Eisschmelze legt verborgenen Handelspass der Wikinger frei

1.000 Jahre alte Schlitten, Hufeisen und Werkzeuge zeugen in Norwegen von der Geschichte eines Bergpasses, der jahrhundertelang unter dem Eis lag.

Monday, April 20, 2020,
Von Erin Blakemore
Das Lendbreen-Eisfeld in Norwegen, hier zu sehen auf einer Aufnahme von 2019, schmilzt. Zum Vorschein kommen ...

Das Lendbreen-Eisfeld in Norwegen, hier zu sehen auf einer Aufnahme von 2019, schmilzt. Zum Vorschein kommen dabei neben Werkzeugen auch Pferdeäpfel – ein Hinweis auf die Reisenden, die diesen Pass vor Jahrhunderten überquerten.

Bild Espen Finstad, Secrets of the Ice

Alles begann mit einem 1.800 Jahre alten Hemd. Der Archäologe Lars Holger Pilø sah zu, wie seine Kollegen eine alte Wolltunika in einer schmelzenden Eisfläche auf dem Lomseggen fanden, einem Berg im Süden Norwegens. Pilø fragte sich, was dort wohl noch alles verborgen lag. Als der Rest des Teams den wertvollen Fund barg, entfernte er sich zusammen mit einem anderen Archäologen von der Gruppe und lief den Rand der schmelzenden Eisfläche im Gebirgsnebel ab.

Als sein Blick die Nebeldecke durchdrang, begriff Pilø bald, dass vor ihm diverse Gegenstände lagen, die das Tageslicht seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatten. Kaputte Schlitten, Werkzeuge und andere Zeugnisse des Alltags vor fast 2.000 Jahren lagen verstreut auf dem Lendbreen-Eisfeld, das aufgrund der Klimaerwärmung rapide abschmolz.

„Es dämmerte uns, dass wir etwas ganz Besonderes gefunden hatten“, sagt Pilø, der das Glacier Archaeology Program im norwegischen Oppland leitet. „Wir sind quasi auf archäologisches Gold gestoßen.“

Eine neue Studie, die im Fachmagazin „Antiquity“ erschien, dokumentiert, was danach geschah: die Entdeckung von mehr als 1.000 Artefakten, die die Zeit im Eis überdauert haben.

Die Gegenstände stammen aus dem Zeitraum von etwa 300 bis 1500 n. Chr. und erzählen die Geschichte eines Bergpasses, der als wichtige Reiseroute für Siedler und Bauern diente. Sie reisten zwischen ihren dauerhaften Wintersiedlungen am Fluss Otta im Süden Norwegens und ihren höhergelegenen Sommerfarmen weiter im Süden hin und her. Als sie das raue Gelände passierten, ließen diese Reisenden viel von ihrem Hab und Gut zurück, von Hufeisen über Küchengeräte bis hin zu Kleidungsstücken. Als sich im Laufe der Jahrhunderte die Schneedecke verdichtete, froren diese vergessenen Gegenstände in dem Eis ein, das schließlich das Lendbreen-Eisfeld bildete.

Solche Eisflächen findet man in größeren Höhenlagen. Sie unterscheiden sich allerdings von ihren größeren Cousins, den Gletschern. Wenn Objekte in Gletschern gefangen werden, werden sie schlussendlich durch die Bewegungen der Eismassen pulverisiert. Eisflächen hingegen sind starr: In ihnen bleiben Gegenstände in hervorragendem Zustand erhalten, bis das Eis schmilzt.

Pilø – der Erstautor der Studie – und seine Kollegen haben bisher 60 der 1.000 Lendbreen-Artefakte mithilfe der Radiokarbonmethode datiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die menschliche Nutzung des Passes wohl um das Jahr 300 begann, als günstige Klimabedingungen in der Gegend zu einem plötzlichen Bevölkerungswachstum führten. Um das Jahr 1000 erreichte die Reiseaktivität ihren Höhepunkt. Aufgrund wirtschaftlicher und klimatischer Veränderungen hat der Abschwung bereits vor den 1340ern begonnen, als die Pest Norwegen erreichte.

Mysterium gelöst – durch Zufall

Zu den gefundenen Gegenständen gehören Schlitten, eine seltene und vollständige Wolltunika aus dem 3. Jahrhundert, ein Handschuh, Schuhe und ein Schneebesen. Einer von Piløs Lieblingsfunden war ein kleines Mysterium, bis er in einem örtlichen Museum ausgestellt wurde, wo eine ältere Besucherin eine Erklärung liefern konnte: Das kleine, gedrechselte Holzobjekt wurde wahrscheinlich als Gebiss benutzt, um kleine Zicklein oder Lämmer daran zu hindern, an ihrer Mutter zu säugen, damit die Menschen deren Milch für sich nutzen konnten, sagte die Frau.

Sie hatte in den 1930ern selbst auf einer Sommerfarm gelebt. Ihre Familie hatte damals Gebisse aus hartem Wacholderholz gedrechselt, die fast genau wie das mysteriöse Objekt aus dem 11. Jahrhundert aussahen. Auch das tausend Jahre alte Gebiss wurde aus Wacholder gefertigt, wie sich herausstellte.

Das Lendbreen-Eisfeld schmilzt rapide ab, wie beim Vergleich dieser zwei Aufnahmen von 2006 (oben) und 2018 deutlich wird.

Bild Espen Finstad, Secrets of the Ice

Es scheint außerdem so, als wäre der Lendbreen-Pass nicht nur ein Weg für örtliche Bauern gewesen, die zwischen ihren Weideflächen hin und her reisten. Piløs Team entdeckte auch mehrere Cairns – künstliche Steinhügel –, die Menschen von weiter weg bei der Orientierung helfen sollten, damit sie den Pass auch bei längeren Reisen durch Skandinavien überqueren konnten. Die Cairns und der Fund eines Hufeisens (und sogar eines Pferde-Schneeschuhs) seien „sehr überzeugende“ Hinweise darauf, dass das Eisfeld fast 1.000 Jahre lang eine viel genutzte Reiseroute war, sagt Pilø. Damit wäre es der erste solche Pass, der in Nordeuropa bislang entdeckt wurde.

Der Gletscherarchäologe Albert Hafner von der Universität Bern, der an der aktuellen Studie nicht beteiligt war, sieht das ebenso. „Ich finde die Argumente recht deutlich“, sagt er. 2003 entdeckte Hafner hunderte von Artefakten – die bis auf das Jahr 4800 v. Chr. zurückgingen – am Schnidejoch. Dieser Gebirgspass in den Schweizer Alpen wurde ebenfalls von einem schmelzenden Eisfeld freigelegt. „Das ist ziemlich spannend, dass es in Skandinavien eine ähnliche Stätte gibt“, so Hafner.

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Die aktuelle Studie behandelt nur jene Objekte, die bis zum Jahr 2015 analysiert wurden. Hunderte weitere warten noch immer darauf, datiert und beschrieben zu werden. Auch ungeklärte Fragen darüber, warum der Pass aufgegeben wurde, stehen noch im Raum. „Der Niedergang beginnt vor der [Pest-] Pandemie, aber wir haben dafür noch keine gute Erklärung“, sagt Pilø. Aber die intensivsten Jahre der Passnutzung decken sich mit einer Periode, in der sowohl Handel als auch Urbanisierung in dem Gebiet wuchsen. Diese Zeit des Wohlstands erklärt den Bedarf an einem schnellen Weg durch die Berge.

Die Arbeit an der Lendbreen-Stätte wurde 2019 beendet. Nun sucht Pilø in den zerbrechlichen Eisflächen Norwegens nach weiteren Objekten, die durch das umfangreiche Abschmelzen der Eismassen zum Vorschein kommen. Zahlreiche Artefakte „lagern praktisch in einem gigantischen, prähistorischen Tiefkühler“, sagt Pilø. „Sie sind nicht gealtert. Ich sage manchmal im Spaß, dass das Eis eine Zeitmaschine ist, aber das ist schon mehr als nur ein Witz. Es transportiert die Artefakte in unsere Zeit.“

Damit das geschieht, muss das Eis aber schmelzen. Durch den Klimawandel und die ungewöhnlich heißen Sommer löst sich Norwegens gesamte Kryosphäre langsam, aber sicher auf – jeder wundersame archäologische Fund ist deshalb ein bittersüßer Erfolg.

Die Archäologen schlugen 2018 ihr Basislager vor dem Lendbreen-Eisfeld auf.

Bild Espen Finstad, Secrets of the Ice

„Wir versuchen, uns auf die Arbeit zu konzentrieren, wenn wir vor Ort sind, aber das Thema kommt immer wieder auf“, so Pilø. „Diesen Job kann man einfach nicht ohne so ein sehr mulmiges Gefühl wegen der Zukunft machen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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