Geschichte und Kultur

Kannibalismus-Studie: Menschen sind nicht sehr nahrhaft

Auch wenn unsere Vorfahren Kannibalismus praktiziert haben, konnte der Verzehr von Menschen einfach nicht mit einem erlegten Mammut mithalten. Donnerstag, 9 November

Von Erika Engelhaupt

Notiz für den prähistorischen Partyplaner: Ein totes Mammut kann 25 hungrige Neandertaler einen Monat lang ernähren, aber einen Menschen zu essen, würde der Sippe nicht mal ein Drittel der täglich benötigten Kalorien bringen.

Im Grund seid ihr ein Mittagessen auf Beinen.

Ein neuer Blick auf den Nährwert von menschlichem Fleisch zeigt, dass Menschen im Vergleich zu anderen steinzeitlichen Beutetieren im Verhältnis zu ihrer Größe nicht besonders kalorienreich waren.

„Wenn man uns mit anderen Tieren vergleicht, sind wir wirklich nicht besonders nahrhaft“, sagt der Autor der Studie James Cole von der Universität von Brighton, der seine Arbeit am Donnerstag im „Scientific Reports“ veröffentlicht hat.

Laut seiner Schätzung liefert jedes Pfund Muskelfleisch von Wildschwein und Biber beispielsweise 1.800 Kalorien, beim modernen Menschen wären es nur 650 Kalorien. Er fügt an, dass das ein erwartbarer Wert sei, vergleicht man unsere durchschnittliche Größe und unseren Körperbau im Hinblick auf Muskeln mit anderen Tieren.

Wenn Menschen also keine besonders hochwertige Beute waren, fragt Cole, warum sollte man sie dann essen? Schließlich wären sie nicht gerade einfach zu jagen, wenn sie nicht gerade krank waren oder im Sterben lagen.

„Man muss einen Jagdtrupp zusammenstellen und sie aufspüren, und selbst dann stehen sie ja nicht einfach nur rum und warten darauf, dass man sie mit einem Speer durchbohrt“, erklärt Cole.

Stattdessen, so argumentiert er, dienten vielleicht nicht alle Fälle von Kannibalismus in vergangenen Zeiten dem Füllen von Bäuchen. Er könnte für frühe Menschen und deren Vorfahren auch diverse soziale Funktionen erfüllt haben.

KANNIBALISTISCHE WURZELN

Archäologen haben im menschlichen Stammbaum Hinweise auf Kannibalismus gefunden, die bis zu 80.000 Jahre zurückreichen. Auch wenn Schnitt- und Bissspuren an Knochen keine Intentionen verraten können, bieten die alten Überreste doch ein paar Hinweise darauf, wie verbreitet kannibalistische Praktiken während der menschlichen Evolutionsgeschichte waren.

In Spanien wurden an der Höhlenfundstelle Gran Dolina beispielsweise die Schlachtreste von Bisons, Schafen und Rotwild vermischt mit den Überresten von mindestens elf Menschen gefunden, von denen alle Kinder oder Jugendliche waren und deren Knochen Anzeichen von Kannibalismus aufwiesen. Zusätzlich zu Spuren, die zeigen, dass das Fleisch von den Knochen genagt wurde, gibt es Hinweise darauf, dass die Bewohner der Gran Dolina – altee Verwandter des Menschen namens Homo antecessor – die Gehirne ihrer Opfer aßen.

Die menschlichen Schlachtreste treten in der Höhle in Schichten auf, die eine Zeitspanne von etwa 100.000 Jahren umfassen. Das weist darauf hin, dass diese Praxis wohl einigermaßen regelmäßig betrieben wurde.

Die Überreste waren auch mit denen anderer Tiere vermengt, die auf dieselbe Weise zubereitet wurden, was einige Anthropologen zu der Annahme veranlasst, dass der Kannibalismus an dieser Stelle womöglich nicht im Zuge eines Nahrungsmangels stattfand, sondern als rituelles Verhalten.

Womöglich war Menschenfleisch ein ganz gewöhnlicher Teil ihrer Kost, oder vielleicht waren die Kinder und Jugendlichen auch Außenseiter und Kannibalismus fungierte als effektives „Betreten verboten!“-Schild – anhand der Knochen lässt sich das nicht mit Sicherheit sagen.

Das sei bei den meisten Fällen von prähistorischem Kannibalismus so, sagt Anthropologin Silvia Bello vom National History Museum in London.

„Ich stimme [mit Cole] überein, dass steinzeitlicher Kannibalismus vermutlich öfter eine „Wahl“ als eine bloße „Notwendigkeit“ war“, erzählt sie. „Ich denke aber, dass es eine sehr schwierige Angelegenheit ist, die Motivation hinter dieser Wahl herauszufinden.“

FLEISCH IST GLEICH FLEISCH?

In einigen Fällen war Kannibalismus vielleicht einfach pragmatisch motiviert.

„Die Frage ist nicht die des Nährwerts im Vergleich zu anderer Beute“, argumentiert der Anthropologe Erik Trinkaus der Washington Universität in St. Louis. „Es ist eine Frage des Überlebens, wenn es keine anderen Nahrungsquellen gibt, Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe gestorben sind und die überlebenden Mitglieder dann die bereits verstorbenen essen.“

Cole räumt ein, dass wir nur begrenzte Einsichten aus seiner eingeschränkten Analyse des Nährwerts ziehen können, die nur auf ein paar wenigen modernen Menschen basiert. Und unsere Vorfahren haben sicherlich keine Kalorien gezählt, um Entscheidungen für ihr Abendessen zu treffen.

Vielleicht, so sagt er, ist die eigentliche Botschaft, dass frühe Menschen weniger einheitliche Motivationen für Kannibalismus hatten, als wir ihnen zugestehen. Schließlich hat der Kannibalismus der letzten Jahrhunderte unterschiedliche Wurzeln, einschließlich Kriegen, Überlebensdrang, spirituellem Glauben und Psychosen.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass frühe Menschen überlebten, indem sie einfach besonders opportunistisch und manchmal eben auch kannibalistisch waren, sagt Bill Schutt, ein Biologieprofessor der Long Island University Post Campus und Autor des neuen Buches „Cannibalism: A Perfectly Natural History“. 

„Kannibalismus ist im Tierreich extrem weit verbreitet“, erklärt Schutt, und auch Menschen seien keine Ausnahme. „Was uns unterscheidet, sind die Rituale, die Kultur und Tabus. Wir wurden so geprägt, dass wir glauben, Kannibalismus wäre das Schlimmste, was man tun könnte.“

Tatsächlich sei es etwas unangenehm gewesen, den Kaloriengehalt von Menschenfleisch auszurechnen, sagt Cole, das es ihn dazu gezwungen hat darüber nachzudenken, wie Kannibalismus eigentlich so wäre. „Es fiel mir das letzte Jahr recht schwer, Bacon zu essen.“

Wei­ter­le­sen