Wir verzehren jedes Jahr Zehntausende Mikroplastik-Partikel

Luft, Wasser, Nahrungsmittel – sie alle sind voller Mikroplastik. Was das für unsere Gesundheit bedeutet, ist derzeit noch unklar.Montag, 24. Juni 2019

In der Lebensmittelindustrie ist Plastik allgegenwärtig. Diese Bananen auf einer Plantage in Kamerun werden mit Plastiksäcken vor Verfärbungen geschützt.
In der Lebensmittelindustrie ist Plastik allgegenwärtig. Diese Bananen auf einer Plantage in Kamerun werden mit Plastiksäcken vor Verfärbungen geschützt.
bild Universal Images Group, Getty Images

Mikroplastik ist allgegenwärtig. Es liegt am Grund des Meeres, vermischt sich mit dem Sand an Stränden und wird vom Wind über die Welt getragen. Es findet seinen Weg aber auch in unsere Körper.

Im vergangenen Oktober wurde Mikroplastik in Stuhlproben von acht Teilnehmern einer Pilotstudie gefunden, die untersuchte, wie viel Mikroplastik Menschen unbewusst zu sich nehmen.

Eine weitere Studie, die in „Environmental Science and Technology“ erschien, zeigte nun, dass Menschen jedes Jahr zwischen 39.000 und 52.000 Mikroplastikteilchen konsumieren könnten. Wenn Schätzungen zu den eventuell eingeatmeten Mikroplastikteilchen hinzuaddiert werden, steigt die Zahl sogar auf mehr als 74.000.

(Mikroplastik verbreitet sich auch über die Luft.)

Wie gelangten die Forscher zu dieser Schätzung?

Als Mikroplastik werden alle Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Ein Großteil der Teilchen ist aber deutlich kleiner und nur noch unter dem Mikroskop erkennbar.

Im Rahmen ihrer Studie durchkämmten Forscher andere wissenschaftliche Arbeiten, die Mikroplastik in Bier, Salz, Meeresfrüchten, Zucker und Alkohol nachgewiesen haben. Um zu errechnen, welche Mengen dieser Produkte ein durchschnittlicher US-Bürger im Jahr zu sich nimmt, orientierten sich die Forscher an den Ernährungsempfehlungen des US-Landwirtschaftsministeriums.

Darüber hinaus bezog das Team auch Studien mit ein, welche die Plastikmenge im Trinkwasser und in der Luft untersuchten. Menschen, die ihren Flüssigkeitsbedarf mit Leitungswasser decken, nahmen zusätzlich 4.000 Mikroplastikpartikel pro Jahr auf. Im Falle von Wasser aus Plastikflaschen waren es hingegen 90.000 Partikel, wie es in der Studie hieß.

Galerie: Fotos von Tieren in einem Meer voller Plastik

Der Studienautor Kieran Cox geht davon aus, dass es sich bei seinen Zahlen noch um zu niedrige Schätzwerte handelt und dass man im Durchschnitt viel mehr Mikroplastik zu sich nimmt.

„Viele Produkte, die wir untersucht haben, isst man roh. Wir haben uns noch gar nicht mit den zahlreichen Schichten an Plastikverpackung befasst“, erklärt er. „Ich vermute, dass wir noch viel mehr Plastik zu uns nehmen, als uns derzeit klar ist.“

Eine Studie, die 2018 in „Environmental Pollution“ erschien, kam sogar zu dem Schluss, dass über den in der Luft schwebenden Staub viel eher Plastikpartikel in unseren Körper gelangen als durch Meeresfrüchte.

Welche gesundheitlichen Folgen hat das?

Was geschieht mit dem Plastik, wenn es in unseren Körper gelangt? Dringt es in unseren Blutkreislauf ein? Sammelt es sich in unserem Magen? Oder durchläuft es einfach den Verdauungsapparat, ohne Schaden anzurichten?

Derzeit sind sich Forscher noch nicht im Klaren darüber, wie viel Mikroplastik der menschliche Körper tolerieren kann und wie viel Schaden die Stoffe anrichten. In einer Studie des King’s College London hieß es 2017, dass der kumulative Effekt des eingenommenen Plastiks mit der Zeit toxisch sein könnte. Dabei weisen die unterschiedlichen Arten von Plastik eine unterschiedliche Toxizität auf.

Manche Kunststoffe werden mit toxischen Chemikalien wie Chlor hergestellt, während andere im Laufe ihrer Existenz Spuren von Giften wie Blei aus der Umwelt aufnehmen. Wenn sich solche Giftstoffe im Körper sammeln, könnten sie sich im Laufe der Zeit auf das Immunsystem auswirken.

Als Forscher der Johns Hopkins University die Auswirkungen des Verzehrs von Meeresfrüchten untersuchten, die mit Mikroplastik kontaminiert waren, entdeckten auch sie, dass die Kunststoffe das Immunsystem schädigen und das Darmgleichgewicht angreifen können.

Cox zufolge versuchen Forscher derzeit herauszufinden, ab welcher Dosis Mikroplastik spürbare gesundheitliche Folgen haben kann. Genau wie im Fall von Luftverschmutzung oder schädlichen Baustoffen könnten vor allem jene Menschen am stärksten betroffen sein, die bereits an Vorerkrankungen leiden oder besonders viel Mikroplastik ausgesetzt sind.

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Die Ökotoxologin Leah Bendell der Simon Fraser University in Kanada erklärt, dass Cox’ Studie ein komplexes Problem mit vielen Variablen auf eine eher simple Wese zu erfassen versucht, „aber die Schlussfolgerung, dass wir viel Mikroplastik zu uns nehmen, ist durchaus gerechtfertigt, denke ich“.

Ihr zufolge sei es vor allem wichtig, nicht zu vergessen, dass Mikroplastik in vielerlei Gestalt daherkommt, von Bruchstücken über Pellets und Perlen bis zu Folien und Fasern. Die Fragmente können aus verschiedenen Materialien mit hunderten unterschiedlichen chemischen Zusatzstoffen bestehen. Aus diesem Grund sagt sie oft, dass Mikroplastik „multiple Persönlichkeiten“ hat. In einigen könnten toxische Chemikalien enthalten sein, während andere geeignete Überträger für Bakterien und Parasiten sind.

Eine plastikfreie Ernährung?

Menschen nehmen Mikroplastik aus verschiedenen Quellen auf. Wir verzehren die Partikel, wenn wir Meeresfrüchte essen, wir atmen sie über die Luft ein und wir essen Lebensmittel, an denen winzige Reste ihrer Plastikverpackung haften.

Aus diesem Grund sei es schwierig, „wenn nicht gar unmöglich“, Plastik völlig zu vermeiden, sagt Cox.

Allerdings könne man durch bestimmte Verhaltensweisen die Menge an verzehrtem Mikroplastik reduzieren, wie er erklärt. So könne man beispielsweise Leitungswasser statt Wasser aus Plastikflaschen trinken.

In allen Studien, welche die Forscher für ihr eigenes Projekt untersuchten, waren Mikrofasern der am häufigsten auftretende Typ von Mikroplastik. Sie stammen hauptsächlich aus Textilien wie Nylon und Polyester. Wenn solche Stoffe gewaschen werden, gelangen die Fasern über das Abwasser der Waschmaschine in die Umwelt.

(Ein neu entwickelter Beutel soll verhindern, dass Mikroplastik beim Waschen in unsere Ökosysteme gelangt.)

Den zweiten Platz belegten Fragmente aus Kunststoffen, die zur Herstellung von Tüten und Strohhalmen verwendet werden.

Cox hofft, dass seine Forschung auf die Ausmaße des Plastikproblems aufmerksam macht, die weit über die Meeresökosysteme hinausgehen.

„Wir haben uns selbst bisher nicht als potenzielle Opfer der [Plastikverschmutzung] betrachtet“, sagt er „Das sind wir aber.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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