Geschichte und Kultur

Prähistorische „Brotdose“ liefert Einblicke in das Leben früher Europäer

Diese Reste des Inhalts eines hölzernen Behälters aus der Bronzezeit helfen Wissenschaftlern dabei, die Evolutionsgeschichte früher Europäer zusammenzufügen.Donnerstag, 9. November 2017

Von Sarah Gibbens
Dieses Artefakt aus der Bronzezeit wurde auf einer Höhe von 2.650 Metern in den Schweizer Alpen entdeckt.

Irgendwann vor etwa 2.000 bis 4.000 Jahren hat ein früher Europäer auf seiner Wanderung durch die Schweizer Alpen sein Mittagessen verloren.

2012 wurde ein kleiner, rundlicher Behälter aus Holz auf einem etwa 2.650 Meter hohen Gipfel in den westlichen Berner Alpen der Schweiz entdeckt. Zum Zeitpunkt der Ausgrabung fanden sich in der entsprechenden Grabungsstätte eine ganze Reihe alter Artefakte. Die rapide schmelzenden Gletscher – ein Resultat der steigenden Temperaturen – gaben Objekte preis, die seit Tausenden von Jahren von keiner Menschenhand mehr berührt worden waren. (Seit 75 Jahren vermisste Leichen dank Gletscherschmelze gefunden)

Als man den Behälter fand, stach er inmitten den anderen Artefakten nicht besonders hervor. Tests ergaben nun jedoch, dass die kleine Box große Einblicke in die frühe menschliche Landwirtschaft bereithält.

Mikroskopische und molekulare Analysen der Proteine und Fettsäuren, die noch in dem Behälter vorhanden waren, zeigten, dass er einst Getreidekörner enthielt. Ähnliche Tests an anderen Artefakten der Bronzezeit, die in Europa gefunden wurden, offenbarten, dass die meisten Lebensmittelgefäße Milch oder Fleisch enthielten. Spuren von Getreide aus menschlichen Anbau waren hingegen äußerst selten. Pflanzen zersetzen sich in archäologischen Stätten sehr schnell. Daher müssen die Forscher die Artefakte auf molekularer Ebene untersuchen, um sich ein genaues Bild ihres einstigen Inhalts machen zu können.

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Die Analysen des Lebensmittelbehälters wurden von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und der Universität von York durchgeführt. Eine Pressemitteilung des Instituts verweist auf die evolutionäre Bedeutung von Getreide in der Menschheitsgeschichte.

„Die Züchtung von Pflanzen, wie zum Beispiel Weizen, war einer der wichtigsten kulturellen und evolutionären Schritte für unsere Art. Direkte Beweise für die Verwendung von Zuchtpflanzen, beispielsweise eine frühe kulinarische Anwendung, waren bisher frustrierend schwer zu finden“, erklärte das Institut online.

In dem Behälter aus den Alpen fanden sich Spuren von Weizen und von Gerste oder Roggen. Weizen zählt zu den ersten Kulturpflanzen der Welt und ist auch heute noch die Getreidesorte, die weltweit am verbreitetsten ist. Ein Bericht des Landwirtschaftsministeriums der USA hebt hervor, dass Weizen erstmals vor 10.000 Jahren in einem Gebiet im Mittleren Osten kultiviert wurde, das auch als Fruchtbarer Halbmond bezeichnet wird. Diese Kultivierung ermöglichte es frühen Menschen, sich von ihrem Lebensstil als Jäger und Sammler zu landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften zu entwickeln.

Der Gebirgspass Schnidejoch, in dem der Behälter gefunden wurde, führt vom Schweizer Kanton Wallis nach Italien. Die Forscher hoffen, dass dieser Fund ein Teil der Antwort auf die Frage ist, wie sich diese frühen landwirtschaftlichen Praktiken entwickelt und über ganz Eurasien verbreitet haben.

Weil der Behälter aus dem Holz der Zirbelkiefer relativ klein und leicht ist, vermuten die Forscher, dass er auf Reisen über den Pass genutzt wurde.

Das Bronzezeitalter war eine Zeit der Massenmigration in Europa. Eine Studie, die 2015 in „Nature“ erschien, analysierte DNA aus dieser Periode und fand heraus, dass Menschen aus den Regionen des heutigen Russlands und der Ukraine wahrscheinlich während dieser Zeit nach Westen wanderten.

Die Autoren der Studie meinen, dass frühe Siedlungen an ihrem Ende des Schnidejochs darauf hindeuten, dass es in der Region auch Handel im kleineren Rahmen gab.

Einer der Autoren, Francesco Carrer, sagte in einer Pressemitteilung, dass die Nutzung des Gegenstandes Parallelen zu heutigen Gewohnheiten aufweist. „Diese Befunde werfen ein neues Licht auf prähistorische Alpengemeinschaften und ihr Verhältnis zu extremen Höhen. Die Menschen, die damals den Alpenpass überquerten, nahmen Essen für ihre Reise mit, genau wie heutige Wanderer.“

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