Hoffnung für Betroffene: Biologische Erklärung für Wochenbettdepression gefunden

Mehr als jede zehnte Mutter erkrankt nach der Geburt ihres Kindes an postpartaler Depression. Eine neue Entdeckung könnte es möglich machen, Risikopatientinnen zu identifizieren und die Krankheit zu verhindern.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 7. Okt. 2022, 13:15 MESZ
Eine Mutter hält ihr Baby im Arm.

Schatten über dem Mutterglück: Die postpartale Depression ist eine ernste, langanhaltende depressive Erkrankung, die im ersten Jahr nach einer Entbindung auftritt. Was genau sie auslöst, konnte bisher nicht herausgefunden werden.


 

Foto von Hollie Santos / Unsplash

Schwangerschaft und Geburt sind überstanden, das neugeborene Baby liegt in den Armen der Mutter. Ein glücklicher Moment – sollte man meinen. Doch viele Mütter haben nach der Entbindung mit depressiver Verstimmung und Angstgefühlen zu kämpfen. Laut der Deutschen Depressionshilfe leiden zwischen 50 und 80 Prozent von ihnen unter dem sogenannten Baby Blues, der aber schon nach wenigen Stunden oder Tagen von allein wieder abklingt.

Bei zehn bis 15 Prozent der frischgebackenen Mütter verschwinden die Symptome jedoch nicht. Sie sind emotional labil und nicht dazu in der Lage, positive Gefühle für ihr Kind zu entwickeln. Ängste, Zwangsgedanken und die Überzeugung, keine gute Mutter zu sein, quälen sie. Im schlimmsten Fall besteht die Gefahr, dass die Frauen sich selbst oder ihrem Kind etwas antun. Die Diagnose: Postpartale Depression (PPD), auch Wochenbettdepression genannt. Bekannt ist, dass für Frauen, die schon früher in ihrem Leben an Depressionen oder depressiven Verstimmungen litten, das Risiko für PPD stark erhöht ist. Doch was genau die Erkrankung auslöst, konnte bisher nicht herausgefunden werden.

Jennifer L. Payne, Direktorin des Forschungsprogramms für Reproduktionspsychiatrie an der University of Virginia School of Medicine, und ihr Team haben nun einen bisher unbekannten biologischen Faktor ausgemacht, der in Bezug auf PPD relevant sein könnte. Laut ihrer Studie, die in der Zeitschrift Molecular Psychiatry erschienen ist, könnte eine Beeinträchtigung des Abbaus von altem genetischem Material in den Zellen der Betroffenen die Ursache für die postpartale Depression sein.

“Man geht davon aus, dass Defizite in der Autophagie Toxizität verursachen, die zu den mit Depressionen verbundenen Veränderungen im Gehirn und im Körper führen kann.”

von Jennifer Payne
Studienautorin

Aufräumprozess in den Zellen gestört

Während der Schwangerschaft ist die Kommunikation zwischen den Zellen mittels extrazellulärer RNA (eRNA) – also RNA, die sich außerhalb der Zellen befindet – besonders stark ausgeprägt. Sie spielt unter anderem bei der Einnistung des befruchteten Embryos in die Schleimhaut des Uterus eine entscheidende Rolle. Payne und ihr Team wollten herausfinden, ob dieser Aspekt auch Auswirkungen auf das Auftreten postpartaler Depressionen hat. Hierfür analysierten sie Blutplasmaproben von 14 Studienteilnehmerinnen, die ihnen während der Schwangerschaft entnommen worden waren. Nach der Geburt ihres Kindes waren einige der Teilnehmerinnen an PPD erkrankt, andere nicht.

Es fiel auf, dass sich die eRNA-Kommunikation in den Immunzellen der Frauen mit späterer Wochenbettdepression von der der gesunden Probandinnen deutlich unterschied. Außerdem stellten die Forschenden in den Zellen der Betroffenen „große und konsistente“ Beeinträchtigungen der Autophagie fest. Bei der Autophagie handelt es sich um wichtige zelluläre Aufräumprozesse, durch die der Körper alte und krankhafte Proteine und Zellbestandteile abbaut und anderweitig verwertet.

„Man geht davon aus, dass Defizite in der Autophagie Toxizität verursachen, die zu den mit Depressionen verbundenen Veränderungen im Gehirn und im Körper führen kann“, erklärt Jennifer Payne. „Bisher gab es kein umfassendes Verständnis für die biologische Grundlage postpartaler Depressionen. Unsere Studie bringt uns diesem Verständnis nun einen Schritt näher.“

PPD verhindern – und richtig behandeln

Dass die Störung der Autophagie auftritt, bevor die betroffenen Frauen Depressionssymptome entwickeln, deutet Payne zufolge darauf hin, dass die Beeinträchtigung Teil des Krankheitsprozesses ist. Basierend auf dieser Erkenntnis wäre es möglich, Risikopatientinnen mithilfe von Bluttests schon vor der Entbindung zu identifizieren und gezielt zu behandeln. Denn, so Payne, „es gibt mehrere Medikamente, die die Autophagie in Zellen fördern“ und Frauen so vor einer PPD-Erkrankung schützen könnten. „Ich hoffe sehr, dass unsere Arbeit zu besseren Behandlungsmöglichkeiten für postpartale Depressionen führt“, sagt sie. „Unser Ziel ist es, eines Tages PPD bei gefährdeten Frauen vollständig zu verhindern.“

Bis es soweit ist, ist es laut der Deutschen Depressionshilfe wichtig, weitreichend über PPD aufzuklären – auch um Betroffene von der Scham und den Schuldgefühlen zu entlasten, die sie empfinden. Nur wenige nehmen professionelle Hilfe in Anspruch und deuten stattdessen ihre Symptome als normale Erschöpfungsreaktionen auf Geburt und Mutterschaft. So bleibt die Krankheit unerkannt und wird unnötig verlängert. Leidtragende sind auch die Kinder, für deren kognitive, emotionale und soziale Entwicklung PPD bei der Mutter schwere Folgen haben kann. 

Deswegen ist es wichtig, dass sowohl betroffene Mütter als auch ihr Umfeld für die Krankheit sensibilisiert werden. Postpartale Depression ist kein persönliches Versagen oder Zeichen dafür, dass eine Frau eine schlechte Mutter ist oder ihr Kind nicht liebt. Sie ist eine gut behandelbare Krankheit – wenn sie erkannt wird.

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