Welt-AIDS-Tag: Wo stehen wir im Kampf gegen HIV?

Seit das Virus vor fast 40 Jahren entdeckt wurde, haben sich weltweit Millionen von Menschen infiziert – und täglich kommen Tausende dazu. Unter Hochdruck wird an Heilmitteln und Impfstoffen geforscht. Doch besiegt ist AIDS noch lange nicht.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 30. Nov. 2022, 08:57 MEZ
Ein HIV-Test in einem Testzentrum in Tansania.

Eine HIV-Test-Station im Dorf Pomerini in Tansania. In dem ostafrikanischen Land sind derzeit rund 1,7 Millionen Erwachsene und Kinder mit HIV infiziert. Südlich der Sahara ist AIDS die häufigste Todesursache. Die Zahlen in Deutschland sind wesentlich niedriger, doch Entwarnung kann auch hier nicht gegeben werden.

Foto von francovolpato / Adobe Stock

Im Jahr 1988 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den ersten Welt-AIDS-Tag aus. Seitdem ist der 1. Dezember ein Tag der Solidarität mit HIV-Infizierten, AIDS-Erkrankten und ihnen Nahestehenden. Er soll die Menschen daran erinnern, dass HIV und AIDS noch lange nicht überwunden sind und weiterhin eine große Gefahr für Gesundheit und Leben der Weltbevölkerung darstellen.

AIDS und seine Geschichte

Nach einer Infektion mit HIV – kurz für Humanes Immundefizienz-Virus –, tragen Betroffene das Virus unterschiedlich lang symptomlos in sich. Bleibt die Infektion unerkannt und wird nicht rechtzeitig therapiert, erkrankt eine infizierte Person früher oder später an der durch HIV verursachten Krankheit AIDS. Sie zerstört das Immunsystem, sodass der Körper sich nicht mehr gegen Krankheitserreger wie Bakterien, Pilze oder andere Viren wehren kann. Lebensbedrohliche Infektionen und Tumore sind die Folge.

Im Jahr 1981 bemerkten amerikanische Ärzte diese Symptome vermehrt bei zuvor völlig gesunden, jungen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Bei einer Konferenz des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im Jahr 1982 – als auch in Deutschland die ersten Fälle auftraten – einigte man sich auf eine Bezeichnung für die bis dahin namenlose Krankheit: AIDS. Die Abkürzung steht für „acquired immunodeficiency syndrome“, zu Deutsch erworbenes Immundefizienzsyndrom. Ein Jahr später identifizierten Forschende des Institut Pasteur in Paris ein bis dahin unbekanntes Retrovirus als das HI-Virus, das AIDS auslöst.

Seit Beginn der HIV-Epidemie vor 40 Jahren haben sich laut Schätzungen des Gemeinsamen HIV/AIDS-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) weltweit etwa 84,2 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Ungefähr 40,1 Million sind daran gestorben. Während die Zahlen in Osteuropa und afrikanischen Ländern weiter steigen – südlich der Sahara ist AIDS die häufigste Todesursache –, brachten in Mitteleuropa Aufklärungskampagnen und Prävention die Zahl der Neuinfektionen auf einen relativ niedrigen Stand.

“Es bedarf weiterer Anstrengungen, vor allem, um die zielgruppenspezifischen Testangebote und den Zugang zu Therapie und Prophylaxe zu verbessern.”

von Lothar Wieler
Präsident des RKI

HIV in Deutschland: Aktuelle Zahlen

Anlässlich des Welt-AIDS-Tags 2022 hat das Robert Koch-Institut (RKI) die aktuelle HIV/AIDS-Situation analysiert. Demnach leben derzeit rund 90.800 HIV-Infizierte in Deutschland, von denen sich etwa 1.800 Personen im Jahr 2021 neu mit dem HI-Virus infiziert haben. Verglichen mit geschätzten 1,5 Millionen Neuinfektionen weltweit – also rund 4.000 pro Tag – erscheint die Zahl aus Deutschland niedrig. Doch die Epidemiologen befürchten, dass die Zahl höher liegen könnte, weil sich aufgrund der COVID-19-Pandemie im Jahr 2021 möglicherweise weniger Menschen auf HIV haben testen lassen.

Selbst wenn die Zahlen stimmen sollten, sieht Lothar Wieler, Präsident des RKI, keinen Grund zur Entspannung. „Diese Fallzahlen sind immer noch zu hoch“, sagt er. „Es bedarf weiterer Anstrengungen, vor allem, um die zielgruppenspezifischen Testangebote und den Zugang zu Therapie und Prophylaxe zu verbessern.“

AIDS-Forschung: Heilung, Therapie, Prophylaxe

HIV und AIDS bleiben gefährlich, weil noch immer kein Heilmittel existiert. Zwar gab es in der jüngeren Vergangenheit einige wenige Fälle, bei denen Betroffene ihre Infektion überwunden haben, dies geschah jedoch im Rahmen von Krebsbehandlungen unter Einsatz von Chemo- und Stammzellentherapie sowie Knochenmarktransplantationen. Wegen der damit verbundenen starken Nebenwirkungen ist dieser Ansatz für die meisten HIV-Infizierten aber keine Option.

Wer sich infiziert, trägt das Virus nach derzeitigem Stand also für den Rest seines Lebens im Körper. Dank wirksamer Therapien mit antiviralen Medikamenten wird die Viruslast im Körper jedoch niedrig gehalten und das Auftreten der lebensgefährlichen Symptome verhindert. Im Jahr 2021 erhielten 96 Prozent aller Infizierten in Deutschland eine solche antiretrovirale Therapie. Bei fast allen war sie so erfolgreich, dass von ihnen keine Ansteckungsgefahr mehr ausging. Eine HIV-Infektion muss heute kein Todesurteil mehr sein, doch Betroffene können diesen Status nur halten, indem sie ein Leben lang Medikamente einnehmen.

Wissen kompakt: AIDS
Derzeit leben um die 37 Millionen Menschen weltweit mit AIDS. Woher kommt der HI-Virus, der diese Krankheit verursacht, und wie konnte AIDS zu einer der schlimmsten Pandemien der modernen Geschichte werden?

Für Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko steht eine sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zur Verfügung, deren Kosten hierzulande seit September 2019 von den Krankenkassen übernommen werden. In Deutschland zählen unter anderem Männer, die Sex mit Männern haben, Partnerinnen und Partner von AIDS-infizierten Menschen, aber auch Menschen, die Drogen injizieren, oder Sex-Arbeitende zu denen, die ein vorbeugendes Medikament einnehmen. Der Rückgang der HIV-Neudiagnosen seit 2019 lässt laut dem RKI darauf schließen, dass PrEP Neuinfektionen verhindert. Doch weil sich im Zuge der COVID-19-Pandemie das Sexual- und Testverhalten geändert habe, könne dieser Zusammenhang nicht zuverlässig eingeschätzt werden.

Warum gibt es keine Impfung gegen HIV?

Neben Therapien und Heilansätzen beschäftigt sich die weltweite HIV- und AIDS-Forschung auch intensiv mit der Möglichkeit einer Impfung. Nachdem in Rekordzeit RNA-Impfstoffe gegen das SARS-CoV-2-Virus entwickelt und verfügbar gemacht wurden, stellen sich viele die Frage, warum es nach vier Dekaden noch immer keinen HIV-Impfstoff gibt. In einem Artikel, der im Juni 2022 in der Zeitschrift MMW-Fortschritte der Medizin erschienen ist, erklären Ralf Wagner und Benedikt Asbach vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Regensburg, woran das liegt.

Ein Grund seien die vielen Varianten und Subtypen des HI-Virus – nicht nur in den weltweit vorkommenden Virusstämmen, sondern auch innerhalb eines Patienten. Ein Protein in der Virushülle erschwert außerdem die Anbindung von Antikörpern. In den vergangenen 25 Jahren gab es insgesamt zehn Studien zu HIV-Impfstoffkandidaten, von denen zwei noch nicht abgeschlossen sind: Ein zuverlässiger Impfstoff konnte bisher nicht gefunden werden.

Die RNA-Technologie mag auf die große Diversität und Ausweichstrategien des Virus keine direkte Antwort zu bieten haben. Weil dank ihr aber sehr viel schneller und kostengünstiger Testchargen für klinische Studien hergestellt werden können, ist sie trotzdem eine große Hilfe bei der Suche nach einem funktionierenden Impfstoff.

Weiterhin unverzichtbar: Kondome und Tests

Auch ohne Impfung gibt es Mittel zur Prävention einer Ansteckung mit HIV: Kondome bleiben der wichtigste Schutz vor einer Infektion. Das RKI betont außerdem die Bedeutung von leicht zugänglichen Testangeboten, denn die größte Infektionsgefahr geht von Menschen aus, die nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen. Laut Schätzungen von UNAIDS waren sich im Jahr 2021 weltweit rund 5,9 Millionen Betroffene ihrer Infektion nicht bewusst.

Je früher eine Diagnose gestellt wird, desto mehr Ansteckungen können vermieden werden – und desto besser sind die Überlebenschancen für Infizierte. Laut dem RKI lag in Deutschland jedoch bei einem Drittel der Betroffenen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits ein fortgeschrittener Immundefekt vor. Fast jede fünfte Infektion wurde erst festgestellt, als die Betroffenen bereits voll an AIDS erkrankt waren.

Das zeigt, wie wichtig der Welt-AIDS-Tag nach wie vor ist. Denn ein Bewusstsein für die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, ist die Voraussetzung dafür, dass wir es mit Vorsicht und Eigenverantwortung in Schach halten – bis die Forschung uns neue Mittel an die Hand gibt.

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