Geschichte und Kultur

1.000 Jahre unberührt: Rituelle Opferhöhle der Maya entdeckt

Erkundungen der „Höhle des Jaguargottes“ förderten einen regelrechten Schatz zutage, in dem sich Hinweise auf den Aufstieg und Fall des Maya-Reiches verbergen könnten. Donnerstag, 7 März

Von Gena Steffens

Bei der Erforschung des Grundwasserspiegels in der alten Maya-Stadt Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán entdeckten Archäologen durch Zufall einen wahren Schatz: In einer Reihe von Höhlenkammern stießen sie auf mehr als 150 rituelle Gegenstände, die dort seit mindestens 1.000 Jahren verborgen lagen und Hinweise auf den Aufstieg und Fall der alten Maya enthalten könnten. Die Entdeckung des Höhlensystems, das den Namen Balamku oder „Jaguargott“ trägt, wurde von Mexikos Landesinstitut für Anthropologie und Geschichte (INAH) auf einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt bekanntgegeben.

Nachdem sie 1966 von Bauern entdeckt wurde, stattete ihr der Archäologe Victor Segovia Pinto einen Besuch ab und schrieb einen Bericht über die beträchtliche Menge an archäologischem Material in ihrem Inneren. Aber anstatt die Stätte auszugraben, wies Segovia die Bauern an, den Eingang zu versiegeln, und alle Aufzeichnungen zu ihrer Entdeckung schienen zu verschwinden.

Exklusiv: In der Höhle des Jaguargottes der Maya

Balamku blieb 50 Jahre lang verschlossen, bis sie 2015 im Rahmen des Great Maya Aquifer Projekt wieder vom National Geographic Explorer Guillermo de Anda und seinem Team geöffnet wurde. Die Forscher waren eigentlich auf der Suche nach dem Grundwasserspiegel unter Chichén Itzá. Die Erforschung des Höhlensystems wurde teilweise mit Geldern der National Geographic Society finanziert.

De Anda erinnert sich, wie er auf dem Bauch stundenlang durch die engen Gänge Balamkus robbte, bevor das Licht seiner Stirnlampe auf etwas fiel, mit dem niemand gerechnet hatte: Einen regelrechten Schatz an Opfergaben, den die ehemaligen Bewohner von Chichén Itzá dort platziert hatten. Die Artefakte waren so perfekt erhalten und unberührt geblieben, dass sich rund um die Räuchergefäße, Vasen, verzierten Teller und anderen Objekte Stalagmiten gebildet hatten.

„Ich konnte nicht sprechen und fing an zu weinen. Ich hatte schon menschliche Überreste aus dem Cenote Sagrado [in Chichén Itzá] untersucht, aber nichts war mit dem Gefühl vergleichbar, das mich überkam, als ich zum ersten Mal allein in diese Höhle kam“, sagt de Anda. Der Forscher arbeitet für das INAH und ist der Direktor des Great Maya Aquifer Project, dessen Ziel es ist, den Grundwasserspiegel der Yucatán-Halbinsel zu erforschen und zu verstehen und so eine nachhaltige Wassernutzung zu ermöglichen.

„Man spürt beinahe die Anwesenheit der Maya, die diese Dinge dagelassen haben“, fügt er hinzu.

Eine unverhoffte zweite Chance

Opfergaben tief in der Balamku-Höhle zu erreichen, müssen sich die Archäologen bäuchlings durch enge Passagen zwängen. Im Originalbericht zur Höhle (den der Archäologe James Brady von der California State University in Los Angeles, der ebenfalls für das Great Maya Aquifer Project tätig ist, erst kürzlich wiederentdeckte) identifizierte Segovia 155 Artefakte. Einige davon zeigten das Gesicht des Toltec-Regengottes Tláloc, während auf anderen Darstellungen des heiligen Kapokbaumes zu sehen sind, der das Universum der Maya repräsentiert. Zum Vergleich: Die nahegelegene Balankanché-Höhle, deren Ritualstätte 1959 ausgegraben wurde, enthielt nur 70 solcher Gegenstände.

„Balamku scheint die ‚Mutter‘ von Balankanché zu sein“, sagt de Anda. „Ich will nicht sagen, dass Quantität wichtiger ist als Informationsgehalt. Aber wenn man sieht, dass so viele Opfergaben in einer Höhle liegen, die so viel schwerer begehbar ist, dann sagt uns das etwas.“

Warum Segovia beschloss, einen so phänomenalen Fund wieder zu versiegeln, wird noch immer diskutiert. In jedem Fall gab er Forschern somit unwissentlich eine „zweite Chance“ darauf, einige Fragen zu beantworten, die unter Maya-Experten auch heute noch für Kontroversen sorgen: Wie viel Kontakt und wechselseitige Einflüsse gab es zwischen den mesoamerikanischen Kulturen? Was geschah in der Welt der Maya vor dem Fall von Chichén Itzá?

Tor zur Unterwelt

„Bei den alten Maya galten Höhlen und Cenoten als Eingänge zur Unterwelt“, erklärt Holley Moyes. Die Expertin für Maya-Archäologie und die religiöse Nutzung solcher Höhlen arbeitet an der University of California in Merced und war an dem Projekt nicht beteiligt. „Für die Maya zählen sie zu den allerheiligsten Orten, die auch die soziale Organisation und die Planung von Städten beeinflussten. Sie sind ein ganz grundlegendes und unheimlich wichtiges Element im Leben der Maya.“

Vor der Entwicklung des Konzepts der Höhlenarchäologie in den Achtzigern interessierten sich Archäologen eher für Monumente, Architektur und intakte Artefakte und weniger für die Analyse von Rückständen und Materialien an Objekten und deren Umfeld. Als die Balankanché-Höhle 1959 erforscht wurde, wurden Höhlen noch im Dunkeln per Hand kartiert und es kam regelmäßig vor, dass Artefakte entfernt, gereinigt und später wieder zurückgebracht wurden. Von all den Räuchergefäßen, die in der Balankanché-Höhle gefunden wurden und Material enthielten, das Aufschluss über das Alter der Artefakte hätte geben könnten, wurde beispielsweise nur ein einziges je analysiert.

Die Mitarbeiter des Great Maya Aquifer Project betrachten die Wiederentdeckung der Balamku-Höhle als eine Chance, um ein völlig neues Modell der Höhlenarchäologie umzusetzen, bei dem modernste Technologien und spezialisierte Forschungsbereiche wie 3D-Kartierung und Paläobotanik zum Einsatz kommen. Diese neuen Einblicke könnten uns ein deutlich detaillierteres Bild davon vermitteln, was sich bei Maya-Ritualen in Höhlen abspielte. Aber auch die Geschichte der großen Stadt Chichén Itzá, die im 13. Jahrhundert aus bislang unbekannten Gründen ihren Niedergang antrat, könnte enthüllt werden.

„Balamku kann uns nicht nur den Moment des Zusammenbruchs von Chichén Itzá verraten“, so de Anda, „sondern vermutlich auch jenen Moment, in dem er begann.  Wir haben hier jetzt einen versiegelten Kontext mit einer großen Informationsmenge – darunter brauchbare organische Materie –, die wir nutzen können, um die Entwicklung von Chichén Itzá nachzuvollziehen.“

Weitere Untersuchungen der Stätte werden auch Details zu den katastrophalen Dürreperioden offenbaren, die wahrscheinlich zum Kollaps der Maya-Zivilisation führten. Obwohl die Gegend schon immer anfällig für zyklisch auftretende Klimaschwankungen war, haben einige Forscher die Vermutung aufgestellt, dass umfassende Rodungen im Flachland des Maya-Siedlungsgebietes, in dem einst 10 bis 15 Millionen Menschen wohnten, das Problem verschärft und die gesamte Region unbewohnbar gemacht haben könnten.

Wenn wir solche Zyklen besser verstehen, kann das auch einen Nutzen für unser heutige Leben bringen, wie der National Geographic-Archäologe Fredrik Hiebert sagt. „Durch die Erforschung dieser Höhlen und Cenoten können wir ein paar Lektionen darüber lernen, wie wir unsere Umwelt heutzutage in Bezug auf Nachhaltigkeit bestmöglich nutzen.“

De Anda glaubt, dass die Archäologie damit auch das Potenzial hat, zu einer deutlich „nützlicheren“ Wissenschaft zu werden.

„Sie wurde immer als das Gegenteil angesehen – als schöne und interessante Wissenschaft, die aber keinen großen Nutzen hat“, sagt er. „Ich glaube, hier werden wir das Gegenteil demonstrieren können. Wenn wir anfangen, diese erstaunlichen Kontexte zu begreifen, können wir auch verstehen, welche Spuren der Mensch in der Vergangenheit hinterlassen hat und was in einem der dramatischsten Momente der Geschichte auf der Erde geschah.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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