Tiere

Kamerafalle offenbart: Hasen sind Fleischfresser und Kannibalen

Im kanadischen Yukon machen die kleinen Tiere auch vor Kadavern großer Raubtiere nicht Halt. Freitag, 18 Januar

Von Adam Popescu

Die wilden Cousins unserer flauschigen Hauskaninchen fressen bei passender Gelegenheit nicht nur Fleisch – sie werden sogar zu Kannibalen, wie Bilder aus Kamerafallen offenbarten.

Die Schneeschuhhasen im kanadischen Yukon verzehren Fleisch, um in den langen Wintermonaten an einem der kältesten Orte der Welt ihre karge Kost zu ergänzen.

Während des Sommers knabbern sich die kleinen Säuger durch die Vegetation. Wenn die Landschaft jedoch unter einer dicken Schneedecke liegt und die Temperaturen auf unter -30°C fallen, machen sich die hungrigen Hasen auch über Kadaver ihrer Artgenossen oder diverser Vogelarten her.  

In einer ironischen Umkehr der Nahrungskette fressen die Hasen sogar die Kadaver toter Kanadischer Luchse – ihr größter Fressfeind, sagt Michael Peers, ein Ökologiedoktorand an der kanadischen University of Alberta in Edmonton. Er leitete eine aktuelle Studie über das Phänomen, die in „Bio One Complete“ erschien.

„Das hat mich wirklich geschockt, als ich das zum ersten Mal gesehen habe“, sagt Peers, der vermutet, dass die Hasen während der entbehrungsreichen Wintermonate zusätzliches Protein mit dem Fleisch aufnehmen. „Ich hatte keine Ahnung, dass sie auch Aas fressen.“

Peers entdeckte die fleischfressenden Hasen eher durch Zufall. Er hatte nahe der Grenze zu Alaska Kamerafallen neben Tierkadavern auf dem Mount St. Elias aufgestellt. Eigentlich hatte er erwartet, dass Raubtiere vorbeikommen und die kostenlose Mahlzeit mitnehmen würden. Stattdessen offenbarten Aufnahmen aus insgesamt zweieinhalb Jahren, dass Hasen an 20 der 161 überwachten Kadaver knabberten.

Die überraschenden Schnappschüsse deuten an, dass sich Schneeschuhhasen nicht so leicht als Pflanzen- oder Fleischfresser kategorisieren lassen – und dass sie regelmäßig Fleisch verzehren.

Gefiederte Mahlzeit

Berichte über Hasen, die Fleisch fressen, gibt es schon seit mindestens 1921. Allerdings fehlten Belege zu diesen Anekdoten. Peers zufolge sind seine Aufnahmen die ersten Bilder dieses Verhaltens, die je gemacht wurden.

Andere Wissenschaftler waren aber schon nah dran. Als der Biologe Kevan Cowcill 2010 Säugetierbestände für die Provinz Ontario erforschte, verteilte er offene Sardinenbüchsen im borealen Nadelwald. Statt Wölfe und Marder, die sich die Fische schnappten, hielten seine Kamerafallen allerdings Hasen fest.

 

„Sie stellten sich auf ihre Hinterläufe und zogen sich die Sardinen aus der Büchse, die ich an einen Baum genagelt hatte“, erinnert sich Cowcill, der seine Beobachtungen jedoch nicht publizierte. „Ich habe auch einen [Hasen] an einem Kadaver gesehen, aber ich nahm an, dass er nur an den Knochen gekaut hatte, weil ich mehrere Knochen und Geweihe mit Nagespuren von Hasen und Nagetieren gefunden hatte. Aber vielleicht hat er tatsächlich auch das Fleisch gefressen?“

Eine der seltsamsten Entdeckungen, die sich in den jüngsten Daten verbargen, ist Peers zufolge, dass die Hasen auch die Federn vom Kadaver eines Tannenhuhns fraßen. Wie die Säugetiere diese Federn – die womöglich als Ballaststoffquelle dienen – überhaupt verdauen können, ist unbekannt. (Das weiße Fell der Hasen ist ebenfalls eine Überlebensstrategie. Aber was machen die Tiere, wenn gar kein Schnee fällt?)

„Man weiß mittlerweile, dass viele Tiere, die wir für Pflanzenfresser halten, tatsächlich auch Fleisch fressen“, sagt er. „Das hier ist vor allem deshalb eine Neuentdeckung, weil auch Federn gefressen wurden. Davon waren viele Ökologen überrascht.“

Der absichtliche Verzehr von Federn – die größtenteils aus Keratin bestehen und nur wenig Protein enthalten – sei unter Säugetieren enorm selten, wie er sagt.

Außerdem hat es ihn überrascht, dass die Hasen die Kadaver auch vor Artgenossen verteidigten. Peers vermutet, dass er die Hasen aufgrund der Konkurrenz nicht an größeren Kadavern – wie zum Beispiel Elchen – angetroffen hat. Als so kleine Tiere haben sie keine guten Chancen, etwas von Kadavern abzubekommen, an denen sich Wölfe und Vielfraße zu schaffen machen. Aber Aas in ihrer eigenen Größenordnung, beispielsweise Kadaver anderer Hasen, ist ideal.

Abwechslungsreiche Kost

Etliche andere nordamerikanische Studien haben ebenfalls dazu beigetragen, die Grenze zwischen Pflanzen- und Fleischfressern aufzuweichen.

In den Appalachen fraßen Baumwollschwanzkaninchen an den Kadavern von Raufußhühnern, in Wisconsin verzehrten Kühe anscheinend Vogeleier und -küken, in Alaska schnappen sich Biber bisweilen einen Lachs, und die Weißwedelhirsche in North und South Dakota fallen – ähnlich wie die Kühe – über die Nester von Bodenbrütern her.

Andere vermeintliche Vegetarier in kalten Regionen wie das Arktische Ziesel wurden schon bei der Jagd auf Lemminge beobachtet, sagt Rudy Boonstra. Der Ökologe der University of Toronto Scarborough entdeckte das unerwartete Verhalten in den späten Achtzigern.

„Das ist wirklich bemerkenswert“, sagt Boonstra, der an der neuen Studie mitgeschrieben hat. „Diese Pflanzenfresser sind gar keine reinen Pflanzenfresser.“

Als er in den kanadischen Nordwest-Territorien Lemminge erforschte, beobachtete Boonstra, wie Ziesel die Lemminge jagten, aus ihren Bauen ausgruben und sie in ihren eigenen Bau brachten, um sie dort zu verzehren.

„Als erstes fraßen sie die Gehirne“, erzählt er. „Im Winter ernähren sich diese Pflanzenfresser von einer proteinarmen Kost, und das versuchen sie auszugleichen.“

Boonstra fügt noch hinzu, dass das Verhalten der Ziesel eine spannende Frage aufwirft: Machen die Schneeschuhhasen vielleicht auch gezielt Jagd auf kleine Beutetiere?

Bisher gibt es dafür keine Beweise, aber Peers plant, seine Forschungen fortzusetzen. Wer weiß, welche Überraschungen die vermeintlich harmlosen Häschen noch bereithalten.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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