Nach 30 Jahren: NASA plant zweite Mission zur Venus

Zwei Raumsonden sollen die mysteriösen Geheimnisse des erdnahen Planeten lüften – unter anderem, wieso er an einen höllischen, giftigen Zwilling der Erde erinnert.

Veröffentlicht am 9. Juni 2021, 11:38 MESZ
Oberfläche Venus

Raumsonden können durch die dichte Atmosphäre der Venus blicken, unter der eine fremde Oberfläche zum Vorschein kommt, die auf unheimliche Weise der Erde ähnelt.

Bild NASA/JPL

Auf ihrer Anfang Juni abgehaltenen Sitzung zur „Lage der NASA“, hatte die US-amerikanische Weltraumorganisation eine Überraschung für alle Planetenforscher auf Lager. Sie gab bekannt, dass die zerklüftete, giftige Venus das Ziel der nächsten zwei Missionen des hartumkämpften Discovery-Programms sein wird.

„Im Zuge der beiden Schwester-Missionen soll herausgefunden werden, wie die Venus zu dieser infernalen Welt wurde, auf deren Oberfläche Blei schmilzt. Durch sie wird die ganze Wissenschaftsgemeinschaft die Gelegenheit bekommen, einen Planeten zu erforschen, den wir seit 30 Jahren nicht mehr besucht haben“, erklärte NASA-Administrator Bill Nelson im Rahmen der Sitzung. „Wir erhoffen uns von den Missionen, dass sie uns dabei helfen werden, besser zu verstehen, wie die Erde sich entwickelt hat. Wieso sie bewohnbar ist, und andere [Gesteinsplaneten] nicht.“

Eine der beiden Raumsonde, die DAVINCI+, soll die giftige Atmosphäre des Planeten untersuchen – eine dicke Hülle aus Kohlendioxid- und Schwefelsäurewolken. Die andere, VERITAS, wird eine detaillierte Karte der Planetenoberfläche erstellen und versuchen, die geologische Geschichte der Venus zu rekonstruieren.

Die Venus-Missionen setzten sich im Rennen um den Platz im Discovery-Programm gegen zwei andere Finalisten durch, die mit Sonden Jupiters vulkanischen Mond Io und den Neptun-Mond Triton erforschen wollten – Ziele, die schon seit Jahrzehnten ganz oben auf der Wunschliste der Planetenwissenschaftler stehen.

Der NASA-Raumsonde New Horizons gelang es 2007 auf dem Weg zum Pluto, diesen Blick auf den Jupiter-Mond Io und einen seiner ausbrechenden Vulkane einzufangen.

Bild NASA/Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute/Goddard Space Flight Center

Die Ankündigung fällt in einer Zeit, in der das Interesse an US-geführten Missionen zur Venus steigt, die von manchen Planetenforschern als „der vergessene Planet“ bezeichnet wird. In Bezug auf Masse und Größe ist die Venus der Erde bemerkenswert ähnlich. Und auch wenn sie heute ein höllischer, unwirtlicher Ort ist, wird vermutet, dass sie einst ein gemäßigter, ozeanbedeckter Planet wie unser eigener war. Zu verstehen, wie die Venus so lebensfeindlich wurde, ist entscheidend, möchte man herausfinden, wie hoch das Aufkommen erdähnlicher Planeten tatsächlich ist.

„Direkt neben uns gibt es diesen erdgroßen Planeten, der sonst nichts mit der Erde gemeinsam hat – warum? Das herauszufinden, ist von äußerster Wichtigkeit“, sagt Paul Byrne, Planetenforscher an der North Carolina State University. „Wir haben einige ziemlich große Fragen zu der Entstehung, den Eigenschaften und der Entwicklung erdgroßer Welten zu beantworten.“

Die NASA und ihre Projekte

Anders als die New Frontiers- und Flagship-Programme der NASA, unterstützt Discovery kleine, im Vergleich kostengünstige Projekte. Etwa alle drei Jahre startet eine neue Discovery-Mission mit einer Budget-Obergrenze von 450 Millionen US-Dollar, wobei die Kosten für Trägerrakete und Betriebskosten davon ausgenommen sind. Die Obergrenze für New Frontier-Expeditionen liegt bei 850 Millionen US-Dollar. Die Flagship-Missionen, zu denen die Mars Rover-Expeditionen Perseverance und Curiosity zählen, verschlingen teilweise Milliarden.

Galerie: Neue Fotos der Nasa

Aktuell laufen zwei Discovery-Missionen. Die Mondsonde Lunar Reconnaissance Orbiter startete 2009 und kartografiert schon seit einem Jahrzehnt die Oberfläche des Mondes. Und der InSight Lander untersucht seit 2018 das Innere des Mars.

2021 sollen noch zwei weitere Missionen starten: Die Raumsonde Lucy soll mehrere Asteroiden untersuchen; die Daten sollen dabei helfen, die Geheimnisse des Sonnensystems zu lüften. Währenddessen besucht die Sonde Psyche einen metallischen Asteroiden mit demselben Namen. Als die Entscheidung für diese beiden Asteroid-Missionen fiel, gab es einige Wissenschaftler, die damit nicht zufrieden waren – insbesondere, weil damals mehrere Venus-Missionen den Kürzeren zogen, darunter auch VERITAS und DAVINCI+.

Endlich wieder: Aufbruch zur Venus

Doch jetzt bekommen die beiden Missionen endlich ihre Chance, den Geheimnissen der versteckten Welt nebenan auf die Spur zu kommen.

Magellan, die letzte US-Mission zur Venus, in deren Rahmen eine Sonde durch die Atmosphäre des Planeten tauchte, wurde 1994 beendet. Seitdem haben europäische und japanische Sonden die seltsame Schwester der Erde besucht und Wissenschaftler ihre Teleskope auf den beeindruckenden Planeten gerichtet.

Wissen kompakt: Venus
Die Venus, die nach der römischen Göttin der Liebe und Schönheit benannt wurde, strahlt am Himmel besonders hell. Aber warum ist das so? Und gab es einst Leben auf dem Planeten, der der Erde vom Weitem so zu ähneln scheint?

Trotz aller bisherigen Forschungen sind die Rätsel, die die Venus aufgibt, mit der Zeit immer größer geworden. Unter anderem haben sich Hinweise auf Vulkanismus auf der Oberfläche des Planeten verdichtet – und das obwohl auf der Venus die Art von tektonischer Aktivität fehlt, die in den extremsten vulkanischen Regionen der Erde ihre Wirkung zeigt. Außerdem gab es einen umstrittenen Nachweis von Phosphingas in Venuswolken, der ein Zeichen für Leben auf den Planeten hätte sein können.

(Phosphan-Streit: Doch keine Lebenszeichen auf der Venus?)

Bald, möglicherweise bis 2030, wird die Deep Atmosphere Venus Investigation of Noble gases, Chemistry, and Imaging, kurz DAVINCI+, zur Venus aufbrechen. Sie wird die Atmosphäre des Planeten durchdringen, die neunzigmal dichter ist als die der Erde. Die gesammelten Proben und Daten werden Wissenschaftlern dabei helfen zu ergründen, welche Entwicklung die Venus durchlaufen hat und ob es auf ihr jemals Ozeane gab.

Während DAVINCI+ Untersuchungen der Wolkendecke der Venus, zum Emissionsgrad der Venus, Radio-Science, Radarintraferometrie, Topografie und Spektroskopie durchführen soll, hat VERITAS die Aufgabe, vom Orbit aus die Oberfläche des Planeten zu kartografieren. Die resultierenden Bilder und detaillierten Informationen zu Oberflächenchemie und -topografie werden bei der Rekonstruktion der geologischen Geschichte von großer Bedeutung sein – und vielleicht die Antwort auf die Frage liefern, wie die Venus zu der Hölle wurde, die sie heute ist.

„Als ich erfuhr, dass unsere Mission ausgewählt worden ist, habe ich so laut geschrien, dass mein armer Hund dachte, unser Haus würde angegriffen werden“, twitterte David Grinspoon vom Planetary Science Institute, Mitglied des DAVINCI+-Teams.

„Ich habe buchstäblich meine ganze Karriere lang auf diesen Moment hingearbeitet“, twitterte er weiter. „Als die letzte US-Venus-Mission 1989 startete, hatte ich gerade mein Aufbaustudium beendet. Es gibt so viel über das Klima, die Geschichte erdähnlicher Welten und das Leben im Universum zu lernen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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