vielleicht auch neue Diskussionen um die früheren Bewohner der Region auslösen – und um die kulturellen Verbindungen zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent, wie Le Saux sagt.

„Eine der Geschichten, die wir vermitteln, ist, wie oft wir schon eine Verbindung zu Europa hatten, wie stark unsere Geschichte von einer Reihe von Migrationsbewegungen geprägt wurde, die es in jeder Periode gab“, erklärt er. Großbritannien sei im Laufe der Zeit sogar mehrfach physisch mit dem Kontinent verbunden gewesen, zuletzt vor nur 8.000 Jahren.

Individuelle Geschichten

Was die alten Briten in der Ausstellung so spannend macht, sei Nilsson zufolge vor allem ihr Leben gewesen, in das uns die Wissenschaft einige Einblicke gibt. „Ich habe schon mit so vielen Schädeln gearbeitet, aber diese hier waren bislang die mit dem meisten Charakter. Die Gesichter, die daraus entstanden, wurden alle so individuell.“

Die Whitehawk Woman fällt besonders durch die ungewöhnlichen Umstände ihres Lebens und Todes auf: Studien ihrer Überreste zeigten, dass sie vor mehr als 5.000 Jahren an der Grenze zum heutigen Wales geboren wurde. Im Laufe ihres Lebens siedelte sie ins mehrere hundert Kilometer östlich gelegene Sussex um und wurde mitsamt einigen Glücksbringern am Eingang zu einer neolithischen Zeremonialstätte begraben.

Die Überreste eines Fötus in ihrem Beckenbereich deuten darauf hin, dass sie während der Geburt verstarb – eine Erkenntnis, die auch Nilssons künstlerische Darstellung der Frau prägte.

„Ich wollte, dass sie ein bisschen neugierig aussieht, als würde sie über die Zukunft nachdenken. Ich glaube, wenn man sie sieht, sieht man sie in jenen Momenten, bevor sie ihr Kind gebiert, das vermutlich zu ihrem Tod führte“, erklärt Nilsson.

Der etwas prahlerische, 2.300 Jahre alte Slonk Hill Man stellte Nilsson vor ganz andere Probleme. Seiner Knochenstruktur nach war der Mann aus der Eisenzeit in seinen Zwanzigern „wahrscheinlich recht gutaussehend“, was manchmal dazu führen kann, dass die Rekonstruktion wie eine Schaufensterpuppe aussieht, erklärt der Bildhauer. Der Schädel hatte außerdem eine ausgeprägte Stelle, an der die beiden Brauen zusammenlaufen. Dadurch hatte der Slonk Hill Man womöglich einen etwas gemeinen Gesichtsausdruck. „Es war schwer, ihn lächeln zu lassen, ohne dass er gruselig aussieht“, so Nilsson.

Der Stafford Road Man brachte eine andere Herausforderung mit sich, in deren Angesicht Nilsson seine künstlerische Freiheit walten ließ. Der Angelsachse starb wahrscheinlich aufgrund eines großes Abszesses im Gesicht. Die Infektion war gegen Ende vermutlich in beinahe schon groteskem Maße angeschwollen, aber Nilsson entschied sich dafür, sie nicht so übertrieben darzustellen. „Ich wollte ihn mit einer gewissen Würde abbilden und eine Verbindung zwischen ihm und dem Museumsbesucher ermöglichen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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