Warum die Körperhaltung Einfluss auf die Wirkung von Tabletten hat

Forschende der John Hopkins Universität haben herausgefunden, dass die Position, in der sich der Körper bei Einnahme eines Medikaments befindet, Auswirkungen auf dessen Wirkung hat. Dabei liegt eine Position deutlich vorne.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 19. Aug. 2022, 14:54 MESZ
Ein Mann schüttet sich eine Tablette aus einem orangenen Tablettendöschen auf die Hand.

Bei der Tabletteneinnahme denken wohl die wenigstens von uns an unsere Körperhaltung. Dabei hat genau diese wohl einen größeren Einfluss auf die Wirkung eines Medikaments als gedacht.

 

Foto von Svyatoslav Lypynskyy / Adobe Stock

Wenn wir Tabletten gegen Schmerzen oder Krankheiten einnehmen, achten wir meist darauf, ob dazu Wasser getrunken werden soll und ob das Medikament am besten vor oder nach dem Essen eingenommen wird. Die Position, in der der Körper sich dabei befindet, ist bisher eher Nebensache.

Eine neue Studie von Forschenden der John Hopkins University in Baltimore, Maryland, zeigt nun aber: Wie schnell oder stark ein Medikament seine Wirkung entfaltet, wird erheblich durch die Position des Magen-Darm-Trakts während der Einnahme beeinflusst und die ist davon abhängig, ob man sitzt, steht oder liegt. „Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich das richtig oder falsch mache, aber jetzt werde ich auf jeden Fall jedes Mal an unsere Studie denken, wenn ich eine Tablette nehme“, sagt Rajat Mittal, Hauptautor der Studie und Professor für Maschinenbau an der John Hopkins University.

Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er im Rahmen der Studie, welchen Effekt eine sitzende, flach liegende und links sowie rechts seitlich liegende Position auf die Wirkung eines Medikaments hat. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Physics of Fluids.

Position der Tablette im Magen bei den verschiedenen Körperhaltungen. 

Foto von  KHAMAR HOPKINS/JOHNS HOPKINS UNIVERSITY

Auflösungsgeschwindigkeit und Verdauung

Die meisten Tabletten wirken erst, wenn der Arzneistoff – also der aktive Wirkstoff innerhalb der Tablette – im Darm freigesetzt wird. Was mit der Tablette im Magen-Darm-Trakt einer Person passiert, hat deshalb auch Auswirkungen auf ihre Wirkung. So verzögert beispielsweise eine besonders fetthaltige Mahlzeit in Kombination mit der Einnahme eines Medikaments oftmals dessen Wirkung, weil sie die Verdauung verlangsamt. Auch auf die Geschwindigkeit, mit der die Tablette aufgelöst und der Arzneistoff freigesetzt wird, hat das Essverhalten vor und während der Einnahme einen Einfluss.

Neben Verdauung und Auflösungsgeschwindigkeit der Tablette ist die Einnahmeposition der Studie zufolge ein weiterer wichtiger Faktor, der bisher wenig miteinbezogen wurde. „Je nach Körperhaltung gibt es erhebliche Unterschiede in der Auflösungsgeschwindigkeit der Tablette und der anfänglichen Verzögerung der Auflösung“, heißt es in der Studie. Das heißt, dass der Beginn der Ausschüttung des aktiven Arzneistoffs ebenso wie die Zeit, die bis zur vollständigen Ausschüttung vergeht, von der Position der einnehmenden Person abhängig ist.

Versuche mit Magen-Modell

Zu diesem Ergebnis kamen Mittal und sein Team mithilfe eines eigens für die Studie entwickelten Modell-Magens: Dem StomachSim, der die Vorgänge im menschlichen Magen simuliert. Durch ihn konnten die Forschenden genau beobachten, was im Inneren des Magens passiert, wenn Nahrung und Tabletten eingenommen werden. „In unserem Magenmodell konzentrieren wir uns auf die Auflösung, Vermischung und Entleerung in einem gefütterten Magen“, so die Forschenden.

Das Ergebnis: Am schnellsten wirkt eine Tablette, wenn man sie auf der rechten Seite liegend oder lehnend einnimmt. „Wenn der Körper um 45 Grad nach rechts geneigt ist, sehen wir einen deutlichen Anstieg des gelösten Wirkstoffs im Magen“, so die Forschenden. Denn in dieser Körperhaltung gelangt die Tablette in den tiefsten Teil des Magens, wodurch die Auflösungsrate stark ansteigt. Den zweiten Platz belegt die stehende Position, bei der das Einsetzen der Wirkung jedoch bereits etwa 13 Minuten länger braucht als bei der rechts liegenden – insgesamt 23 Minuten. Ganz hinten liegt die links liegende Position. Bei ihr stellten die Forschenden während der Simulation mit dem StomachSim eine deutliche Verlangsamung der Freigabe des Wirkstoffs im Magen fest: es dauerte bis zu 100 Minuten bis die Tablette aufgelöst war und den Wirkstoff freigab.

Laut den Forschenden haben diese Ergebnisse vor allem Implikationen für Menschen, die die stehende Position nicht mehr einnehmen können. „Für ältere, sitzende oder bettlägerige Menschen kann es also einen großen Einfluss haben, ob sie sich nach links oder nach rechts drehen“, so Mittal. In Zukunft wollen die Forschenden mit ihrem Modell zusätzlich den Effekt verschiedener Nahrungsmittel oder Magen-Darm-Erkrankungen auf die Wirkungsweise von Medikamenten erforschen.

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