Fühlen Tiere Schmerzen so wie wir?

Was empfinden Kaninchen, Hühner oder Reptilien, wenn sie verletzt sind – und wie kann man ihnen Schmerzen ansehen?Mittwoch, 4. Dezember 2019

Schmerz ist etwas Gutes – zumindest in gewisser Hinsicht. Über Schmerzen teilt unser Körper uns mit, dass es ein Problem gibt, um das wir uns kümmern sollten.

Menschen können über Mimik, Gestik und Sprache auf vielerlei Arten ausdrücken, dass sie Schmerzen empfinden. Bei Tieren sieht das mitunter ganz anders aus. Woher wissen wir, ob und wie sie Schmerzen empfinden?

Gleiches Nervensystem – gleiche Schmerzen?

Säugetiere haben allesamt das gleiche Nervensystem mit den gleichen Neurochemikalien, Empfindungen und Emotionen. All das ist Teil des Schmerzempfindens, sagt Marc Bekoff, ein Evolutionsbiologe und Autor.

Ob andere Säugetiere Schmerz genauso empfinden wie wir, ist ihm zufolge unbekannt – das bedeute aber nicht, dass sie ihn nicht fühlen.

Es gibt einige Hinweise darauf, wie Tiere – insbesondere Haustiere – körperliches Unwohlsein mitteilen.

Geretteter Bär mit amputierten Pfoten lernt wieder zu laufen
22. Dezember 2017: Ein Kragenbär mit amputierten Vorderpfoten trifft in einer neuen Schutzeinrichtung im Nordosten Vietnams ein. Hai Chan wurde von VIER PFOTEN, einer internationalen Tierschutzorganisation, gerettet, nachdem er zehn Jahre lang als Gallenbär gehalten wurde. Bärengalle wird dem Tier abgezapft und in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Hai Chan litt unter vergrößerten Nebennieren, Stress und den zwei amputierten Pfoten. Die Pfoten wurden wahrscheinlich zur Herstellung von Bärenpfotenwein genutzt. Zwei weitere Kragenbären wurden ebenfalls gerettet und in die Einrichtung gebracht.

Dorothy Browns Hund Foster leidet beispielsweise an Phantomschmerzen, nachdem ihm wegen eines Autounfalls ein Bein amputiert werden musste.

„Er schläft tief und fest und springt dann plötzlich auf, jault und schaut dahin, wo einmal sein Bein war“, sagt Brown. Sie lehrt Chirurgie an der Tierklinik der University of Pennsylvania, wohin Foster für seine Operation gebracht wurde. Auch Menschen mit Amputationen empfinden solche Phantomschmerzen.

Tierärzte sind laut Brown auch auf aufmerksame Halter angewiesen, denen Veränderungen im Verhalten ihrer Tiere auffallen, die auf Schmerzen hindeuten könnten: wenn das Tier beispielsweise nicht mehr auf die Couch springt oder keinen Appetit mehr hat.

Wissenschaftler haben für Mäuse, Kaninchen, Ratten und Pferde außerdem Skalen entwickelt, mit denen sie anhand der Mimik der Tiere bestimmen können, ob sie Schmerzen empfinden. Ursprünglich wurden solche Skalen in Krankenhäusern für die Behandlung sehr junger Kinder verwendet. Jedes Tier zeigt bestimmte körperliche Reaktionen, die verlässliche Indikatoren für Schmerzen sind: Verletzte Kaninchen versteifen beispielsweise ihre Barthaare, kneifen die Augen zusammen und legen die Ohren an.

Wenn Tierärzte oder Besitzer meinen, den Schmerz eines Tieres in dessen Gesicht oder Augen zu erkennen, gibt es dafür also eine wissenschaftliche Grundlage.

Auch Reptilien meiden Schmerz

Jenseits der Klasse der Säugetiere wird es zunehmend schwierig, auf das Schmerzempfinden von Tieren zu schließen. Gerade bei Reptilien ist das nicht einfach, da sie „keine Gesichtsausdrücke haben wie Säugetiere – viele haben nicht mal Augenlider“, schrieb Bree Putman, eine Forscherin am Natural History Museum of Los Angeles, in einer E-Mail.

Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Schmerzen haben: „Reptilien, Amphibien und Fische verfügen über die nötige Neuroanatomie, um Schmerzen zu empfinden“, heißt es im Buch „Pain Management in Veterinary Practice“.

Reptilien meiden schmerzhafte Reize – diese Reaktion wird durch schmerzstillende Medikamente jedoch abgeschwächt. Beides sind Indikatoren dafür, dass sie Schmerzen wahrnehmen, so Putman.

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In der Wildnis lassen sich typische Beutetiere wie Hasen ihre Schmerzen für gewöhnlich nicht anmerken, um für Raubtiere nicht als besonders leichte Beute erkennbar zu sein, erklärt Brown.

Bekoff zufolge gilt dasselbe aber auch für viele Raubtiere wie Wölfe. Zeigen sie Schmerzen oder Schwäche, könnten sie sich ihren Artgenossen gegenüber angreifbar machen.

Vögel haben Schmerzrezeptoren und empfinden laut Bekoff Schmerz daher ebenso wie Säugetiere. In einer Studie aus dem Jahr 2000 entschieden sich lahmende Hühner für Futter, das Schmerzmittel enthielt, wenn sie sich ihre Nahrung selbst aussuchen konnten.

Prophylaktische Rücksichtnahme

Unabhängig von der Spezies behandeln Tierärzte ihre Patienten so, „dass sie darauf Rücksicht nehmen, dass es sich um eine schmerzhafte Erfahrung handeln könnte“, sagt Brown.

Das schließt auch Galapagos-Riesenschildkröten ein, die sich mitunter bei der Paarung verletzen.

Wenn das Männchen nach dem Akt vom Weibchen runterfällt, kann es sich eine Fraktur an seinem Panzer zuziehen oder sich sogar das Bein brechen, erklärt Brown. „Das muss doch wehtun!“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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