Unterirdische Flutwelle: Höhlenforscher klettern um ihr Leben

In die tiefste Höhle der Welt schiesst eine Flutwelle. Ein Fotograf, unterwegs mit Höhlenforschern, muss um sein Leben klettern.

Tuesday, September 1, 2020,
Von Robbie Shone
Flutwelle in einer Höhle

Steigendes Wasser: Rasch stieg das Hochwasser bis 30 Meter über das Lager des Expeditionsteams. Es blieben nur Minuten für die Evakuierung.

Bild Robbie Shone

Es war der 16. September 2018 . Ich saß gerade beim Frühstück, als der Funkspruch hereinkam: Eine Flutwelle strömte herein. Sie würde uns in 30 Minuten erreichen. Mein Assistent Jeff Wade und ich saßen mit Mitgliedern des Perovo-Speleo-Teams, einer Elitetruppe russischer Höhlenforscher, in einem Lager 2100 Meter tief unter der Erde. Seit elf Tagen hielten wir uns in der tiefsten bekannten Höhle der Welt auf: der Werjowkina in der von Georgien abtrünnigen Konfliktregion Abchasien. Zwei Tage zuvor hatte ich das hier abgebildete Foto gemacht: Expeditionsleiter Pawel Demidow klettert aus dem untersten Siphon, dem tiefsten Punkt der Höhle.

Nichts Ungewöhnliches: Flutwellen in Höhlen

Bei Flutwellen bahnt sich eine plötzlich entstehende Wassermenge ihren Weg durch jede vorhandene Öffnung. Das kommt recht häufig vor, deshalb machten wir uns zuerst keine Sorgen (später erfuhren wir, dass es oben eine Woche lang geregnet hatte). Unser Acht-Personen-Zelt stand in einem Seitengang auf halber Höhe eines Schachts. Wir dachten, wir wären weit genug vom Hauptstrom der Wassermassen entfernt, und frühstückten weiter. Ich werde das Geräusch nie vergessen – wie ein Güterzug, der immer lauter herandonnerte. Wir standen mit offenen Mündern da und starrten gebannt nach oben ins Dunkle. Plötzlich stürzte ein gewaltiger Sturzbach vorbei und in den Schacht hinunter. Manchmal ebbt eine solche Flutwelle schnell ab. Wir beschlossen, erst einmal abzuwarten.

Höhlenforscher in einer Grotte im tiefsten Teil der Werjowkina. Während des Hochwassers stand das Wasser dort bis zur Decke.

Bild Robbie Shone

Panik bricht aus

Nach einigen Stunden hörte Petr Ljubimow, einer der russischen Höhlenforscher, ein Gurgeln aus einem tiefen Loch am Rande des Lagers, in das wir unsere Zahnpasta gespuckt hatten. Pawel und Andrej Schuwalow zogen los, um die Wasserstände weiter unten im Höhlensystem zu prüfen. Kurz nach ihrem Aufbruch inspizierte Petr noch einmal das Zahnpastaloch. Er drehte sich um, und sein bleiches Gesicht sagte alles. Das Loch war voll, das Wasser stieg. Wir mussten schnell handeln.

Im Camp trugen wir nur warme Fleece-Einteiler. Darüber zogen wir rasch Tauchanzug, Cordura-Overall, Gurt und Kletterausrüstung. Die anderen waren an diese Montur gewöhnt und schnell fertig, doch Jeff und ich mussten uns in unserer Panik gegenseitig helfen. Meine Fotoausrüstung lag überall verteilt. Ich schnappte mir die Speicherkarten. Den Rest ließ ich liegen. In jedem einzelnen Loch um das Camp herum blubberte es nun. „Wir hauen sofort ab“, sagte ich zu Jeff. Wir bewegten uns am Rand eines 15 Meter tiefen Abgrunds entlang, in dem sich mittlerweile ein See gebildet hatte. Ich drehte mich um und schrie: „Komm schon, Petr, wir müssen das Lager verlassen!“ Petr wollte jedoch auf Pawel und Andrej warten. Ich glaubte, ich würde ihn nie wiedersehen.

Flucht nach oben

Mit Steigklemmen kletterten wir am Seil durch Schächte, die sich in tosende Wasserfälle verwandelt hatten. Um atmen zu können, drückten wir das Kinn an die Brust, sodass unter dem Helm eine kleine Luftblase entstand. Es kostete unendlich viel Mühe, sich zentimeterweise voranzuschieben. Wir mussten fast 180 Meter senkrecht nach oben. Ich stieg voran. Wenn ich an einem Hindernis nicht vorbeigekommen wäre, wären alle hinter mir ausweglos festgesteckt, während das Wasser stieg. Ich geriet in Panik und kletterte so schnell, dass ich Jeff aus dem Blick verlor. Ich glaubte ehrlich, er und die anderen seien tot.

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Dann hörte ich eine sehr wütende Stimme hinter mir. Jeff schrie, ich sollte langsamer machen. Ich war so erleichtert, seine Stimme zu hören! Endlich erreichten wir ein provisorisches Biwak in einem Nebengang, wo wir erst einmal sicher, trocken und windgeschützt warten konnten. Der erste der russischen Höhlenforscher tauchte auf. Wir fragten ihn, ob er sonst noch jemanden gesehen habe. Er verneinte. Ohne es offen zu sagen, nahmen wir an, die anderen seien tot. Wir gingen zum nächsten Lager und warteten. Doch dann tauchten die anderen auf. Sie hatten sogar noch Ausrüstung mitgenommen. Alle hatten überlebt, Petr war jedoch schwer am Knie verletzt.

16 Stunden gefangen

Zunächst konnten wir nicht weiterklettern, denn nach dem nächsten Wasserfall folgte ein schmaler horizontaler Gang, der vollständig überflutet sein musste. Wir warteten 16 Stunden, gefangen zwischen dem Hochwasser unter und dem Wasserfall über uns. Die russischen Höhlenforscher fühlten sich relativ sicher und lachten in ihrem Zelt. Jeff und ich hingegen liefen unruhig umher und beobachteten das Wasser. Stieg es wieder? Wir behielten unsere gesamte Ausrüstung an. Falls etwas passierte, wollten wir bereit sein. Schließlich ebbte die Flut ab. Jeff und ich kletterten mit dem verletzten Petr zum nächsten Lager. Die anderen stiegen wieder hinunter, um zu retten, was zu retten war. Sie kehrten mit meiner Kamera und meinem Stativ zurück. Einer meiner wasserdichten Behälter habe sich allerdings in die Höhlendecke verkeilt, sagten sie mir. Vier Tage brauchten wir bis an die Oberfläche.

Veränderte Normalität

Normalerweise sind meine Sinne nach so einer Höhlentour geschärft. Diesmal schien alles seltsam gedämpft, ich fühlte mich wie ein Geist. Gleichzeitig war ich noch nie so erleichtert. Ein Jahr später besuchten mich Pawel und ein Kollege aus seinem Team zu Hause in Innsbruck. Sie legten zwei Flaschen Wodka ins Eisfach und baten mich, die Augen zu schließen. Als ich sie wieder öffnete, lag auf meinem Küchentisch ein Teil der Ausrüstung, die ich damals zurückgelassen hatte.

Seit 20 Jahren erforscht und fotografiert Robbie Shone Höhlen. In seiner ersten Reportage für NATIONAL GEOGRAPHIC im März 2017 ging es um die Dark-Star-Höhle in Usbekistan.

Aus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow

Der Artikel wurde ursprünglich in der August 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

 

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