Kann Medizin ohne Plastik auskommen?

Wegwerfplastik ist in Krankenhäusern allgegenwärtig. Umweltschützer suchen nun nach Möglichkeiten, wie das Gesundheitswesen mit weniger Müllproduktion auskommen kann.Montag, 7. Oktober 2019

Im Restaurant den Strohhalm wegzulassen ist denkbar einfach. Deutlich schwieriger gestaltet es sich jedoch, Plastik zu reduzieren, während man in Narkose auf einem OP-Tisch liegt. Wegwerfplastik steht mehr denn je in der Kritik und die Medizinindustrie ist wohl einer der Bereiche, in denen der Konsument das wenigste Mitspracherecht hat.

Practice Greenhealth, eine gemeinnützige Organisation, die bestrebt ist, nachhaltigere Lösungen für Krankenhausabläufe zu finden, geht davon aus, dass rund 25 Prozent des anfallenden Abfalls in Krankenhäusern aus Plastik besteht. Eine Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass allein bei einer Hysterektomie bis zu zehn Kilo Müll anfallen können und der Großteil dabei aus Plastik besteht.

Einwegplastik ist für viele Krankenhäuser die naheliegende Option – günstig, haltbar und leicht zu entsorgen. Jeder Gegenstand aus frisch geöffneten Plastikbehältern kommt aus einer sterilen Umgebung. Deswegen kommen so ziemlich alle verwendeten Materialien in einer Klinik aus der sprichwörtlichen Plastiktüte.

Wissen kompakt: Plastik
Schon früh in der Menschheitsgeschichte kamen Biopolymere zum Einsatz. Heutzutage wird Kunststoff fast ausschließlich aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Erfahrt, wie genau Plastik produziert wird und was wir tun können, um die schädlichen Auswirkungen von Kunststoffen auf unseren Planeten und unser Leben zu verringern.

Plastik hat im vergangenen Jahrhundert die Medizin unbestreitbar revolutioniert, doch nun steht vor allem seine Entsorgung auf dem Prüfstand. Es kann leicht ins Meer gelangen, wo es in winzige Partikel zerfällt, sogenanntes Mikroplastik, dessen Auswirkung auf unsere Gesundheit bislang noch nicht abzusehen ist.

Und die fossilen Brennstoffe, die zur Herstellung des Plastiks benötigt werden, belasten Luft und Wasser.

Medizinische Versorgungseinrichtungen warnen zunehmend davor, dass der übermäßige Einsatz von Plastik mit dem Hippokratischen Eid kollidieren könnteDoch ist es in Umgebungen, in denen Blut und Krankheitserreger an der Tagesordnung sind, überhaupt möglich, auf Plastik zu verzichten?

Frisches, sauberes Plastik

„Plastik bietet viele Vorteile für biomedizinischen Bereich, es ist günstig und einfach zu verarbeiten und zu desinfizieren“, sagt Bridgette Budhlall, eine Ingenieurin an der University of Massachusetts Lowell. Sie weist außerdem darauf hin, dass Plastik sogar mit speziellen Beschichtungen versehen werden kann, die extrem widerstandsfähig gegen Mikroben sind.

In einem Informationsblatt des American Chemistry Council, einer Handelsgruppe für Plastik, ist zu lesen: „Einwegplastik ist die sauberste und effizienteste Lösung“, um Hygiene in Kliniken zu gewährleisten.

Doch diejenigen, die daran arbeiten, die Abläufe in Krankenhäusern nachhaltiger zu gestalten, argumentieren dagegen, dass Plastik viel zu oft eingesetzt wird.

In einer Befragung von 332 Krankenhäusern, die noch nicht veröffentlicht wurde, nahm Practice Greenhealth die gängigsten Einwegplastikgegenstände in OP-Sälen unter die Lupe, die erfolgreich durch wiederverwendbare Materialien ersetzt wurden. So könnten beispielweise Nierenschalen und OP-Tücher wiederverwendet werden, was die Abfallproduktion um mehrere Tonnen pro Jahr senken würde. Abhängig davon, wo Plastik eingespart wird, könnten die Kliniken damit auch jedes Jahr viel Geld sparen, sagt Practice Greenhealth.

Recyclingalbtraum

„Solange China sich darum gekümmert hat, hat es eine Weile ganz gut funktioniert“, meint Janet Howard, leitende Projektkoordinatorin bei Practice Greenhealth, zum Thema medizinischer Plastikmüll. Die Recyclingbemühungen der Kliniken sieht sie inzwischen als „wieder rückschrittlich“.

2018 kündigte China an, dass sie sich nicht länger um die zwei Drittel des weltweiten Abfallaufkommens kümmern werden, die sie bislang übernommen hatten. Das lässt vor allem in den USA den Verwertungseinrichtungen wenig mehr Möglichkeiten, als Müll mitsamt dem Plastik in Müllkippen oder Verbrennungsanlagen zu entsorgen. Bei der Verbrennung von (unter anderem) PVC können jedoch leicht giftige Chemikalien entstehen.

„Auch heutzutage werden aus den verschiedensten Gründen bestimmte Plastikarten entsorgt, anstatt sie vorher für ihre Rückgewinnung zu sorgen“, gibt Kim Holmes an, die als Vizepräsidentin für Nachhaltigkeit bei der Plastics Industry Association tätig ist.

„Es gibt bei der Versorgung von Patienten Materialien und Gegenstände, die gar nicht mit dem Patienten in Kontakt kommen, bei denen also auch keine biologische Gefährdung vorliegt und die könnten recycled werden“, fügt sie hinzu und bezieht sich dabei auf beispielsweise Verpackungen und Lagerbehältnisse.

Krankenhäusern in den USA, die versuchen, ihren Müll fürs Recycling zu trennen, fällt es oft schwer, einen entsprechenden Verwertungspartner zu finden, sagt Holmes, da bei ihnen oft nicht genug recyclebarer Müll anfällt, um die Zusammenarbeit lukrativ zu machen. Effizienter gestaltet sich das Ganze, wenn der Abfall von verschiedenen Stellen gemeinsam gesammelt wird. Der Healthcare Plastics Recycling Council bietet Kliniken einen Leitfaden, wenn sie sich dem Recyclingnetzwerk anschließen wollen.

Der Ekelfaktor

Eine der häufigsten Müllquellen, die bei Operationen in den USA anfallen, sind die Tücher aus Polypropylen, die zum Abdecken der sterilen Instrumente verwendet werden. Sie werden vor der Operation abgenommen und weggeworfen. Damit wird laut Howard zwar der „Ekelfaktor“ beseitigt, aber eben auch ein kleines Häufchen Müll erzeugt.

„Es ist wie an Heiligabend, wenn ein Berg von Geschenkpapier auf dem Boden liegt“, sagt sie. „Das ist dieses Abdecktuch im OP-Saal jeden Tag.“

Sie berichtet, dass einige Kliniken Versuche gestartet haben, die Einwegtücher durch wiederverwendbare Sterilisationsbehälter zu ersetzen, die ebenso gereinigt werden können, wie die Instrumente, die in ihnen transportiert werden.

Ein weiteres, wichtiges Utensil in medizinischen Einrichtungen sind die Sterilisationsbeutel: kleine Beutel, die sterile Instrumente keimfrei halten.

Eine nachhaltigere Variante wurde von den Zahnarztbrüdern David und James Stoddard entwickelt, die sicherstellen wollten, dass ihre Instrumente frei von Krankheitserregern waren. Daraus entstanden sind kleine Beutel aus dicht gewebtem Material, in dem sie ihr sterilisiertes Zahnarztbesteck aufbewahrten. Sie gründeten ihr Unternehmen EnviroPouch 1993 und wurden 2001 von Barbara Knight aufgekauft.

In den USA gibt es strenge Richtlinien des Centers for Disease Control (CDC) zur Reinigung von medizinischen Instrumenten und die Beutel, in denen sie verwahrt werden, müssen bei der Gesundheitsbehörde FDA registriert werden, was auf EnviroPouch zutrifft.

Knight erklärt, dass ihr Produkt wesentlich effizienter sei als die Plastikbeutel, da es deutlich widerstandsfähiger bei scharfen Instrumenten sei. Jeder Beutel spart die Verwendung von rund 200 Einwegbeuteln.

„Die Gewebestruktur machen scharfen Instrumenten [wie beispielsweise einem Skalpell] das Leben schwer“, meint sie und verweist damit auf die nur dünne Beschichtung in den Plastikbeuteln.

Knight gibt an, dass die Zahnärzte, die den Beutel entwickelt haben, durch die Geschichte von Kimberly Ann Bergalis inspiriert wurden, einer Frau, die 1991 starb. Sie war eine von sechs amerikanischen Patienten, die beim Zahnarztbesuch mit HIV infiziert worden waren.

Dieser Angst vor der Ausbreitung von HIV schreibt Gary Cohen, Präsident von Practice Greenhealth und der ebenfalls gemeinnützigen Organisation Health Care Without Harm, den breiten Vorstoß der Industrie in Richtung Einwegplastik zu.

„Es war einer der Motoren für die vermehrte Nutzung von Einwegprodukten und ausufernde Verpackungen im Gesundheitswesen, weil alle sich so große Sorgen über die Ausbreitung machten“, sagt Cohen über die Paranoia während der AIDS-Krise. „Es war eine Überreaktion.“

Plastik wird nicht nur häufig verwendet, fügt Cohen hinzu, bestimmte Arten wie Polyvinylchlorid (PVC) können sogar giftige Stoffe enthalten. Eine Studie in den USA fand 2016 heraus, dass junge Patienten, die während einer intensivmedizinischen Versorgung DEHP – einem gebräuchlichen Weichmacher in PVC – ausgesetzt waren, später im Leben Anzeichen von neurokognitiven Beeinträchtigungen zeigten.

Auf ihrer Website proklamiert die Plastics Industry Association jedoch weiterhin, dass PVC wegen seiner keimresistenten Eigenschaften und der einfachen Desinfizierbarkeit ein effizientes Material sei.

Ein Blick in die Zukunft

Die gemeinnützige Umweltorganisation Health Care Without Harm geht davon aus, dass die Gesundheitsindustrie für gut vier Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist, von denen der Großteil durch das Durchlaufen von Heizungen bzw. Klimaanlagen entsteht.

Viele Kliniken stellen inzwischen Beauftragte für nachhaltigere Konzepte ein, doch „null Müll“ wird es hier wohl nie geben, meint Howard, da „es immer auch mit Krankheitserregern kontaminierte Materialen geben wird“, deren Gefahr minimiert werden muss.

Sie stellt jedoch auch fest, dass Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen dennoch ihren Plastikmüll reduzieren müssen, um umweltfreundlicher zu werden. Anders als Kohlenstoffemissionen ist Plastik etwas, das jedem ins Auge sticht und Patienten und Ärzte haben gleichermaßen ein Interesse an einem reduzierten Verbrauch.

„Wir müssen das als großes Ganzes sehen. ‚Was bedeutet Gesundheit und wie wollen wir das erreichen?‘“, erklärt sie. „Wir müssen uns gesund ernähren, wieder zur Natur, und das bringt uns zurück zu den Krankenhäusern als Förderer von Gesundheit.“

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Nicht als Umweltverschmutzer, fügt sie hinzu.
 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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