Medizinischer Erfolg: Weltweit erste Transfusion von Labor-Blut

Zum ersten Mal hat ein Mensch im Labor gezüchtete rote Blutkörperchen erhalten. Ein Durchbruch in der Medizin, der weitreichende Folgen haben könnte.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 15. Nov. 2022, 10:47 MEZ
Ein Blutbeutel wird angeschlossen, um eine Bluttransfusion zu starten.

Im Rahmen einer klinischen Studie wurden rote Blutkörperchen aus Stammzellen im Labor gezüchtet. Sie machen Hoffnung für komplexe Transfusionen.

Foto von fusebulb / Adobe Stock

Ob nach einem schweren Unfall oder aufgrund einer Erkrankung: Bluttransfusionen sind bei vielen medizinischen Eingriffen unentbehrlich. Täglich werden in Deutschland zur Behandlung von akuten und chronischen Fällen etwa 15.000 Blutspenden benötigt, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Doch schon jetzt weiß man: Die Zahl der Spendenden wird in den kommenden Jahren aufgrund der Altersobergrenze sinken. Vor allem für Menschen mit seltenen Blutgruppen oder komplizierten Krankheitsbildern bedeutet das in Zukunft eine erschwerte Suche nach ausreichenden und passenden Blutzellen. 

Ein Forschungsteam aus Großbritannien könnte da bald Abhilfe schaffen. In einer gerade begonnenen klinischen Studie namens RESTORE züchtet die Organisation NHS Blood and Transplant (NHSBT) unter anderem in Kooperation mit der University of Bristol und der University of Cambridge rote Blutkörperchen aus Stammzellen eines menschlichen Spenders im Labor. Es ist die weltweit erste klinische Studie dieser Art, die bereits einen großen Erfolg verzeichnen kann: Erstmals hat ein Mensch eine Transfusion mit im Labor gezüchteten roten Blutkörperchen erhalten.

Gut verträglich: Blutkörperchen aus dem Labor

John James, Geschäftsführer der Sickle Cell Society – einer gemeinnützigen Einrichtung in Großbritannien, die sich für Menschen mit Sichelzellkrankheit einsetzt –, erklärt: „Dieses Forschungsprojekt gibt Hoffnung für Sichelzellpatienten, bei denen Transfusionen schwierig sind, da sie Antikörper gegen die meisten Spenderbluttypen entwickelt haben.“ Im Gegensatz zu den Zellen aus dem Spenderblut können die Zellen aus dem Labor nämlich gezielt gezüchtet werden – und sich so zum Beispiel zu Blutkörperchen seltener Bluttypen ausdifferenzieren. Ein Vorteil, der vor allem Menschen mit schwierigen Krankheitsbildern und seltenen Blutgruppen langfristig helfen könnte.

Doch wie funktioniert das? Zunächst wurde Spendenden aus der Blutdatenbank der NHSBT Blut entnommen. Im Labor wurden daraus die Blutstammzellen separiert und innerhalb von drei Wochen zu ausdifferenzierten roten Blutkörperchen gezüchtet. Aus einer Million Stammzellen von einem einzigen Spender lassen sich so 50 Milliarden Blutkörperchen gewinnen – eine erstaunliche Anzahl. 

Zehn Probandinnen und Probanden sollen nun je zwei Transfusionen im Abstand von vier Monaten erhalten: eine mit normalen Spenderblutkörperchen und eine mit im Labor gezüchteten. Die verabreichte Menge der Blutkörperchen aus dem Labor entspricht dabei lediglich einem bis zwei Teelöffeln. Bislang haben zwei Patienten die Laborzellen bekommen – ohne Komplikationen oder Nebenwirkungen. 

Hoffnung für schwierige Fälle

„Wir hoffen, dass unsere im Labor gezüchteten roten Blutkörperchen länger halten werden als jene, die aus dem Spenderblut stammen“, sagt Cedric Ghevaert, Leiter der Forschungsgruppe und Professor für Transfusionsmedizin sowie beratender Hämatologe an der University of Cambridge und der NHSBT. Die Feststellung der Haltbarkeit ist deshalb ein Hauptziel der klinischen Studie.

Die Chancen stehen gut: Die Wahrscheinlichkeit, dass die frischen Blutkörperchen aus dem Labor die vollen 120 Tage Lebensdauer erreichen, ist höher als bei den roten Blutkörperchen aus der normalen Blutspende. Transfusionen aus Blutspenden halten oft weniger lang, weil das Spenderblut eine Mischung aus alten und neuen Blutzellen enthält. 

Sollte sich die Annahme bewahrheiten, könnte die Studie die Blutspende revolutionieren. „Es würde bedeuten, dass Patienten, die momentan noch regelmäßig Bluttransfusionen brauchen, in Zukunft weniger Transfusionen benötigen werden“, sagt Ghevaert. Die Blutkörperchen aus dem Labor werden in absehbarer Zeit allerdings nicht die normalen Blutspenden ersetzen können. Die Laborzellen seien eher für eine kleine Anzahl von Patientinnen und Patienten gedacht, die komplexe Anforderungen an eine Transfusion stellen, so das Forschungsteam.

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