Winterdepression oder normaler Winterblues? Das ist der große Unterschied

Nicht jeder, der in der kalten Jahreszeit ein Stimmungstief erlebt, leidet an einer Winterdepression. Zwei Experten erklären, was diese psychische Krankheit wirklich ausmacht und was zu viel im Bett verbrachte Zeit damit zu tun hat.

Veröffentlicht am 30. Nov. 2021, 12:41 MEZ
Die Winterdepression ist weder eine typische Depression noch der gewöhnliche Winterblues.

Die Winterdepression ist weder eine typische Depression noch der gewöhnliche Winterblues.

Bild stock.adobe.com/AVTG

Lange, dunkle Nächte und auch tagsüber bleibt der Himmel grau. Dazu kommen Regen, Schnee und die klirrende Kälte: Da gut gelaunt zu bleiben, fällt vielen Menschen schwer. Etwa ein Drittel der Deutschen fällt in den Wintermonaten in ein Stimmungstief.

Doch auch wenn es viele vermuten, handelt es sich dabei nicht zwangsläufig um eine sogenannte „Winterdepression“ – eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die nur in der kalten Jahreszeit auftritt. Die Experten Prof. Ulrich Hegerl und Dr. Christa Roth-Sackenheim wissen, dass viele eine falsche Selbstdiagnose stellen und woran man eine Winterdepression wirklich erkennt.

Prof. Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und hat die Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Der Psychiater erklärt: „Die meisten Depressionen im Winter sind keine Winterdepressionen, sondern typische Depressionen, die einfach in dieser Jahreszeit auftreten.“ Ein großer Unterschied zwischen den beiden Erkrankungen: Die Winterdepression ist laut Hegerl nicht so schwer. Betroffene schaffen es meist noch – wenn auch mit großer Anstrengung – ihrer Arbeit nachzugehen. Bei einer typischen Depression sei das seltener der Fall.

Die Winterdepression muss aber auch vom gewöhnlichen Winterblues abgegrenzt werden, den nahezu alle Menschen kennen. „Ein kleines bisschen melancholischer zu sein hat nichts mit einer Erkrankung zu tun“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl. „Bei einer Depression kann man eine derartige melancholische Stimmung gerade nicht wahrnehmen, man fühlt sich wie abgestorben und versteinert.“

Winterdepression ist keine typische Depression

Doch woran erkennt man eine Winterdepression wirklich? Viele der Symptome ähneln der einer typischen Depression. Dazu gehören Hegerl zufolge eine gedrückte Stimmung, Schuldgefühle, Konzentrationsstörungen, Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidgedanken, wenn die Krankheit stark ausgeprägt ist. Doch in einigen Punkten unterscheiden sich diese psychischen Krankheiten erheblich voneinander.

Dr. Christa Roth-Sackenheim ist Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie nennt den wohl größten Unterschied: „Eine Winterdepression ist saisonal abhängig, kommt also nur in den kälteren und dunkleren Monaten vor.“ Leidet man an dieser psychischen Erkrankung, isst man außerdem oft mehr. „In wenigen Fällen ist die Lust auf Süßigkeiten sehr stark erhöht“, meint die Expertin. Typische Depressionen gehen dagegen meist mit Appetitlosigkeit und auch Schlafstörungen einher. Bei einer Winterdepression gibt es im Gegensatz dazu meist ein erhöhtes Schlafbedürfnis: Betroffene schlafen oft viel mehr als gewöhnlich. „Das könnte ein Teil des Teufelskreises sein, da durch langes Schlafen die gedrückte Stimmung mit verursacht werden kann“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl.

Winterdepressive haben oft einen großen Appetit.

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Schlafentzug als Therapie?

Da zu viel Schlaf eine Depression verschlechtern kann, wird diese psychische Krankheit laut Prof. Hegerl in Kliniken häufig mit Schlafentzug behandelt. „Durch diese Methode werden wachheitsfördernde Mechanismen geschwächt, schlaffördernde hingegen gestärkt“, erklärt der Psychiater. Das ist notwendig, weil der Organismus von Depressiven überreguliert oder dauerangespannt ist. Der Schlafentzug macht Betroffene müde und so können sie wieder schlafen. „Alles was müde macht, ist unterstützend“, so Hegerl.

Wie erfolgreich diese Behandlung bei einer Winterdepression ist, wurde bisher kaum untersucht. Prof. Hegerl kennt den Grund dafür: „Winterdepressionen werden selten stationär in Kliniken behandelt, deswegen hat man noch kaum Erfahrungen damit gemacht.“ Dr. Christa Roth-Sackenheim, Fachärztin für Psychotherapie, weist zudem darauf hin, dass Antidepressiva und Psychotherapien (also gängige Behandlungsmethoden bei typischen Depressionen) bei einer Winterdepression einen eher geringen Effekt haben.

Doch es gibt andere Heilungsverfahren, die sich bei Winterdepressionen bereits bewährt haben. „Die Therapie der ersten Wahl ist die Lichttherapie“, sagt Dr. Roth-Sackenheim. Dabei nutzt der Patient täglich eine Therapielampe mit reinem weißen Licht mit 20.000 Lux. Zum Vergleich: Eine Glühbirne mit 60 Watt leuchtet mit 63,5 Lux. Bei der Lichttherapie muss der Patient für etwa 30 bis 60 Minuten alle 90 Sekunden für drei Sekunden direkt in die Lichtquelle schauen. Das hat einen guten Grund. „Das Licht muss über die Netzhaut des Auges über den Sehnerv sein Signal im Gehirn einbringen. Nur so wird das Melatonin reduziert“, erklärt die Expertin. Melatonin ist ein „Schlafhormon“ – es wird bei Dunkelheit vermehrt ausgeschüttet und stellt den Körper auf das Schlafen ein. Wird seine Konzentration mithilfe der Lichttherapie reduziert, soll das den Betroffenen munter machen.

Wer an einer Winterdepression leidet, hat zwar das Bedürfnis, länger im Bett zu bleiben. Doch Prof. Ulrich Hegerl rät Betroffenen dringend davon ab. Sinnvoll sei es dagegen, jeden Morgen zu notieren, wie viel Zeit man im Bett verbracht hat und wie die Laune nach dem Aufstehen ist. „Erkennt man einen Zusammenhang zwischen ‚lange im Bett bleiben‘ und ‚schlechter Laune‘, sollte man die Bettzeit auf jeden Fall kürzen“, empfiehlt der Professor.

Bei Depressiven ist alles anders

Was im Körper Betroffener einer Winterdepression passiert, ist Prof. Ulrich Hegerl zufolge noch weitestgehend unklar. Fest stehe jedoch, dass der gesamte Körper betroffen ist. „Die Hormone, die Schlaf-Wach-Regulation, der Blutdruck, die Herzrate – wo man auch hinschaut, ist alles anders“, sagt Hegerl.

Betroffen sind vor allem Menschen um das 30. Lebensjahr, berichtet die Deutsche Familienversicherung. Demnach leiden Frauen auch dreimal so häufig wie Männer an einer Winterdepression. Den Geschlechterunterschied führt Prof. Hegerl darauf zurück, dass Depressionen mit der Neurobiologie und dem Hormonhaushalt des Menschen zu tun haben. Eindeutige wissenschaftliche Beweise hierfür gibt es aber nicht.

Dr. Christa Roth-Sackenheim unterstützt die These, dass die geringe Lichtintensität in Herbst und Winter Stoffwechselprozesse im Gehirn auslöst. „Dem Gehirn wird so sozusagen signalisiert, dass es in Winterschlaf gehen soll“, so die Fachärztin.

Auch, ob das „Schlafhormon“ Melatonin eine Depression auslösen kann, wird unter den Experten noch diskutiert. Während Dr. Roth-Sackenheim dem Hormon grundsätzlich eine wichtige Rolle zuspricht, ist sich Prof. Ulrich Hegerl sicher: „Man kann nicht sagen, dass diejenigen mit besonders viel Melatonin häufiger eine Winterdepression haben.“ Die Auslöser für eine Winterdepression kennt die Wissenschaft aktuell also noch nicht. Doch man ist sich einig darüber, dass Depressive eine andere Hirnaktivität als nicht-depressive Menschen haben.

Prof. Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der European Alliance Against Depression e.V. Außerdem hat er die Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich und praktisch mit der Depression.

Bild Katrin Lorenz

Risikofaktoren für Winterdepression

Auch wenn die Ursachen noch nicht final erforscht sind, sind einige wichtige Risikofaktoren für eine Winterdepression bekannt. Prof. Ulrich Hegerl macht die Veranlagung, die Anzahl der Stunden, in denen man Sonnenlicht ausgesetzt ist und allem voran die Bettzeit verantwortlich. „Zu lange im Bett sein, dösen oder schlafen, ist der Weg, über den sich Depressionen verschlechtern oder anschleichen“, sagt er. Eine Winterdepression könnte man also demnach gut in den Griff bekommen, wenn man sein Schlafverhalten entsprechend anpasst und nicht länger als acht Stunden je 24 Stunden im Bett verbringt.

Allein in Deutschland erkranken mehrere Millionen Menschen jedes Jahr an einer Depression. Allerdings gibt es gute Heilungschancen. „Depressionen werden oftmals schwer unterschätzt, doch sie sind gut behandelbar“, betont der Professor. Und das gilt gleichermaßen für die Winterdepression.

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