Peniskomplex und Männerschnupfen: Studien untersuchen Geschlechterklischees

Haben Frauen mehr Mitgefühl? Leiden Männer bei einer Erkältung unter schlimmeren Symptomen? Was hat die Penislänge mit der Liebe zu schnellen Autos zu tun? Die Wissenschaft gibt Antworten.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 20. Jan. 2023, 08:38 MEZ
Ein Mann im Anzug lehnt an seinem roten Sportwagen.

Schnelle Sportwagen und wenig Empathie: Was steckt hinter den gängigsten Männerklischees?

Foto von Manuel / Adobe Stock

Typisch Mann, typisch Frau: Der Hang dazu, verschiedenen Geschlechtern spezifische Eigenschaften und Fähigkeiten zuzuordnen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Ein Schubladendenken, das im Laufe der Zeit teilweise skurrile Klischees hervorgebracht hat. Wissenschaftlich belegt sind die wenigsten – bisher. Drei aktuelle Studien haben sich mit geschlechtsspezifischen Vorurteilen auseinandergesetzt.

Frauen sind empathischer als Männer

Dem Klischee nach sind Frauen besser dazu in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen und Gefühle und Gedanken nachzuempfinden. Ob bei Männern die Fähigkeit zur sogenannten kognitiven Empathie tatsächlich schwächer ausgeprägt ist, haben Forschende der University of Cambridge im Rahmen einer Studie untersucht, die in der Zeitschrift PNAS veröffentlicht wurde.

Die Daten für das Forschungsprojekt stammen von verschiedenen Online-Plattformen, die den „Reading the Mind in the Eyes“-Test – kurz RMET – anbieten. Der psychologische Test, der das individuelle Empathieempfinden abbildet, besteht aus einer Reihe von Bildern der Augenregion eines Gesichts. Testkandidaten müssen mit einem Wort beschreiben, was die gezeigte Person denkt oder fühlt. Für die Studie wurden große Stichproben ausgewertet, die die Testergebnisse von über 300.000 Menschen aus 57 Ländern im Alter zwischen 16 und 70 Jahren umfassten.

“Unsere Ergebnisse sind einer der ersten Belege dafür, dass das bekannte Phänomen, dass Frauen im Schnitt empathischer sind als Männer, in einer Vielzahl von Ländern zu beobachten ist.”

von David M. Greenberg
Honorary Research Associate in Cambridge

In 36 Ländern schnitten die weiblichen Testkandidaten besser ab als die männlichen. In 21 Ländern waren die Ergebnisse beider Geschlechter ähnlich. In keinem Land waren die Männer besser. „Unsere Ergebnisse sind einer der ersten Belege dafür, dass das bekannte Phänomen, dass Frauen im Schnitt empathischer sind als Männer, in einer Vielzahl von Ländern zu beobachten ist“, sagt David M. Greenberg von der israelischen Bar-Ilan University, Hauptautor der Studie und Honorary Research Associate in Cambridge.

Die Studienautoren führen die auffälligen Geschlechterunterschiede sowohl auf biologische als auch auf soziale Faktoren zurück. Was genau aber die Fähigkeit zur Empathie beeinflusst, bleibt Gegenstand weiterer Forschung.

Sportwagen kompensieren Peniskomplex

Einem gängigen Klischee zufolge versuchen männliche Besitzer von Sportwagen, mit ihrem Fahrzeug ein klein geratenes Geschlechtsteil zu kompensieren. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, haben nun Psychologen des University College in London im Rahmen eines Experiments erforscht. Ihre Ergebnisse sind als Vorab-Publikation auf der Plattform PsyArXiv Preprints erschienen.

Insgesamt nahmen 200 Männer im Alter zwischen 18 und 74 Jahren an der Studie teil, die in verschiedene Versuchsgruppen aufgeteilt wurden. Unter dem Vorwand, man wolle herausfinden, wie gut Menschen sich Informationen während des Onlineshoppings merken können, wurden ihnen am Bildschirm Fakten und Produktbilder präsentiert. Mit einem Mausklick sollten die Probanden angeben, wie begehrenswert sie die gezeigten Produkte einstufen.

Um künstlich einen Peniskomplex herbeizuführen, wurde den Probanden der einen Gruppe der vermeintliche Fakt mitgeteilt, der durchschnittliche Penis hätte im erigierten Zustand eine Länge von 18 Zentimetern – das sind fast fünf Zentimeter mehr als es den Tatsachen entspricht. Eine zweite Gruppe erhielt die Information, der Durchschnittspenis sei zehn Zentimeter lang, also rund 3 Zentimeter kürzer als faktisch richtig.

Das Ergebnis: In der ersten Gruppe war das Interesse an Sportwagen deutlich höher als in der zweiten – Männer, die denken, ihr Penis sei im Vergleich zu anderen kürzer, zeigten also eine starke Tendenz zu schnellen Autos. Allerdings macht sich dieser Effekt erst ab einem Alter von 29 Jahren bemerkbar und nimmt zu, je älter die Probanden sind. Jüngere Teilnehmer empfanden Sportwagen seltener als begehrenswert, unabhängig davon, zu welcher Versuchsgruppe sie gehörten.

Männern haben schwerere Erkältungssymptome

Ob Männer bei einem Erkältungsinfekt tatsächlich unter schwereren Symptomen leiden als Frauen, wurde lange nicht empirisch untersucht. Forschende der Medizinischen Universität Innsbruck in Österreich haben sich deswegen den sogenannten Männerschnupfen und seine Auswirkungen genauer angesehen. Ihre Studie ist in der Zeitschrift Journal of Psychosomatic Resarch erschienen.

Das Forschungsteam beobachtete den Verlauf grippeähnlicher Symptome bei 113 männlichen und weiblichen Patienten innerhalb der ersten acht Tage nach der Infektion. Dabei sammelten sie Daten aus der subjektiven Bewertung der Symptome durch die Patienten selbst und der objektiven Beurteilung durch einen Arzt.

Hinsichtlich der Symptome gab es hierbei keine geschlechtsspezifischen Unterschied. Alle Patienten, egal ob Mann oder Frau, klagten über Symptome wie verstopfte Nasen, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Schlafmangel, die bei beiden Geschlechtern objektiv gleich stark ausgeprägt waren. Laut den Studienautoren wird die Hypothese des Männerschnupfens durch die Studie also nicht gestützt.

Der einzige auffällige Geschlechtsunterschied, der im Rahmen der Studie beobachtet werden konnte, war die schnellere Genesung von dem Infekt, die bei den Frauen auftrat. Die Forschenden führen sie auf die Wechselwirkung zwischen Sexualhormonen und Immunsystem zurück.

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